Gezielt unter die Haut: Bei Tumoren, die nicht tief im Körperinneren liegen, kommt häufig die lokale Oberflächenhyperthermie zum Einsatz
Die Zahl der Neuerkrankungen an Krebs ist in Deutschland nach wie vor sehr hoch. So schätzen Experten des Robert-Koch-Instituts aufgrund der Daten der epidemiologischen Krebsregister (GEKID), dass im Jahr 2010 etwa 450.000 Menschen in Deutschland neu an einem Tumor erkranken. Doch die Heilungschancen sind in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Dank ausgereifter Chemo- und Strahlentherapien lässt sich Krebs heute besser behandeln als je zuvor. Mediziner wollen nun eine weitere Methode verstärkt anwenden, die bisher eher ein Schattendasein fristete.
Die Überwärmungstherapie – in der Fachsprache Hyperthermie – konnte sich lange nicht durchsetzen. Zum einen fehlten Studienergebnisse, zum anderen brachten insbesondere unseriöse Anbieter die Therapie in Misskredit. Das führte dazu, dass die wissenschaftlich begründete Hyperthermie um ihren Platz in der Krebsmedizin kämpfen musste. Inzwischen liegen aber aus zahlreichen Studien so gute Daten vor, dass diese Therapiemethode zumindest bei einigen Tumorformen als etabliertes Verfahren mit großem Potenzial gilt.
Das Grundprinzip der Hyperthermie besteht darin, Krebszellen durch Überwärmung zu zerstören. So weiß man, dass Tumorzellen absterben, wenn sie auf eine Temperatur von etwa 42 Grad erhitzt werden. Doch durch Wärmeeinwirkung lassen sich nur bis zu 20 Prozent des Tumorgewebes zerstören. „Gute Erfolge erzielen wir in Bereichen, die schlecht durchblutet sind“, erklärt der Onkologe Professor Rolf Issels, der die Hyperthermie-Abteilung am Klinikum München-Großhadern leitet. In besser durchbluteten Arealen dagegen transportiert das Blut die von außen zugeführte Wärme sofort ab.
Die direkte zellschädigende Wirkung sei nicht das Wichtigste bei der Überwärmung des Tumors, sagt Issels. Man habe herausgefunden, dass die Hyperthermie in Kombination mit einer Chemo- oder Strahlentherapie besonders erfolgreich sei. „Die Wirkung eines Chemotherapeutikums kann mit steigender Temperatur bis zu dreimal stärker sein“, betont der Münchner Onkologe. Die Erklärung dafür: Weil Medikamente nur in gut durchblutetes Gewebe gelangen, Wärme sich dagegen besonders in schlecht durchbluteten Bereichen hält, tritt trotz geringerer Konzentration des Chemotherapeutikums eine synergistische Wirkung ein. Die Experten wenden die Überwärmung daher ausschließlich in Kombination mit einer Chemo- oder Strahlentherapie an. „Alles andere ist Hokuspokus“, sagt auch Professor Michael Bamberg, Ärztlicher Direktor der Klinik für Radioonkologie am Universitätsklinikum Tübingen.
Die Wirkung der Wärme zeigt sich ebenso in Zellkultur-Experimenten. „Versetzt man Krebszellen mit einem Zytostatikum und bringt das Gemisch dann auf eine höhere Temperatur, lässt sich der positive Effekt auch hier nachweisen“, sagt Experte Rolf Issels. Sogar ein dritter Mechanismus wurde entdeckt: Durch die Wärme werden beim Zerfall von Tumorzellen sogenannte Hitzeschockproteine freigesetzt. Diese regen das Immunsystem an und weisen Abwehrzellen den Weg zum Tumor. Das ist bislang allerdings eine auf experimentellen Ergebnissen beruhende Theorie, die demnächst im Rahmen einer klinischen Studie bestätigt werden soll.
Die oft geäußerte Spekulation, dass ein künstlich ausgelöstes Fieber zu einer positiven Wirkung beitragen soll, kann laut Issels nicht aufrechterhalten werden. Unseriöserweise werde das Patienten immer wieder gesagt, obwohl ein Beweis dafür ausstehe.
Genug Energie an den Krebsherd zu bringen und ihn dadurch zu zerstören erfordert eine aufwendige Technik. Dazu werden spezielle Ringapplikatoren wie ein breiter Metallgürtel um den Patienten gelegt. Konzentrisch platzierte Antennenpaare in der Apparatur sorgen dafür, dass Radiofrequenzwellen tief in das Gewebe gelangen und dort Wärme erzeugen. Ein Kühlsystem verhindert, dass die Haut Brandblasen bildet. Um sicherzustellen, dass die Temperatur im Tumorgewebe die erforderlichen 41 bis 43 Grad erreicht, bringen die Ärzte während eines kleinen Eingriffs Thermosonden in das Gewebe des Patienten ein. „Viele Kliniken, die Hyperthermie anbieten, verzichten auf jegliche Messung der Temperatur“, klagt Bamberg. Das sei nicht zu verantworten, weil man dann nicht wisse, ob die Wärme tatsächlich in dem betroffenen Gewebe ankommt.
