Oberbegriff für Funktionsstörungen des Gehirns mit anfallsweise auftretenden Muskelkrämpfen, die durch plötzlich entstehende, simultane elektrische Entladungen großer Nervenzellgruppen des Gehirns bedingt sind. Betroffen sind ca. 0,8 % der Gesamtbevölkerung.
Gemeinsames Kennzeichen aller Epilepsieformen ist eine gesteigerte Krampfbereitschaft von Nervenzellverbänden des Gehirns, die durch ein Ungleichgewicht hemmender und fördernder Überträgerstoffe des Nervensystems (Neurotransmitter) hervorgerufen wird. Oft findet sich keine Ursache (idiopathische Epilepsie), z. T. besteht eine erbliche Belastung; die Erkrankung zeigt sich in diesen Fällen meist im Kindes- und Jugendalter. Die symptomatische Epilepsie ist Begleiterkrankung einer feststellbaren Hirnschädigung. Ursächlich können Schädigungen unterschiedlichster Herkunft sein, so z. B. Geburtsschäden, Schädel-Hirn-Verletzungen, Hirntumoren, Stoffwechselstörungen, Gehirnentzündungen (Enzephalitis) oder Durchblutungsstörungen des Gehirns. Nicht zur Epilepsie im engeren Sinne zählen die sog. Gelegenheitsanfälle (Gelegenheitskrampf), die nur unter besonderen Belastungen auftreten, z. B. als Krämpfe unter Alkoholentzug oder bei höherem Fieber v. a. im Kindesalter.
Heute sind zwei nebeneinander stehende Klassifikationssysteme gebräuchlich. So wird einerseits zwischen fokalen und generalisierten epileptischen Anfällen, andererseits zwischen fokalen und generalisierten Epilepsie-Syndromen unterschieden.
Klassifikation der epileptischen Anfälle: Generalisierte Anfälle werden von Anfang an von einer abnormen elektrischen Aktivität in beiden Gehirnhälften begleitet. Sie können wie der Grand-Mal-Anfall mit rhythmischen Zuckungen der Muskeln des gesamten Körpers und totalem Bewusstseinsverlust einhergehen oder aber, wie bei der Absence, nur durch eine plötzlich einsetzende und bis zu 30 Sek. andauernde Bewusstseinsstörung und begleitend milde motorische Symptome (z. B. Kauen, Nesteln, Kratzen) charakterisiert sein. Später können sich die Betroffenen bei beiden Anfallstypen nicht an den Zeitraum unmittelbar vor und nach dem Geschehnis erinnern.
Bei den fokalen Anfällen bleibt das ganze Krampfgeschehen oft nur auf einen Teil des Gehirns beschränkt. Kommt es z. B. zu örtlich begrenzten Muskelzuckungen oder Empfindungsstörungen bei erhaltenem Bewusstsein, liegt ein sog. einfach-fokaler Anfall vor. Beim einfach-fokalen Jackson-Anfall breiten sich diese Symptome aus, z. B. beginnen die Zuckungen in der Hand und wandern dann den Arm hinauf. Beim komplex-fokalen Anfall liegt gleichzeitig eine Bewusstseinsstörung vor. Wenn sich der zunächst auf einen Ausgangsort im Gehirn beschränkte fokale Anfall auf das ganze Gehirn ausbreitet, spricht man von einem sekundär generalisierten Anfall, der oft wie ein primärer Grand-Mal-Anfall mit überall am Körper auftretenden Muskelzuckungen einhergeht, aber im Gegensatz zu diesem z. B. mit einem Zittern der Hand oder des Fußes begonnen hat. Sonderformen der epileptischen Anfälle sind der Status epilepticus und die Anfallsserie, die durch in kurzen Abständen wiederholt auftretende Anfälle gekennzeichnet ist. Ausgelöst werden Anfälle bei Epileptikern durch eine Vielzahl von Faktoren, so z. B. Schlafentzug, gewisse Lichtquellen (z. B. Stroboskop), die Einnahme von Drogen, Alkohol im Übermaß oder durch manche Medikamente.
Klassifikation der Epilepsien: Den im Einzelnen aufgeführten epileptischen Syndromen kann nicht immer eine spezifische Ursache oder eine Prognose zugeordnet werden, sie werden vielmehr durch gemeinsame Charakteristika wie etwa das Auftreten in einem gewissen Alter oder das Vorherrschen eines Anfallstyps definiert:
Bei den generalisierten Epilepsiesyndromen sind von Anfang an beide Gehirnhälften von abnormer elektrischer Aktivität betroffen. Sie beginnen oft in der Kindheit und Jugend, meist vor dem 20. Lebensjahr, und können sowohl idiopathisch als auch symptomatisch sein. Gewisse Formen kommen nur während bestimmter Altersstufen im Kindesalter vor und äußern sich durch charakteristische Anfallstypen. Zu dieser Gruppe gehören z. B. das sog. West-Syndrom mit Blitz-Nick-Salaam-Krämpfen (erstmaliges Auftreten im 2.–8. Lebensmonat), das Lennox-Gastaut-Syndrom (erstmalig 2.–7. Lebensjahr), die Impulsiv-Petit-Mal (erstmalig 12.–20. Lebensjahr) und die verschiedenen Absencen (unterschiedliche Altersgruppen). Oft sind die Kinder geistig retardiert, die Anfälle sind mit Medikamenten nicht immer gut in den Griff zu bekommen.
Bei den fokalen Epilepsiesyndromen ist ein definierter Ausgangsort im Gehirn, an dem eine Hirnschädigung vorliegt, für das Krampfgeschehen verantwortlich. Oft ist das Bewusstsein bei dieser Anfallsform vollkommen erhalten. Ebenso wie generalisierte Epilepsien können sie sowohl symptomatisch als auch idiopathisch bedingt sein. Unterschieden werden außerdem Epilepsien des Stirnlappens des Gehirns (Frontallappenepilepsie) von solchen des Schläfenlappens (Temporallappenepilepsie), des Hinterhauptslappens (Okzipitallappenepilepsie) und des Scheitellappens (Parietallappenepilepsie).
Wenn erstmalig ein Krampfanfall auftritt, muss ein umfangreiches Diagnoseprogramm mit Ableitung der Hirnströme (EEG), Computertomografie und möglichst auch Kernspintomografie des Gehirns sowie von Fall zu Fall unterschiedlichen weiteren diagnostischen Verfahren erfolgen.
Behandlung: Bei Auftreten von mehr als zwei Anfällen jährlich ist eine medikamentöse Behandlung mit Epilepsiemedikamenten angezeigt, die über mindestens zwei Jahre, oft auch lebenslang fortgeführt werden muss. Liegen fassbare Ursachen einer symptomatischen Epilepsie vor, wird versucht, sie zu beseitigen. Falls dies nicht möglich ist, z. B. bei einem inoperablen Tumor, wird Anfallsfreiheit mithilfe von Epilepsiemedikamenten angestrebt. Ungefähr 2/3 der Erkrankten sind unter der medikamentösen Behandlung anfallsfrei. Die Methoden der Epilepsiechirurgie bleiben bei den idiopathischen Epilepsien Ausnahmefällen vorbehalten.
Erkrankte sollten auslösende Faktoren wie z. B. Schlafentzug, flackernde Lichtreize in Diskotheken oder Alkohol nach Möglichkeit vermeiden. Ein am Körper getragenes Merkblatt mit Erste-Hilfe-Maßnahmen kann Fremde, die den Betroffenen während eines Anfalls finden, über die Erkrankung und den Umgang informieren.
Brockhaus Gesundheit; 30.11.2010, aktualisiert am 14.09.2011
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