Vorlagen, Einlagen, Windeln, Höschen: Es gibt verschiedenste Inkontinenzprodukte, die individuell ausgewählt werden
Etwa sechs bis acht Millionen Menschen in Deutschland können ihre Blase zumindest vorübergehend nicht kontrollieren. Vielfach lässt sich das Problem durch Beckenbodentraining beheben oder zumindest deutlich bessern. Damit der Patient normal leben kann, sind Hilfsmittel unentbehrlich. Unsere Experten Apotheker Hans-Joachim Niermann und Mitarbeiterin Christl Ramser erläutern, wie jeder das Produkt erhält, das sich für ihn am besten eignet.
Frau Ramser, Inkontinenz ist für viele Patienten ein Tabuthema. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Ramser: Früher haben sich Frauen oft mit Monatsbinden beholfen – die sind bei Inkontinenz aber ungeeignet. Oder ich habe beim Ausliefern eines Medikaments festgestellt, dass es in der Wohnung riecht. Die Menschen waren dann oft dankbar, wenn ich das Problem angesprochen und ein Muster einer Inkontinenzvorlage dagelassen habe. Heute ist Inkontinenz nicht mehr so sehr tabu. Viele Patienten sprechen das Problem von sich aus beim Arzt an. Bei einer mittelschweren Inkontinenz kann er Hilfsmittel zulasten der Kasse verordnen.
Wie sieht Ihre Arbeit aus, wenn die Verordnung schon vorliegt?
Ramser: Dann führe ich ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten, bei uns im Beratungszimmer oder auch bei ihm zu Hause. Die meisten Menschen, die wir versorgen, leben selbstständig im eigenen Haushalt. Da müssen die Produkte einfach zu handhaben sein. Damit wir das richtige Produkt finden, müssen wir außerdem wissen, wie viel Harn verloren geht und ob es Begleitumstände gibt, die das Problem verschärfen.
Zum Beispiel?
Niermann: Manchmal bekommen Patienten zur Blutdrucksenkung wassertreibende Mittel verordnet. Da kann es sein, dass der Arzt in Abstimmung mit uns die Therapie umstellt und sich das Problem schon deutlich bessert. Ich frage auch nach anderen Grunderkrankungen, zum Beispiel, ob der Diabetes gut eingestellt ist – denn zu hohe Werte führen ebenfalls zu vermehrter Harnbildung. Und ich lasse mir das Problem schildern. Nur sehr wenige Patienten wissen, dass es einen Unterschied macht, ob Harn ungewollt beim Bücken, Niesen oder Husten abgeht oder ob in kurzen Abständen ein schwer beherrschbarer Harndrang auftritt. Für diesen Fall gibt es pflanzliche Mittel, welche die Blasenfunktion stärken und den Drang lindern können.
Wie finden Sie das geeignete Produkt?
Ramser: Man kann die Schwere der Inkontinenz gut abschätzen, wenn man sich nach den Lebensgewohnheiten des Patienten erkundigt. Das Fassungsvermögen der Vorlage wähle ich so, dass der Patient mit drei bis vier Vorlagen pro Tag auskommt, zuzüglich einer stärkeren für die Nacht. Man kann sich dabei gut an der Trinkmenge des Patienten orientieren.
Herr Niermann, Sie sind nicht nur Apothekenleiter, sondern auch stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands, einer Vereinigung, die sich um wirtschaftliche Belange kümmert. Was kommt auf die Patienten an Kosten zu?
Niermann: Hier hat sich einiges verändert, seit es Versorgungsverträge zwischen den Apothekerverbänden und den großen Kassen gibt. Apotheken, die Inkontinenzversorgung anbieten, können heute bei Herstellern durchaus zu Preisen einkaufen, die eine zuzahlungsfreie Versorgung der Patienten ermöglichen. Früher hatten wir oft das Problem, dass manche Produkte, die finanziell im Rahmen lagen, keine gute Qualität aufwiesen, qualitativ hochwertige Produkte dagegen teuer waren. Heute ist es so, dass auch die von der Kasse bezahlten Produkte vernünftige Qualität bieten. Die Anbieter hochwertiger Vorlagen haben sich der geänderten Marktsituation angepasst und ihre Preise teilweise gesenkt. Dadurch hat sich die Situation für die Patienten erheblich verbessert.
Was kommt auf Patienten zu, die ein Produkt eines Premium-Herstellers wünschen?
Niermann: Wer so ein Produkt haben will, muss die Differenz bezahlen. Aufgrund der Versorgungsverträge ist es möglich, bei Hilfsmitteln aufzuzahlen. So können Patienten, die nicht auf ein Produkt umstellen wollen, das in der Handhabung etwas unterschiedlich ist, ihr gewohntes Produkt behalten.
Welche Vorteile hat es für die Patienten, wenn die Apotheke die Versorgung übernimmt?
Ramser: Sie bekommen alles aus einer Hand. Und das pharmazeutische Personal hat die Kompetenz zu erkennen, welche Faktoren das Inkontinenzproblem verschlimmern, etwa vom Arzt neu verordnete Medikamente oder eine zusätzliche Grunderkrankung.
Niermann: Für mich ist die Inkontinenzversorgung ein wichtiger Teil der Betreuung, die gerade ältere Menschen von ihrer Apotheke brauchen. Ich habe in den vergangenen Jahren gemerkt, wie sehr ich meinen Patientinnen und Patienten im Alltag helfen kann. Deswegen übernehme ich das mittlerweile sehr gerne.
Hilfsmittel bei Blasenschwäche
Dr. Martin Allwang / Apotheken Umschau;
05.04.2011
Bildnachweis: W&B/Wolf Heider-Sawall, W&B/Thomas Pflaum
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