Die Anwendung dauert etwa eine Stunde und erfolgt normalerweise zweimal wöchentlich. Die Kosten pro Behandlung mit regionaler Hyperthermie sind hoch. Die Mediziner begründen dies mit dem enormen technischen und personellen Aufwand – ein großes Team verschiedener Fachleute vom Arzt bis zum Physiker ist erforderlich, um die Planung, Durchführung und Überwachung der Therapie nach europäischen Qualitätsrichtlinien zu garantieren. Die Krankenkassen kommen für die Kosten nur unter bestimmten Voraussetzungen auf: „Weil die Beurteilung der Indikation schwierig ist und es auf den Einzelfall ankommt, haben wir im Auftrag der Krankenkassen ein Kompetenzzentrum am Klinikum der Universität München eingerichtet, das alle Anfragen von Ärzten und Kliniken überprüft. Sind die Voraussetzungen erfüllt, entscheiden die Kassen unabhängig, ob die Kosten übernommen werden können“, erklärt Issels.
Die Liste möglicherweise mit Hyperthermie behandelbarer Krebserkrankungen wird vermutlich in nächster Zeit länger. Bislang haben Studien die positive Wirkung nur bei lokal fortgeschrittenen oder resistenten Tumoren gezeigt, die teilweise nicht mehr herkömmlich behandelbar waren. So sind die Daten bei vorbestrahltem Gebärmutterhalskrebs, wiederkehrenden Tumoren (Rezidiven) des Enddarms oder bestimmten Blasenkrebserkrankungen eindeutig – die Hyperthermie zählt hier schon heute fast zur Standardtherapie. „Bei Hochrisiko-Weichteil-Sarkomen ist die Hyperthermie in Verbindung mit Chemotherapie nach aktuellem Stand der Studien eine gesicherte Behandlungsstrategie, die besser ist als alleinige Chemotherapie. Auch beim Brustwand-Rezidiv ist die positive Wirkung eindeutig belegt“, resümiert Issels.
Sehnlich erwarten die Mediziner Ergebnisse der sogenannten HEAT-Studie, die noch 2010 beginnen soll. Dabei wird überprüft, ob eine nach der Operation erfolgende Wärmebehandlung von Bauchspeicheldrüsenkarzinomen in Kombination mit der Standardchemotherapie die krankheitsfreie Überlebenszeit verlängern kann. Erste Untersuchungen seien vielversprechend verlaufen, berichtet Issels. Zu den sanften Verfahren gehört die Überwärmungstherapie aber keinesfalls. „Die lange Behandlung ist für viele Patienten sehr anstrengend und manchmal auch unangenehm“, sagt Bamberg. Risikoreich und teilweise unmöglich sei die Anwendung beispielsweise bei Patienten mit Schrittmachern oder künstlichen Hüftgelenken. Viele vertragen die Hyperthermie aber problemlos, sie zählt trotz allem zu den nebenwirkungsarmen Behandlungsformen. Bamberg ist überzeugt: „Die Hyperthermie gilt schon heute neben Operation, Chemo- und Strahlentherapie als die vierte Säule der Krebstherapie.“
Formen der Hyperthermie
Je nach Art des Tumors entscheidet sich der Arzt für eine bestimmte Methode der Hyperthermie. Die beiden wichtigsten Formen sind die lokale Oberflächenhyperthermie und die regionale Tiefenhyperthermie.
Lokale Oberflächenhyperthermie: Bei dicht unter der Haut liegenden Tumoren – wie bei Hautkrebs oder Tumoren der Lymphknoten am Hals – wird die Wärme von einem Applikator erzeugt und direkt auf die entsprechende Körperstelle übertragen.
Regionale Tiefenhyperthermie: Der Patient liegt in einem ringförmigen Applikator, der aufgrund seiner Bauweise eine tiefenwirksame Erwärmung ermöglicht. Damit lassen sich auch tief liegende Tumoren im Bauch- oder Beckenbereich erreichen. Computergesteuert wird die Wärme direkt auf den Krebsherd fokussiert.
Christian Krumm / Apotheken Umschau;
21.12.2010
Bildnachweis: DocCheck Medical Services GmbH/Charles de Beaulieu
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