So wirksam ist die Vorsorge-Darmspiegelung

Noch gehen recht wenige Menschen zur Darmspiegelung. Dabei bietet die Früherkennung bei keinem anderen Krebs derart große Chancen wie bei Darmkrebs

von Gerlinde Gukelberger-Felix, aktualisiert am 04.04.2016

Gefährdeter Bereich: Darmkrebs bildet sich meist im Dickdarm (dunkelrosa)

W&B/Jörg Neisel/Fotolia

Irgendwann stellt sich jedem die Frage: Lohnt es sich, zu der Darmspiegelung zu gehen, die einem beim gesetzlichen Darmkrebs-Früherkennungsprogramm im Alter von 55 Jahren erstmals angeboten wird? Derzeit nutzen nur 20 bis 25 Prozent der Anspruchsberechtigten dieses Angebot. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Dritthäufigster Krebs in Deutschland

Darmkrebs ist hierzulande nach Brust- und Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung. Im Jahr 2014 sind etwa 35.500 Männer und 28.400 Frauen erstmals an Dickdarmkrebs – dem weitaus häufigsten Darmkrebs – erkrankt. Seit 2002 ist die Darmspiegelung – von Ärzten Koloskopie genannt – Teil des nationalen Früherkennungsprogramms, des sogenannten Darmkrebs-Screenings. Konkret heißt das: Ab einem Alter von 55 zahlen die gesetzlichen Krankenkassen Männern und Frauen zwei Darmspiegelungen. Die erste kann man sofort oder später machen lassen; bei unauffälligem Befund eine zweite frühestens zehn Jahre nach der ersten.

Die Vorsorgeuntersuchung soll Dickdarmtumore in einem möglichst frühen Stadium aufspüren. Oder besser noch: Sie soll Darmkrebs verhindern. Denn eine Darmspiegelung bietet die Chance, direkt bei der Untersuchung Gefahrenherde zu entfernen, ehe sie ihr zerstörerisches Potential entwickeln können. Denn ein bösartiger Darmtumor entsteht sehr häufig aus zunächst harmlosen Polypen. Entdeckt der Arzt bei der Spiegelung so eine Wucherung, kann er sie meist sofort entfernen – und so dem Krebs vorbeugen.  

Hinzu kommt: Wird Darmkrebs früh entdeckt, sind die Heilungschancen ausgezeichnet. "Später nehmen sie deutlich ab", warnt Professor Michael Heike, Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Hämatologie/Internistische Onkologie und Direktor der Medizinischen Klinik Mitte, Dortmund.


Darmkrebs kann bereits in jungen Jahren auftreten

Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, steigt ab dem Alter von 50 Jahren deutlich an. Aber etwa 15 Prozent der Darmkrebserkrankungen betreffen Menschen, die jünger sind als 50 Jahre. Das hat eine US-Studie kürzlich bestätigt. Bei jüngeren Patienten ist es zudem wahrscheinlicher, dass sich der Krebs bei seiner Entdeckung bereits ausgebreitet hat. Deshalb raten Fachleute bei einem bekannten genetischen Risiko, sich schon früher vorsorglich untersuchen zu lassen. Sind Verwandte ersten Grades an Darmkrebs erkrankt, lautet die Empfehlung, sich bereits zehn Jahre vor Erreichen jenes Alters spiegeln zu lassen, in dem bei dem Verwandten der Darmkrebs festgestellt wurde.

Erfolg zeichnet sich bereits deutlich ab

Doch wie groß ist der Vorteil der Darmkrebs-Reihenuntersuchung wirklich? Nach der Einführung des Screenings hat das nationale Vorsorge-Koloskopie-Register zwischen 2003 und 2012 entsprechende Daten erfasst: Innerhalb dieses Jahrzehnts wurden insgesamt 4,4  Millionen Vorsorge-Darmspiegelungen vorgenommen. Einer Modellrechnung zufolge hat das in zehn Jahren insgesamt 180.000 Dickdarmkrebserkrankungen verhindert. Weitere etwa 40.000 Erkrankungen haben Ärzte in einem frühen, zumeist heilbaren Stadium entdeckt. Dem gegenüber stehen etwa 4500 Überdiagnosen – verglichen zum Beispiel mit dem Brustkrebsscreening eine gute Quote.


Darmspiegelung: Über den Monitor sucht der Arzt den Dickdarm nach verdächtigen Veränderungen ab

Caro/Oberhäuser

Seit Einführung des Darmkrebs-Screenings sank die Zahl der Neuerkrankungen deutlich und ebenso die Zahl der Todesfälle durch Darmkrebs. Eine Trendumkehr, denn bis 2002, also bis zum Start des Screenings, waren die Fallzahlen kontinuierlich gestiegen, wie Langzeitdaten des saarländischen Krebsregisters belegen.

