Freie Radikale gelten als aggressiv, zellfeindlich und als Faltenbeschleuniger. Aber sie sichern auch unser Überleben. Wir nehmen die Moleküle einmal genauer unter die Lupe. Was Sie über die angriffslustigen Verbindungen wissen sollten, warum Sie ihre Attacken am besten mit Antioxidanzien parieren und in welchen Cremes und Nahrungsmitteln diese Radikalfänger stecken.
Was sind freie Radikale, und woher kommen sie?
Chemisch gesehen sind Radikale Moleküle, denen ein oder mehrere Elektronen fehlen. Sie sind deshalb extrem instabil und können anderen Molekülen leicht ein Elektron abnehmen. Für den Körper und die Haut sind vor allem Sauerstoff-Radikale von Bedeutung. Diese „Oxidanzien“ entstehen ständig bei natürlichen Stoffwechselvorgängen wie der Atmung. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Energiegewinnung in den Kraftwerken unserer Zellen, den Mitochondrien, bringen ausgediente Hautzellen zum Absterben und unterstützen die Immunabwehr.
Warum gelten sie als gefährlich? Wie schaden sie unserer Haut?
Ein Radikal kommt selten allein. Hat es genügend Mitstreiter, sind die körpereigenen Regulationssysteme schnell überfordert. Infolge unkontrollierbarer Kettenreaktionen werden aus harmlosen Molekülen bindungswütige Radikale, die dann Zellstrukturen schädigen, Kollagen abbauen und die Erbsubstanz verändern. Die Folgen für die Haut: Das Bindegewebe erschlafft, Falten werden tiefer, Altersflecken nehmen zu. Wird unser Organismus über Jahrzehnte mit Sauerstoffradikalen bombardiert, leidet außerdem das Immunsystem. Die Gefahr steigt, etwa an Rheuma oder einem Tumor zu erkranken. Radikale, die von außen auf die Haut treffen, verschlimmern zudem Krankheiten wie Neurodermitis oder Schuppenflechte.
Durch welche Faktoren steigt die Zahl freier Radikale im Körper?
Schädlich für die Haut sind vor allem UV-Licht und Zigarettenrauch. Dazu kommen Autoabgase und andere Gifte wie Lösungsmittel, die wir aus der Umwelt aufnehmen. Auch wer viel Alkohol trinkt, oft bis tief in die Nacht arbeitet, sich dabei noch von Fertiggerichten und Kaffee ernährt, vermehrt den oxidativen Stress in den Zellen – und sieht schneller alt aus.
Wie lässt sich dieser Stress vermeiden oder verringern?
Der Körper wehrt sich mithilfe bestimmter Enzyme gegen den Angriff freier Radikale. Sie brauchen für ihren erfolgreichen Einsatz Spurenelemente als Co-Faktoren, darunter Selen, Mangan, Kupfer und Eisen. Natürliche Antioxidanzien helfen zudem, Radikale zu neutralisieren. Zu den wirksamsten zählen die Vitamine A, C und E, Karotinoide und sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide sowie Spurenelemente wie Selen und Zink. Sie stecken in Obst und Gemüse und außerdem in vielen Pflegecremes.
Ab welcher Konzentration wirken Radikalfänger im Körper?
Das ist individuell verschieden und hängt nicht nur von Lebensstil, Ernährung und Belastbarkeit, sondern auch vom Body-Mass-Index ab. Professor Jürgen Lademann, Leiter der Forschungsgruppe Hautphysiologie der Berliner Charité, hat ein Jahr lang täglich den Gehalt an Karotinoiden im Körper seiner Mitarbeiter gemessen. Ergebnis: Jeder Mensch besitzt einen persönlichen Mittelwert, der tagesformabhängig schwankt. Sind wir ausgeschlafen und haben wir gesund gegessen, befinden sich mehr Radikalfänger in unserem Blut. Wurde dagegen am Vortag viel geraucht und wenig geschlafen, sind es bis zu 30 Prozent weniger. „Vergleichen Sie es mit einem Konto, wo Sie einmal einzahlen, ein anderes Mal abbuchen“, erläutert Lademann. Nach einer Party mit vielen Drinks und wenig Schlaf brauche man manchmal mehr als vier Tage, um mit viel Obst und Gemüse wieder den Ausgangswert zu erreichen. „Wir konnten auch eindeutig nachweisen, dass Probanden mit einer hohen Konzentration an Karotinoiden in der Haut deutlich jünger aussahen und eine glattere Haut hatten“, berichtet Lademann. Wer schon Falten hat, kann mit Antioxidanzien zumindest verhindern, dass schnell noch mehr davon entstehen.
