Warum Irene, warum gerade sie?, dachte Peter Grünhagen, nachdem er erfahren hatte, dass seine Frau an Brustkrebs erkrankt war. „Ständig grübelte ich darüber nach, was nun mit Irene passiert und ob sie die Krankheit überleben wird.“ Um seine Frau nicht zusätzlich zu belasten, versuchte der 61-jährige Starkstromelektriker seine Sorgen und Ängste von ihr fernzuhalten. Irene Grünhagen spürte, wie sich ihr Mann veränderte, und bemerkte, dass er oft traurig schaute. Darüber geredet hat das Paar aber nicht.
Krebs bedroht die Beziehung
So wie Peter Grünhagen geht es vielen Männern, wenn sie erfahren, dass ihre Partnerin an einem Tumor erkrankt ist. Sie stecken dann in einer schwierigen Doppelrolle. Auf der einen Seite möchten sie ihre Partnerin praktisch und emotional unterstützen. Auf der anderen Seite müssen sie mit ihren eigenen, meist verheimlichten Befürchtungen zurechtkommen. Doch auch den Frauen fällt es schwer, ihre Wünsche und Sorgen dem Lebensgefährten anzuvertrauen – aus Angst, ihn zu überlasten.
Inzwischen belegen Forschungen, dass gerade dieser Umgang mit der bedrohlichen Krebserkrankung Beziehungen langfristig instabiler macht und zerbrechen lässt. „Beide Partner entfernen sich durch solche Strategien emotional voneinander“, sagt Dr. Tanja Zimmermann vom Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig.
Für krebskranke Frauen und Männer bestehen bundesweit psychische Begleitangebote, jedoch nicht für Paare. So etwas gibt es bislang nur in wenigen Studien, wie an der TU Braunschweig. Dort läuft nach einer ersten Untersuchung mit Paaren, bei denen die Frauen an Brustkrebs erkrankt waren, eine Folgestudie. Die jüngsten Teilnehmer sind um die 30, die ältesten 70. Die Grünhagens gehören auch dazu – weitere Paare für das Trainingsprogramm „Seite an Seite“ sind willkommen (Kontakt: www.seiteanseite.de).
Mit nur vier Terminen von jeweils rund zwei Stunden nimmt dieses Training wenig Zeit in Anspruch. Für die drei Wochen zwischen den Sitzungen erhält das Paar Aufgaben, etwa dem anderen kleine Wünsche zu erfüllen. „In diesen vier Doppelstunden lernen die Brustkrebspatientin und ihr Partner, so miteinander über die Erkrankung und den damit einhergehenden Stress zu sprechen, dass beide nicht nur besser damit umgehen können, sondern auch ihre Beziehung stabilisiert wird“, erläutert Professor Peter Herschbach, Direktor des Roman-Herzog-Krebszentrums in München.
Reden – aber richtig
In der ersten Einheit erzählen sich die Partner etwa, was sie fühlten, als sie die Diagnose Krebs erfuhren. Dabei trainieren sie bestimmte Regeln, die sie später auch in anderen Situationen anwenden sollen, etwa bei Stress oder einem Gespräch über sexuelle Wünsche. Die strikten Vorgaben gelten für den Sprecher wie auch für den Zuhörer. „Wenn ich heute mit Peter rede, mache ich das fast immer in der Ich-Form. Dabei schaue ich ihn an. Ich spreche von meinen Gefühlen und bleibe bei einer konkreten Situation oder einem bestimmten Verhalten“, sagt Irene Grünhagen.
Durch Körpersprache signalisiert der Partner, dass er aufmerksam zuhört. In eigenen Worten fasst er zusammen, was er verstanden hat, und stellt dazu offene Fragen, etwa: Wie hast du das gefühlt? „Wir haben auch früher miteinander gesprochen, aber anders, nicht so deutlich“, stellt die 58-Jährige inzwischen fest. Peter Grünhagen sagt, dass er sich durch diese Gespräche „befreiter fühlt“. Für die Diplom-Psychologin Tanja Zimmermann steht dabei eine Aufgabe im Zentrum: „Ich muss als Trainerin vor allem darauf achten, dass die Paare sich an diese Regeln halten.“
Auch Tabuthemen ansprechen
Am Ende eines Termins kreuzen die Partner jeweils drei Wünsche an, die der andere erfüllen soll, wie „bei Arbeiten im Haushalt helfen“ oder „mit mir schmusen“ oder „mich zu Terminen fahren“. „Ich hatte anfangs Schwierigkeiten, etwas auszuwählen, weil mein Mann schon so viel für mich tut“, sagt Irene Grünhagen. Im zweiten Schritt geht es darum, Stress gemeinsam zu bewältigen; der dritte führt zurück in den Alltag. „Da setzen wir uns Ziele“, sagt Irene Grünhagen. Ihr Mann fügt hinzu: „Ab dem nächsten Jahr möchten wir wieder Radtouren machen können.“
Beim letzten Treffen folgt der Blick auf das veränderte Leben mit Krebs und auf das Thema Sexualität. „Über Sexualität spricht man nicht. Das ist nach wie vor ein großes Tabuthema – auch bei professionellen Helfern wie Ärzten“, sagt Zimmermann. Dabei haben viele Paare Sorgen vor dem „ersten Mal“ nach der Erkrankung. Hinzu kommen Probleme der Frau mit der noch ungewohnten körperlichen Veränderung. Ohne es voneinander zu wissen, wünschten sich bei dem Termin beide Grünhagens mehr Zärtlichkeiten vom anderen. „Vorher schien uns das gar nicht so bedeutsam“, sagt Irene Grünhagen. Zimmermann betont: „Für uns ist es wichtig, das Paar so zu unterstützen, dass es darüber reden kann.“ Die Ergebnisse der ersten Studie geben ihr recht. Bei Paaren, die diese Therapie erhalten hatten, nahmen die sexuellen Aktivitäten zu. Auf die Kontrollgruppe traf das nicht zu.
Was wenige Stunden bewirken
In anderen Bereichen zeigten sich ebenso klare Effekte: Die Frauen fühlten sich deutlich weniger belastet als zuvor. Und die Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung war gesunken. Außerdem gelang es den Paaren, Stresssituationen auf hohem Niveau zu bewältigen. „Dagegen nahm in der Kontrollgruppe die Zufriedenheit ab, auch glückte die Stressbewältigung seltener“, sagt Zimmermann. Psychoonkologe Herschbach betont: „Mich fasziniert dieses therapeutische Gesprächskonzept, weil es mit wenig Aufwand an intensiver Psychotherapie eine nachhaltige Wirkung erzielt.“
Christine Wolfrum / Apotheken Umschau;
01.11.2011
Bildnachweis: plainpicture/Lukasz Chrobok
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