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Krebs: Wann eine Zweitmeinung sinnvoll ist

Viele Krebspatienten haben den Wunsch, ihre Krankheit und deren Behandlung von einem zweiten Experten beurteilen zu lassen. Wo man einen Arzt findet und wie die Beratung abläuft


Krebspatienten fühlen sich oft sicherer mit einer zweiten Beurteilung ihrer Krankheitssituation

Die Diagnose Krebs ist für die meisten Betroffenen ein großer Schock. Nur wenige Betroffene kennen sich zu diesem Zeitpunkt mit der Krankheit aus. Viele haben Angst und fühlen sich hilflos. Denn sie können nicht einschätzen, ob sie auch in besten Händen sind und ihr Arzt wirklich das Richtige tut.

Um sich Klarheit zu verschaffen, kann man einen weiteren Fachmann zu Rate ziehen. "Die Krankenkasse übernimmt in der Regel die Kosten für eine Zweitmeinung. Sicherheitshalber lohnt es sich, vor dem Gespräch mit der Kasse in Verbindung zu treten und das Problem zu erörtern", rät Wolfgang Zöller, der Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Alternativ zu dieser Möglichkeit gibt es auch private Anlaufstellen.


Auf genau diesen Bereich hat sich Professor Hans Helge Bartsch mit einem Team aus zahlreichen Fachleuten spezialisiert. Der Onkologe ist Leiter der Abteilung "Second opinion" an der Klinik für Tumorbiologie Freiburg. Das ist ein Angebot, dessen einziges Ziel es ist, Krebskranken eine zweite Beurteilung ihrer Krankheit und mögliche Therapieansätze zu liefern.

"So lange sich der Patient bei seinem behandelnden Arzt gut betreut fühlt und es eine eindeutige Behandlungsart für ihn gibt, fragen die wenigsten nach einer zweiten Meinung", sagt Bartsch. Das kann sich aber schnell ändern. Beispielsweise wenn der behandelnde Arzt nicht genügend Zeit für eine umfassende Betreuung hat oder der Patient aus anderen Gründen an der menschlichen oder medizinischen Kompetenz zu zweifeln beginnt.

Außerdem gibt es besonders komplizierte Krankheitsverläufe oder wiederkehrende Tumore, bei denen sich die Ärzte nicht mehr an die einfachen Leitlinienstandards halten können. "In solchen Situationen wird der Patient intensiv in die Therapieentscheidung mit eingebunden", erklärt Bartsch. Und dann beginnt das große Recherchieren.

Insbesondere bei ungewöhnlichen Krankheitsverläufen stoßen die Betroffenen irgendwann an die Grenzen der Informationen im Internet oder in Magazinen. Es wird immer schwieriger, zwischen wichtigen Hinweisen und Ratschlägen, die für die eigene Situation unzutreffend sind, zu unterscheiden.

Der nächste Schritt ist dann in der Regel die Befragung eines weiteren Experten. Aber wo findet man den? "Es ist ein eindeutiges Zeichen von Souveränität und Kompetenz, wenn der behandelnde Arzt jemanden empfiehlt", so Bartsch. Heutzutage sollte sich kein Mediziner mehr in Frage gestellt fühlen, wenn sich der Patient eine zweite Meinung einholen möchte.

Zu dem Termin bei dem zweiten Experten sollte der Patient zwei Dinge mitbringen: die vollständigen Unterlagen über seinen Krankheitsverlauf und einen oder zwei vertraute Begleitpersonen. Die Aufgabe des Zweitmeinungs-Experten ist zunächst nicht, eine neue Diagnose zu stellen. Er checkt die Befunde, schätzt die bereits bekannte Situation ein und gibt dann eine eigene Krankheitsbeurteilung und Therapieempfehlung ab.

"Unser Verständnis von Onkologie umschließt eine Gesamtberatung", erklärt Bartsch. Die Untersuchungen und Gespräche bei dem Ärzte- und Therapeutenteam erstrecken sich meistens über zwei Tage und dauern insgesamt rund acht Stunden. Dabei werden auch Themen wie  Psychoonkologie, Ernährungstipps, komplementäre Verfahren, Sport, Physiotherapie und Pflege betrachtet. Es ist ein Rundum-Paket, das weit über die medizinische Beratung hinausgeht", verspricht der Onkologe.

Die Begleitpersonen nehmen an allen Gesprächen teil – so lange der Patient dies wünscht. Es ist immer sinnvoll, jemanden mitzubringen, da der Betroffene selber oft nicht wirklich in der Lage ist, die Erklärungen und Erläuterungen objektiv aufzunehmen. "Es ist normal dass die Gedanken in solch einer Situation unkoordiniert umherschwirren", so Bartsch.

Die Kosten der "Second opinion" an der Klinik für Tumorbiologie Freiburg trägt der Patient selber. Sie belaufen sich auf 850 Euro. "Das deckt nicht einmal unsere Ausgaben", so Bartsch. Wie teuer die Beratung bei den einzelnen Stellen ist, kann man nicht verallgemeinern. Es gibt keine Vorschrift, welche Punkte die Beratung umfassen muss. Hinter einem attraktiven Namen kann sich leider manchmal auch nur eine Diagnostik verstecken, die dann wieder viele Fragen offen lässt.

Ein Arzt kann bei einem Kassenpatienten immer nur das abrechnen, was der Tarif erlaubt. „Ein Beratungsgespräch wird von der Kasse derart schlecht vergütet, dass so gut wie kein Arzt diese Leistung exklusiv anbieten kann“, kritisiert Bartsch. Daher kommt es immer wieder vor, dass Ärzte die Beratung mit neuen Untersuchungen finanzieren. Ein zweiter Blutcheck, neue Röntgenaufnahmen oder Computertomografien wären laut Bartsch aber in der Regel nicht notwendig.

Im Idealfall deckt sich die zweite Meinung mit der Empfehlung des ersten Arztes. Differieren die Einschätzungen, dann sollte der erste Schritt des Patienten sein, mit dem behandelnden Mediziner die neue Therapieansatz-Idee zu erörtern. Meistens führen die beiden Expertenmeinungen dann zu einer gemeinsamen Lösung. „In etwas mehr als 50 Prozent der Fälle setzen die Patienten unsere Ratschläge um“, so Bartsch. Besteht zu große Verwirrung, kann der Betroffene selbstverständlich auch eine dritte Meinung einholen. Das geschieht laut Bartsch aber nur selten.

„Von den Frauen suchen die meisten bei Brustkrebs Rat, die Männer kommen am häufigsten mit Prostatatumoren zu uns“, erzählt Bartsch. Die anderen Krebsarten, die die Patienten in die Klinik führen, sind sehr heterogener Natur. Das Verhältnis der Krebserkrankungen, bei denen Patienten eine Zweitmeinung suchen, entspricht also in etwa dem zahlenmäßigen Auftreten der Krebsarten insgesamt.

Unser Experte:


Professor Hans Helge Bartsch ist Onkologe und Leiter der Abteilung "Second opinion" an der Klinik für Tumorbiologie Freiburg. Dort bekommen Krebskranke auf eigene Kosten eine zweite Beurteilung ihres Leidens und mögliche Therapieansätze.



Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de; 24.01.2011, aktualisiert am 26.01.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, iStock/peepo

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