Neue Strategien gegen HIV

Forscher wollen HIV mit speziellen Abwehrstoffen des Immunsystems bekämpfen. Eine erste kleine Studie klingt vielversprechend

von Dr. Reinhard Door, aktualisiert am 16.12.2015

Wissenschaftler forschen an neuen Therapien gegen das HI-Virus – mit Erfolg

Your Photo Today/A1PIX

Dass Forscher einen langen Atem benötigen, wird keiner bestreiten, der je in einem Labor gearbeitet hat. Nicht anders erging es Aids-Experten, die schon kurz nach der Entdeckung des HI-Virus im Jahr 1983 an einer Immuntherapie forschten. Doch nun können sie einen großen Erfolg vermelden.

Erstmals ist es einer deutsch-amerikanischen Gruppe gelungen, mit Antikörpern – Abwehrstoffen des Immunsystems – die Virenmenge im Körper massiv zu senken. An den Versuchen haben zwar nur 12 HIV-Infizierte teilgenommen, und bei ihnen ging es ebenso wie bei 17 gesunden Menschen primär um die Verträglichkeit der Methode. Dennoch sehen die Forscher bereits eine neue Therapie am Horizont, die zumindest eine wertvolle Ergänzung zur Behandlung mit Medikamenten bilden könnte.


Aufwendiger Test bei Patienten

  • Antikörper
    W&B/Michelle Günther

    Mit Antikörpern, Abwehrstoffen des Immunsystems, wollen Forscher HI-Viren zerstören. Um geeignete Antikörper-Typen zu ­finden, müssen sie das Blut­serum vieler Patienten testen. Die Grafiken zeigen die ­wichtigsten Arbeitsschritte:

    Im ersten Schritt entnimmt ein Arzt einem HIV-infizierten Patienten Blut.

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  • Antikörper
    W&B/Michelle Günther

    Aus der Blutprobe werden Antikörper ­gegen HI-Viren isoliert.

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  • Antikörper
    W&B/Michelle Günther

    Geeignete Antikörper werden in einer Zellkultur vermehrt.

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  • Antikörper
    W&B/Michelle Günther

    Das daraus gewonnene Medikament wird Versuchsteilnehmern über die Kanüle in eine Vene injiziert.

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  • Antikörper
    W&B/Michelle Günther

    Der Antikörper heftet sich an ein Oberflächen-Molekül des Virus, mit dem dieses ­normalerweise an Zellen andockt, in sie eindringt und sich ­vermehrt. Der Antikörper ­verhindert dies, das Virus wird daraufhin zerstört.

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Weil HI-Viren ihre Oberfläche ständig verändern, kann das Immunsys­tem normalerweise gegen die Infek­tion nichts ausrichten. "Das Virus ist immer schneller, als der Körper Antikörper bildet", erklärt Professor Gerd Fätkenheuer von der Universitätsklinik Köln, einer der an der Studie beteiligten Ärzte. Medikamente können es zwar jahrzehntelang in Schach halten, nicht jedoch ausschalten.

Deshalb kamen Forscher früh auf die Idee, die Abwehr durch direk­te Gabe von Antikörpern ins Blut zu stärken. Mit lange Zeit mäßigem Erfolg: Die Therapie wirkte zwar gegen einzelne Virentypen, war aber ohne Chance gegenüber den meisten anderen Varianten. Technische Fortschritte auf mehreren Ebenen haben das Blatt in den vergangenen Jahren gewendet. Dank ihnen fanden die Forscher eine neue Generation weit wirksamerer Antikörper.

Antikörpertherapie hält nur wenige Wochen an

"Breit neutralisierende Antikörper" nennen sie diese Moleküle. Sie wirken zugleich gegen viele verschiedene Varianten der Viren. So auch jener Typ, der jetzt erstmals erfolgreich bei Patienten getestet wurde: Eine einzelne Injektion der höchsten Test­dosis reduzierte die Virenmenge im Blut bis zu 300-fach. "Dieser Antikörper unterscheidet sich von früheren wie ein Düsenjet von einem Segelflugzeug", urteilt Fätkenheuer. Als Nebenwirkung registrierten einige Teilnehmer lediglich leichte Erkältungssymptome.

Der Erfolg hatte aber auch einen Haken: Er hielt nur wenige Wochen an. Deshalb glaubt Fätkenheuer nicht, dass die Immuntherapie die bisher eingesetzten Medikamente ablösen wird. Eher käme sie als Ergänzung in Betracht. Allerdings sind weitere Fortschritte zu erwarten. "Während der laufenden Studie wurden bereits noch wirksamere Antikörper entwickelt", berichtet Professor Ralf Wagner, langjähriger Aids-Forscher an der Universität Regensburg. Sie können andere empfindliche Stellen des Virus besetzen.

Keine Heilung, aber Optimismus

Und ihre Effektivität, so Wagner, ließe sich durch molekulare Optimierung noch weiter steigern. Hoffnung machen Wagner auch jüngste Fortschritte bei Medikamenten. Sie sollen beispielsweise "schlafende" HI-Viren quasi aus ihren Verstecken vertreiben. Dann ließe sich auch diese stille Reserve mit einer Kombination von Antikörpern oder einer Mischung von Antikörper und Medikamenten bekämpfen.

Von Heilung zu reden findet Ralf Wagner indes zu gewagt. Nicht zuletzt, weil Erfahrungen mit der neuartigen Therapie fehlen. Ob Antikörper, noch dazu in Kombination, langfristig stabil und für die Patienten verträglich wären, lässt sich derzeit nicht beurteilen. Trotz dieser Vorsicht sagt Wagner optimistisch: "Für mich ist das Glas nicht mehr halb leer, sondern halb voll."



Bildnachweis: W&B/Michelle Günther, Your Photo Today/A1PIX

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