Im Fadenkreuz: Rotes Laserlicht markiert das Ziel der Ionenstrahlen – hier einen Tumor der Schädelbasis
Seit November 2009 gibt es eine neue Waffe gegen Krebs. Sie steht im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT): Dort bringt ein Teilchenbeschleuniger geladene Kohlenstoffatome zunächst auf bis zu 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit. An der Austrittsöffnung lenken Magnete die Geschosse dann in Tumore von Patienten.
Der Aufwand dafür ist gigantisch. Allein sechs 25 Tonnen schwere Magnete halten die elektrisch geladenen Teilchen (Ionen) auf einer Kreisbahn. Bei maximaler Auslastung verbraucht das HIT so viel Energie wie eine Stadt mit 10.000 Einwohnern. „Unsere Anlage kann Tumore mit einer bislang unerreichten Präzision bestrahlen“, freut sich Professor Jürgen Debus, Leiter der Therapieeinrichtung. Magnete lenken die Kohlenstoffionen millimetergenau in ihr Ziel. Diese reagieren bei ihrem Eintritt in den Körper zunächst kaum mit dem Gewebe.
Erst dort, wo sie abrupt zum Stillstand kommen, entfalten sie ihre zerstörerische Kraft. Anders die klassischen Röntgen- und Gammastrahlen: Sie wirken am stärksten knapp hinter der Eintrittsstelle und werden auf ihrer weiteren Bahn allmählich abgeschwächt.
Debus erprobte die Therapie mit Kohlenstoffionen zunächst an Tumoren der Schädelbasis. Seit 1997 ließ er mehr als 400 Krebskranke bestrahlen. Ergebnis: 89 Prozent der Patienten mit einem Chordom (Knochenkrebs) und 95 Prozent mit einem Chondrosarkom (Knorpelkrebs) überlebten die nächsten fünf Jahre. Zum Vergleich: Selbst eine optimierte Röntgentherapie erreicht nur eine Erfolgsquote von knapp über 50 Prozent. „Für Tumore der Schädelbasis ist diese Ionenbehandlung mittlerweile als Standard etabliert“, berichtet Debus. Damit lässt sich das Krebsgewebe tief im Kopf und direkt neben dem Sehnerv am besten bestrahlen.
Bei vielen anderen Tumoren ist der Vorteil der aufwendigen Methode dagegen ungewiss. „Es steht nicht von vornherein fest, dass die günstigen physikalischen Eigenschaften von Ionen dem Patienten nützen“, sagt Professor Normann Willich, Leiter der Klinik für Strahlentherapie der Universität Münster. Denn längst nicht immer bestimmt Präzision den Therapieerfolg, zum Beispiel bei Brustkrebs. „Hier bestrahlen Radiologen eine operierte Brust großflächig, um auch mikroskopisch kleine Tumore zu zerstören“, erläutert Willich.
Zudem wurde die Röntgentechnik in den vergangenen Jahren verbessert. „Moderne Geräte können Tumore aus verschiedenen Richtungen mit variabler Intensität bestrahlen“, sagt Willich. Im Vergleich mit solchen optimierten Röntgenbehandlungen müssen teure Ionentherapien – sie kosten im Schnitt dreimal so viel – sich erst bewähren. Willich hat zusammen mit Kollegen der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie Tumore identifiziert, an denen Ionentherapien erforscht werden sollen – allen voran einige Krebserkrankungen bei Kindern. „Wenn wir mit Ionen das bestrahlte Volumen im Körper verringen, lassen sich womöglich viele Zweittumore vermeiden“, hofft Willich. Denn Strahlen schädigen immer auch gesunde Zellen. Kinder tragen ein erhöhtes Risiko, dass daraus später ein neuer Tumor heranwächst. Ihre Zellen teilen sich noch viele Male und haben zudem Jahrzehnte Zeit, um irgendwann zu entarten.
Das HIT koordiniert die klinischen Studien aller Ionentherapiezentren in Deutschland. Bislang kann es als Einziges die Behandlung mit Schwerionen (Kohlenstoff, Sauerstoff, Helium) und Wasserstoffionen (Protonen) anbieten. Im Spätsommer soll ein Zentrum in Marburg und 2012 ein drittes in Kiel hinzukommen. Bereits seit März 2009 behandelt eine Einrichtung in München Patienten mit Protonen. In einigen Monaten soll ein Protonentherapiezentrum in Essen seinen Betrieb aufnehmen. Debus, der die Aktivitäten koordiniert, sagt: „Die klinischen Studien werden uns zeigen, welche Art von Strahlen bei welchem Tumor den besten Erfolg bringt.“
Dr. Achim G. Schneider / Apotheken Umschau;
07.03.2011
Bildnachweis: ddp Images GmbH/Sascha Schuermann, Universitätsklinikum Heidelberg
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