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Seelische Hilfe bei Krebs

Psycho-Onkologie: Information, Entspannung und Gespräche mindern den Leidensdruck von Menschen, die an einem Tumor erkrankt sind


Beratung: Psycho-Onkologin Pia Heußner hört einer Patientin zu

"Sie haben Krebs." Diese Diagnose hören jedes Jahr mehr als 430.000 Menschen in Deutschland von ihrem Arzt. Das ist der Augenblick, in dem viele Patienten aus ihrem gewohnten Alltag fallen. Sie müssen Operation, Chemotherapie und Bestrahlung durchstehen, ohne zu wissen, wie weit das nutzt und wie es nachher weitergeht mit der Partnerin oder dem Partner, der Familie, der Arbeit – also mit ihrem gesamten Leben.

 

„Dann wird der Tumor zum bestimmenden Element, und die Patienten erleben einen gewissen Kontrollverlust“, erklärt Dr. Pia Heußner, Leiterin der Psycho-Onkologie am Klinikum Großhadern der Universität München. In dieser Krisensituation brauchen der Erkrankte ebenso wie seine Angehörigen oft professionelle psychosoziale Hilfe.


Diese kann sehr unterschiedlich aussehen. Ein Angebot ist beispielsweise die Psycho-Edukation. Hier erhält der Patient ausführliche Informationen etwa über Behandlungsmethoden, die Nachsorge und finanzielle Fragen.

Erbrechen und Schmerz lindern


Krebskranke wollen aber auch Begleiterscheinungen der Krankheit lindern, wie Übelkeit, Schmerzen, ständige Müdigkeit und Schlafstörungen. „Solche Beschwerden haben eine teils körperliche, teils psychische Komponente“, sagt Heußner. In der Psycho-Onkologie geht es außerdem darum, die Krankheit zu verarbeiten und mit der veränderten eigenen Rolle im Leben klarzukommen.

 

Laut Schätzungen entwickeln 25 bis 30 Prozent aller Menschen wegen ihrer Krebserkrankung unter anderem Angststörungen und Depressionen. Das belastet das ohnehin schwere Leben zusätzlich. „Ängste kommen häufig zum Vorschein, sobald alle Behandlungen abgeschlossen sind und nichts mehr gegen den Krebs unternommen wird“, berichtet die Psycho-Onkologin Antje Lehmann-Laue, Leiterin der ambulanten Krebsberatungsstelle an der Universität Leipzig. Es gibt also verschiedene Zeiten, zu denen unterschiedliche Hilfe benötigt wird.

Mitteilen oder verschweigen?

Ein wichtiger, früher oft vernachlässigter und seit Kurzem in Forschungsprojekten untersuchter Bereich ist der Konflikt: „Sage ich es meinem Kind oder besser doch nicht?“ Klar ist, dass ein krebskranker Elternteil den Nachwuchs schützen will. Doch dieses Schonbedürfnis und das daraus resultierende Verschweigen verunsichern Kinder extrem. „Sie entwickeln Ängste und Fantasien, die zum Teil noch viel schrecklicher sind als die Realität“, erläutert Heußner.

Entspannung wirkt

Inzwischen weisen zahlreiche Studien nach, dass psycho-onkologische Unterstützung viel bewirkt: So verringerte Psycho-Edukation die Angst und Depressivität und entlastete sowohl Patienten als auch Angehörige. „Entspannungsverfahren beispielsweise können bei der Bewältigung körperlicher Symptome wie Schmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen sehr sinnvoll sein“, sagt Pia Heußner.

 

Neben progressiver Muskelrelaxation nach Jacobson und anderen Programmen zur Stressminderung haben sich in den vergangenen Jahren moderne körperorientierte Verfahren wie etwa Qigong, Tai-Chi und Atemtherapie nachweislich bewährt. In Gruppen-, in Einzel-, Paar- oder Familientherapie sowie in Selbsthilfegruppen findet der Kranke weiteren Halt.

 

Psycho-Onkologie könne die Lebensqualität des Krebskranken deutlich verbessern, die Zeit des Überlebens jedoch nicht verlängern, betonen beide Expertinnen, auch wenn dies immer wieder behauptet werde.

Unterschiedliche Wünsche


„Rund 70 Prozent der Ratsuchenden sind Frauen, 30 Prozent Männer“, sagt Lehmann-Laue. Eine Untersuchung der Universität Leipzig zeigt: Männer wünschen sich bei psychischer Belastung verstärkt Unterstützung von Ärzten und vom Pflegepersonal. Frauen dagegen erwarten häufiger Hilfe von Psychologen oder Sozialarbeitern. Vielleicht müssen die psychosozialen Angebote je nach Geschlecht etwas anders aussehen, damit sie angenommen werden.

 

Um einem Krebspatienten seelische Folgeerkrankungen und zusätzliche Beschwerden zu ersparen, sollte er gleich zu Beginn der Diagnose psycho-onkologische Angebote erhalten. Dann kann er wählen, ob und wann er sie nutzen möchte. Das zumindest legen Studien nahe. In der Praxis lässt sich das wegen fehlender Psycho-Onkologen längst nicht überall verwirklichen. Expertin Lehmann-Laue: „Wir unterstützen den Krebspatienten dabei, herauszufinden, was er von seinem früheren Leben bewahren kann und wo er sich umorientieren muss, um wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.“


Hilfreiche Adressen:

  • Deutsche Krebsgesellschaft e. V., Tiergarten Tower, Straße des 17. Juni 106 –108, 10623 Berlin, Telefon: 0 30/32 29 32 90, im Internet unter www.krebsgesellschaft.de
  • Deutsche Krebshilfe e. V., Buschstr. 32, 53113 Bonn, Telefon: 02 28/72 99 00, im Internet unter www.krebshilfe.de
  • Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie e. V., Kardinal-von-Galen-Ring 10, 48149 Münster, im Internet unter www.dapo-ev.de
  • Ein Adressenverzeichnis von Psycho-Onkologen finden Sie auch unter www.gsk-onkologie.de


Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 09.03.2010, aktualisiert am 25.06.2010
Bildnachweis: W&B/Jens Küsters

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