Frauen gehen früher hin und profitieren stärker

"Zwischen 2003 und 2012 ist die Darmkrebs-Neuerkrankungsrate in Deutschland um rund 14 Prozent gesunken", berichtet der Epidemiologe Professor Hermann Brenner von der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Brenner zählt zu jenen Wissenschaftlern, die an den Hochrechnungen und Modellrechnungen der letzten Jahre beteiligt waren.

Der Rückgang um 14 Prozent ist bereits um einen Demografie-Effekt bereinigt, Epidemiologen nennen das "altersstandardisiert". Dabei wird der Einfluss der wachsenden Lebenserwartung in der Bevölkerung heraus gerechnet. Nur so lassen sich die Erkrankungsraten früherer Jahre mit denen von 2012 wirklich vergleichen. Denn je höher die Chance, steinalt zu werden, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, irgendwann an Krebs zu erkranken.

Im Einzelnen profitierte vor allem die Altersgruppe ab 55 Jahren vom starken Rückgang an neu diagnostizierten bösartigen Darmtumoren – Frauen noch mehr als Männer: "Die Darmkrebs-Sterblichkeit sank bei ihnen während der Laufzeit der Erhebung um über 26 Prozent im Vergleich zu 21 Prozent bei den Männern", sagt Brenner. Vermutlich sind die Frauen deshalb besser dran, weil sie im Durchschnitt früher am Darmkrebsscreening teilnehmen als Männer. Dabei sollten eigentlich Männer das Angebot zur Darmkrebs-Vorsorge möglichst bald nutzen, weil bei ihnen das Darmkrebsrisiko bereits in jüngerem Alter deutlich steigt.

Screening-Koloskopie ist der entscheidende Faktor

Insgesamt ist der Rückgang der Darmkrebshäufigkeit hauptsächlich der Screening-Koloskopie zu verdanken. Darüber sind sich die Heidelberger Epidemiologen aufgrund ihrer Analysen ziemlich sicher. Eine kleine Ungenauigkeit bleibt, denn die Registerdaten der Screening-Darmspiegelungen konnten nicht mit den Daten des Epidemiologischen Krebsregisters verknüpft werden; hauptsächlich aus datenschutzrechtlichen Gründen. Deshalb sei es, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit, mit ihrer Auswertung nur möglich, indirekte Schlußfolgerungen über den wahren Nutzen der Screening-Koloskopie zu ziehen. Auch scheint es vorzukommen, dass nicht alle Darmkrebserkrankungen als solche gemeldet werden. Denn der bundesweite Aufbau des Screenings läuft immer noch. Das volle Potenzial des Vorsorgeangebots wird sich auch erst in einigen Jahren zeigen: Darmkrebs entwickelt sich in den meisten Fällen sehr langsam. Wissenschaftler erfahren daher erst in einiger Zeit ganz genau, wie viele Neuerkrankungen verhindert wurden.

Auf 28 Darmspiegelungen kommt ein verhinderter Krebs

Laut der Modellrechnung mit den Daten aus den ersten zehn Jahren des Programms kommt auf 28 Koloskopien eine verhinderte Darmkrebserkrankung. "Die Zahl der Neuerkrankungen könnte bei besserer Nutzung der Vorsorgekoloskopie deutlich niedriger sein", betont Brenner. Noch werden viele Darmtumore eher zufällig entdeckt, weil derzeit 20 bis 30 Prozent der Menschen ab 55 Jahren eine Darmspiegelung aufgrund einer anderen Erkrankung oder zur diagnostischen Abklärung erhalten. Dass sich nur 20 bis 25 Prozent der Altersgruppe bei der Vorsorge einer Darmspiegelung unterziehen, bedeutet unterm Strich, dass viele Menschen eine Chance vertun. "Heute gibt es in Deutschland jedes Jahr mehr als 60.000 Darmkrebs-Neuerkrankungen und mehr als 25.000 Darmkrebs-Todesfälle. Die meisten dieser Fälle könnten durch eine Darmspiegelung vermieden werden – das ist das beste Argument dafür, dieses effektive Vorsorgeangebot zu nutzen!", sagt Brenner in einer Pressemitteilung des DKFZ.


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Bildnachweis: Digital Vision/ RYF, W&B/Jörg Neisel/Fotolia, Mauritius/Flirt, Caro/Oberhäuser

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