Wie schützen Cremes mit Antioxidanzien die Haut?
Mit den Jahren erlahmen die hauteigenen Schutzsysteme. Treffen verstärkt Sauerstoffradikale auf die Haut – zum Beispiel durch die Sonne –, leidet vor allem das Bindegewebe. Für den Apotheker Dr. Andreas Hünerbein aus Naumburg an der Saale gehört daher ein Sonnenschutzmittel mit mindestens dem Lichtschutzfaktor 15 im Sommer zur Tagespflege. Cremes mit Vitamin E und C fangen die Radikale ab, bevor sie in der Haut ihr zerstörerisches Werk beginnen. Vitamin-A-Säure-Verbindungen hemmen die Wirkung von Eisen, das durch UV-B-Licht freigesetzt wird und die Bildung besonders aggressiver Radikale fördert. Gleichzeitig strafft Vitamin A (Retinol) das Bindegewebe und steckt deshalb auch in vielen Cellulite-Cremes. Ebenfalls antioxidativ wirken Stickstoffverbindungen, allen voran Aminosäuren, die sich im natürlichen Feuchtigkeitsfaktor (NMF) der Haut finden.
Welche Menge an Radikalfängern sollte eine Creme enthalten?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt Cremes für das Gesicht oder die Augen mit 0,4 Prozent Retinol, die ähnlich gut wirken wie Mischungen, die ein Prozent des Vitamins enthalten. Studien belegen: Durch beide vermehren sich die Stützfasern im Bindegewebe. „Eine hohe Wirkstoffkonzentration sagt noch nichts über die Wirksamkeit des Produkts aus“, bestätigt der Kosmetik-Tester Dr. Werner Voss aus Münster. Eine falsche Cremegrundlage könne höchste Wirkstoffkonzentrationen zunichtemachen. Bei Vitamin C haben sich Konzentrationen von fünf bis zehn Prozent als wirksam für die Haut erwiesen, allerdings muss die Creme zuverlässig vor Luft und Licht geschützt werden. Vitamin E wirkt nachweislich bereits ab einer Konzentration von zwei Prozent, bei Vitamin B3 (Niacinamid) sollte der Anteil bei etwa fünf Prozent liegen. Dann vermindert es laut einer Studie Fältchen, Rötungen und Braunverfärbungen der Haut.
Ab welchem Alter sind diese Cremes zu empfehlen?
Dr. Tatjana Pavicic von der Klinik für Dermatologie der Ludwig-Maximilians-Universität München rät, spätestens ab Anfang 30 Anti-Falten-Cremes mit Antioxidanzien zu verwenden. „Wer seine Haut aber häufig ungeschützt der Sonne aussetzt, dem hilft die beste Anti-Aging-Creme nicht viel“, mahnt die Hautärztin. Viele Sonnencremes enthalten außerdem zusätzlich Radikalfänger wie Vitamin E. Lassen Sie sich in Ihrer Apotheke beraten. Wer darüber noch eine Grundierung schminkt, ist gegen die Angriffe freier Radikale bestens gewappnet.
Ist es sinnvoller, freie Radikale von innen zu bekämpfen?
Am besten stellen Sie Ihrem Körper von innen und von außen Radikalfänger zur Verfügung. UV-Schutzcremes und Anti-Falten-Tagescremes beginnen sofort nach dem Auftragen zu wirken. Mit der Nahrung aufgenommene Antioxidanzien dagegen benötigen deutlich länger, bis sie in der Haut ankommen. So ergab eine Studie, dass sich Vitamin E erst nach drei Wochen täglicher Einnahme im Talg der Gesichtshaut nachweisen lässt. Wer die Radikalfänger-Zufuhr mit Nahrungsergänzungsmitteln unterstützen möchte, weil beispielsweise wegen einer Magen-Darm-Erkankung die Vitaminaufnahme gestört ist, sollte sich vom Arzt oder Apotheker zur Dosis und Therapiedauer beraten lassen. Wichtig für alle, die regelmäßig Medikamente benötigen: Vitaminzubereitungen können die Wirkung von Arzneien bremsen und umgekehrt, wie Apotheker Andreas Hünerbein erläutert: „Bestimmte Präparate gegen Magengeschwüre hemmen die Vitamin-B12-Aufnahme.“
Radikalfänger im Überblick
Coenzym Q10 gilt als hochsensibler Radikalfänger, der seine Wirkung aber schon bei wenig UV-Licht verliert. Spätestens mit 50 Jahren nimmt die körpereigene Produktion ab. Cremes mit Q10 bremsen den Kollagen-Abbau, zumindest im Labor. Nachweise an lebender Haut stehen noch aus.
