Gezieltes Krafttraining hilft Krebspatienten – hier am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg
„Im Prinzip darf jeder Krebspatient zu jeder Zeit Sport treiben“, sagt Professorin Cornelia Ulrich, die die Abteilung Präventive Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg leitet.
Je früher Er oder Sie nach der Therapie damit beginnt, desto besser. „Wir empfehlen Patienten, sich sogar schon während der Behandlung wieder gezielt zu bewegen“, ergänzt Dr. Joachim Wiskemann, Leiter des klinischen Sportprogramms an selbigem Zentrum.
Dr. Eva Kalbheim von der Deutschen Krebshilfe, einer gemeinnützigen Organisation in Bonn, bezeichnet diese Empfehlungen als einen Paradigmenwechsel. Und das nicht ohne Grund. Denn früher hieß es: Wer eine Chemotherapie durchmacht, bestrahlt wird oder operiert wurde, soll sich konsequent schonen. Und auch nach der Behandlung sollten sich Patienten eher weniger als mehr körperlich beanspruchen.
Inzwischen haben jedoch zahlreiche Studien belegt, dass die meisten Menschen mit Krebs von Sport profitieren. Wer bereits während der Behandlung wieder sportlich aktiv wird, verträgt zum Beispiel häufig die Chemotherapie besser. Zudem gibt es Hinweise, dass gezielte Übungen – die direkt nach einer Brustkrebs-Operation beginnen – einem Lymphödem vorbeugen können. Diese schmerzhafte Schwellung am Arm kann auftreten, wenn der Chirurg in der Achselhöhle Lymphknoten entfernen musste. Wer lange Zeit auf dem Krankenbett verbringt, kann darüber hinaus durch angepasstes Krafttraining seine Muskeln wieder aufbauen. Wichtig: Sport treiben dürfen Patienten während der Therapie nur in Absprache mit ihrem Arzt und abhängig von ihrem individuellen Zustand. Denn überfordern dürfen sie sich nicht.
In der Krebsnachsorge hat Sport – etwa in Form von Krankengymnastik oder Bewegungstraining – meist schon einen festen Stellenwert. Und zwar zur Rehabilitation. Viele kämpfen mit den Folgen der Behandlung, fühlen sich zum Beispiel noch lange nach einer Chemotherapie sehr erschöpft und müde. Experten sprechen dabei vom sogenannten Fatigue-Syndrom. „Durch Sport lässt sich dieser Zustand erfolgreich bekämpfen“, weiß Ulrich. Denn wer sich bewegt, tut nicht nur seinem Körper etwas Gutes. Auch die Seele tankt neue Kraft. Außerdem lenkt ein Spaziergang an frischer Luft von dem ab, was sonst oft im Vordergrund steht: der Frage, wie es weitergeht und ob der Krebs wiederkehrt. „Sport steigert die Lebensqualität beträchtlich und hilft Betroffenen, wieder ins Leben zurückzukehren“, erklärt Kalbheim.
Ob sich Sport auf den weiteren Verlauf von Krebs positiv auswirkt, ist bisher nicht ausreichend belegt. Immerhin gibt es vielversprechende Hinweise: Sind Menschen, die Brust- oder Darmkrebs hatten, nach der Therapie körperlich aktiv, erleiden sie laut Studien seltener einen Rückfall. Wiskemann sagt dazu: „Je mehr Sport jemand nach einer Krebserkrankung treibt, desto höher scheinen seine Überlebenschancen zu sein“. Dies würden Wissenschaftler und Ärzte immer wieder bei ihren Patienten beobachten.
Eignet sich jede Sportart? Generell schon. Allerdings wissen Krebsforscher derzeit nicht genau, welche Art von Training sie welchem Patienten idealerweise empfehlen. Und wann er am meisten davon profitiert. Gute Ergebnisse erzielt das Team am NCT mit einer Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining, die schon während der Therapie beginnt. Unter Aufsicht kräftigen Patienten an Sportgeräten ihre Muskeln (siehe Foto). Herz und Kreislauf stärken sie durch Ausdauersportarten wie Nordic Walking, Radfahren oder Joggen. Diese Kombi empfehlen die Experten generell auch, wenn die Therapie abgeschlossen ist.
Gibt es Einschränkungen? Wenige. Wer operiert wurde, darf zum Beispiel erst „richtig“ Sport treiben, wenn die Wunde gut verheilt ist. Während einer Chemotherapie eignet sich Schwimmen eher nicht, da die Medikamente den Körper schwächen – und damit im Regelfall auch das Abwehrsystem. „Im Schwimmbad ist die Infektgefahr größer als beispielsweise bei Nordic Walking“, erklärt Sportwissenschaftler Wiskemann. Betrifft der Krebs die Knochen, kann Sport in seltenen Fällen auch schaden.
Deshalb gilt: Immer mit dem behandelnden Arzt oder der Klinik besprechen, ob aus deren Sicht etwas gegen Sport spricht. Zusätzlich sollte unbedingt ein gründlicher Check-up erfolgen. Hierbei ermittelt der Arzt unter anderem, wie belastbar der Patient ist und wie intensiv er trainieren darf. Wer sich darüber hinaus selbst zum Thema Sport bei Krebs informieren möchte, kann sich zum Beispiel an die jeweiligen Landessportbünde wenden, an Selbsthilfegruppen oder die Deutsche Krebshilfe.
Dr. Martina Melzer / www.apotheken-umschau.de;
26.01.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Digital Vision, NCT Heidelberg
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