Das Image des Mannes als harter Kerl hat längst Schrammen bekommen. Sogar in Schönheitssalons und Anti-Aging-Praxen ist er bereits Kunde. Jetzt stellte auch noch eine groß angelegte Untersuchung fest: Auch Männer haben Krampfadern. Und als ob dies für das starke Geschlecht nicht schon schlimm genug wäre, nehmen die meisten Kerle die Erkrankung nicht ernst – eine fatale Fehleinschätzung.
Diese erste große Studie zum Thema „Männer und Krampfadern“ führte in diesem Jahr die Stuttgarter Seiter-Klinik durch, das größte Venenzentrum Baden-Württembergs. 3174 Patienten, Männer wie Frauen im Alter zwischen 17 und 89 Jahren, wurden in die Studie einbezogen. „Nach unseren Ergebnissen können wir sagen: Männer sind Vorsorgemuffel, sie unterschätzen und verharmlosen die Gefahr, die von einer Krampfader-Erkrankung ausgeht, leider viel zu häufig“, sagt der Studienleiter und Chefarzt der Klinik, Dr. Hans Seiter.
In der Europäischen Union treten jedes Jahr bei mehr als 1,5 Millionen Patienten Blutgerinnsel im Venensystem auf, sogenannte Thromboembolien. Über 500.000 Menschen sterben an den Folgen einer Lungenembolie – das sind mehr Opfer, als Brustkrebs, Prostatakrebs, das HI-Virus und Verkehrsunfälle zusammen fordern. Experten vermuten eine noch weit höhere Dunkelziffer.
Die Ursache jeder Lungenembolie sind sogenannte venöse Thromboembolien – Blutgerinnsel, die sich im tiefen Beinvenensystem bilden. Ausgeprägte Krampfadern erhöhen das Risiko für eine Lungenembolie, weil sie den Blutfluss verlangsamen und durch entzündliche Veränderungen der Venenwände die Entstehung von Thrombosen begünstigen können.
„Vermehrt sichtbare Venenzeichnung, Schwellungsneigung, auffälliges Schweregefühl der Beine nach langem Stehen oder Sitzen können Anzeichen einer Venenerkrankung sein und sollten abgeklärt werden“, erläutert Professor Bernd Balletshofer, Leiter des Gefäßzentrums der Universitätsklinik Tübingen. Spätestens wenn Rötungen oder bräunliche Pigmentierungen im Bereich der Unterschenkel auftreten, muss zügig eine Diagnostik erfolgen. Balletshofer weist darauf hin, dass bei plötzlichen einseitigen Beinschwellungen oder -schmerzen, insbesondere nach längeren Liegephasen, immer auch an eine Thrombose gedacht werden muss. Da diese lebensbedrohlich sein kann, sollte sofort ärztlicher Rat eingeholt werden.
Eine aktuelle Studie der Universität Genf zeigt, dass genauso viele Männer wie Frauen an einer Lungenembolie sterben, obwohl fast doppelt so viele Frauen Krampfadern haben. Sind Krampfadern bei Männern also gefährlicher als bei Frauen, oder gibt es andere Gründe für die Ergebnisse? Dieser Frage wollten Seiter und sein Team mit ihrer Untersuchung auf den Grund gehen.
Es stellte sich heraus, dass Männer in der Regel viel später zu einer Erstuntersuchung beim Gefäßspezialisten gehen als Frauen. Während Frauen oft bereits bei ersten optischen Anzeichen wie beispielsweise Besenreisern einen Facharzt aufsuchen, warten Männer häufig, bis die Erkrankung weit fortgeschritten ist und sie massive Beschwerden haben oder Komplikationen auftreten. In vielen Fällen suchten die betroffenen Männer sogar erst nach mehrmaliger Aufforderung durch ihre Partnerin einen Arzt auf. „Das ist grundverkehrt. Wer die Vorboten von Krampfadern oder die Krampfadern selbst ignoriert, nimmt gravierende Folgeerkrankungen in Kauf – bis hin zu einer häufig tödlich verlaufenden Lungenembolie“, mahnt Gefäßchirurg Seiter.
Biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien also nicht für die gleich hohe Zahl der Lungenembolien bei Männern entscheidend. Der Grund liege vielmehr im Verhalten, so Seiters These. „Die Tendenz, gerade im symptomarmen Frühstadium verschiedener Erkrankungen einen Arzt aufzusuchen, ist bei Männern generell etwas geringer. Des Weiteren sind sie kaum bereit, aufgrund einer Venenerkrankung die notwendigen Kompressionsstrümpfe zu tragen“, meint auch Gefäßspezialist Bernd Balletshofer. Er und Seiter hoffen, die Ergebnisse der Studie werden dazu beitragen, dass Männer die besondere Brisanz von Krampfadern erkennen. Zudem sollten sie wissen, dass weder die Vorbeugung noch die Diagnose – sie erfolgt schmerzfrei mittels Ultraschall –, noch die Behandlung der ersten Krankheitsanzeichen mit einem hohen medizinischen und zeitlichen Aufwand verbunden sind.
Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen gelten neben hormonellen Einflüssen und Vererbung als die Hauptrisikofaktoren für das Entstehen einer Krampfader-Erkrankung. Da lassen sich genug Ansatzpunkte finden, bei denen Betroffene selbst aktiv werden können. So lautet auch das Stichwort bei der Vorbeugung. Hier heißt das Motto: bewegen, bewegen, bewegen!
Ideal sind Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen sowie eine spezielle Venengymnastik. Und selbst wenn sich schon Krampfadern gebildet haben – heute stehen moderne Hightech-Verfahren für die Behandlung zur Verfügung, welche die Erkrankungen binnen kurzer Zeit heilen.
„Dies ist die erste Untersuchung, die sich mit der Problematik Männer und Krampfadern auseinandersetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass sie dringend notwendig war“, sagt Hans Seiter. Er hofft, dass die Männer umdenken und das Thema Krampfadern künftig ernster nehmen.
Dr. Peter-Michael Petsch / Apotheken Umschau;
10.01.2011, aktualisiert am 03.04.2012
Bildnachweis: Look GmbH/Stefan Schuetz
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