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Vitamin C (Ascorbinsäure) schützt das Innere unserer Zellen und fördert die Elastizität der Haut. Es kann nicht im Körper gespeichert werden, ein Zuviel wird schnell wieder ausgeschieden. Besonders Vitamin-C-reich sind Paprika, Grünkohl, Brokkoli, Sanddorn und Johannisbeeren.
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Vitamin E (Alpha-Tocopherol) schützt das Äußere der Zellen und wirkt im Verbund mit Vitamin C und Coenzym Q10 länger und effektiver. Es steckt beispielsweise in Paprika, Heidelbeeren, Avocados, Mangos und Sonnenblumenöl.
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B-Vitamine sind an allen Stoffwechselvorgängen beteiligt, etwa an der Zellteilung und der Kollagenbildung im Bindegewebe. Juckende, schuppende Haut oder entzündete Mundwinkel können auf einen Mangel hindeuten. Gute Lieferanten sind Radieschen, Tomaten, Bohnen, Brokkoli, Milchprodukte sowie Rind- und Schweinefleisch.
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Sekundäre Pflanzenstoffe verbergen sich unter der Schale von Äpfeln, Beeren sowie Zwiebeln und schützen die Pflanzen vor der Sonne. Diese Substanzen wirken antientzündlich und können Viren vernichten. Sie sind schwer wasserlöslich; werden sie gekocht, übersteht das nur die Hälfte von ihnen.
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Karotinoide sind gelbe bis rote Pflanzenfarbstoffe, die bei Bedarf vom Körper in Vitamin A umgewandelt werden können. Sind die Depots gefüllt, steigt der Eigen-UV-Schutz der Haut, den die Sonne aber wieder aufzehrt. Gute Lieferanten sind Süßkartoffeln, Möhren, Grünkohl, Hagebutten und Honigmelonen. Wer sehr viel davon isst, bekommt allenfalls einen Karotten-Teint, dosiert aber nicht über.
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Wirksamkeit von Cremes – Illusion oder Tatsache?
Täglich kommen neue Tuben und Tiegel auf den Markt, die Falten noch effektiver reduzieren sollen. Aber können sie das wirklich? Welche Hürden die Produkte bis zur Marktreife nehmen müssen, erklärt Dr. Werner Voss, niedergelassener Dermatologe mit eigenem Testinstitut für Kosmetik in Münster.
„Wir führen in der Regel einen Epikutan- oder Patchtest an 20 Probanden durch“, erklärt Voss. Dabei bleibt die Rezeptur 24 Stunden auf der Haut. Im Anschluss prüfen die Tester die Wirksamkeit, messen im Fall einer Anti-Falten-Creme die Faltentiefe. Die Studien dürfen sich „klinisch“ nennen, wenn sie unter ärztlicher Kontrolle durchgeführt wurden.
Zutaten, die auch in medizinischen Salben eingesetzt werden, durchlaufen oft Placebo-kontrollierte Doppelblindstudien. Dabei wissen weder Tester noch Testperson, wo die Creme mit Wirkstoff aufgetragen wird – und wo nur ein Scheinmedikament. Hat eine Substanz dieses Verfahren erfolgreich durchlaufen, wird sie etwa von der Gesellschaft für Dermopharmazie als „uneingeschränkt empfehlenswert“ eingestuft. Darunter fallen zum Beispiel Retinol und Vitamin C.
Nur wenn die Ergebnisse die Wirkung belegen, die das Produkt versprechen soll, darf der Hersteller mit diesem Versprechen werben. Weil sich Frauen bevorzugt von Frauen überzeugen lassen, drucken Firmen außerdem gerne positive Verbrauchertest-Ergebnisse auf die Verpackung – also Aussagen wie „97 Prozent der Anwenderinnen bestätigten sichtbar glattere Haut in drei Wochen“. Und manchmal wird dann aus einem messbaren Anstieg der Feuchtigkeit unter Laborbedingungen ein Feuchtigkeitsbad für die Haut.
Ulrike Kleiner / Apotheken Umschau;
29.09.2011
Bildnachweis: Getty Images/Nichola Evans, Thinkstock/iStockphoto
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