Homöopathie: Reine Glaubenssache?

Globuli sind beliebt, aber umstritten. Denn wissenschaftliche Belege für ihre Wirkung stehen bis heute aus. Eine Ärztin und eine Apothekerin nehmen Stellung

von Barbara Kandler-Schmitt, aktualisiert am 29.12.2015

Homöopathische Hausapotheke: Hilfreich oder nutzlos?

W&B/Martin Ley

Kügelchen, die polarisieren. Auf der einen Seite Einzelfallberichte über verblüffende Heilerfolge der Homöopathie. Andererseits Aktionen von Gegnern der alternativen Methode, die fläschchenweise Globuli schlucken – ohne jede Folge, also ohne jede Wirkung. Und in den Medien erbitterte Diskussionen: Was soll ein Medikament bringen, in dem quasi kein Wirkstoff steckt? "Homöopathie hat nur Placebo-Effekte", lautet das Hauptargument der Kritiker und Skeptiker. Und die Globuli-Befürworter kontern: "Nur weil wir bislang nicht verstehen, wie die Homöopathie wirkt, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht wirkt."


Fakt ist: Die Deutschen lieben die weißen Zuckerkügelchen. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach verwenden 60 Prozent der Bevölkerung homöopathische Arzneien. Fast 90 Prozent von ihnen habe die Einnahme nach eigener Wahrnehmung schon geholfen. Auch viele Apotheker schwören auf das Heilverfahren: In einer Umfrage der Deutschen Apotheker Zeitung erklärten nur 18 Prozent der befragten Pharmazeuten, dass sie die Homöopathie als "unwissenschaftlichen Hokuspokus" ablehnen. Bundesweit führen inzwischen rund 7000 Ärzte die Zusatzbezeichnung Homöopathie und verschreiben regelmäßig Globuli.
Doch Einzelfallberichte sind kein Wirksamkeitsbeweis. Und Studien, die Homöopathika gegen Scheinmedikamente testeten, fielen zum Großteil negativ aus. Eine Ärztin (Dr. Irene Schlingensiepen) und eine Apothekerin (Ivonne Rittner aus Velten) erklären, warum sie trotzdem von der Wirkung von Globuli überzeugt sind.

Die Ärztin: Frau Schlingensiepen, wie sind Sie als Medizinerin, die lange in der ­­Hirnforschung tätig war, ausgerechnet zur Homöopathie gekommen?

Stimmt, ich hielt die Homöopathie für Quacksalberei – bis zu einem Schlüsselerlebnis: Mein Sohn litt als Kind an schwerstem Asthma, das auch mit starken Medikamenten nicht zu kon­trollieren war. Doch als ihm ein Kollege nach Jahren Globuli gab, wurden die Anfälle sofort kürzer und schwächer. Als wir das genau passende Mittel gefunden hatten, heilte das Asthma ganz. Ich begann zu beobachten, zu lernen und schließlich selbst damit zu arbeiten.

Was macht Sie so sicher, dass Homöopathie nicht nur ein Placebo ist?

Inzwischen liegen mehr als 200 klinische Studien vor, von denen weit mehr als die Hälfte ein statistisch signifikantes Ergebnis zugunsten der Homöopathie aufweist. Aber wenn ich als Homöo­pathin in schwierigen Fällen oft helfen kann, möchte ich als Ärztin und Naturwissenschaftlerin auch verstehen, wa­rum die Globuli wirken. Deshalb brauchen wir neue Studienkonzepte, die den individuellen Ansatz berücksichtigen. Um die Mittelfindung zu verfeinern, werte ich seit den 90er-Jahren Langzeitverläufe meiner Patienten aus.

Aber die Homöopathie hat doch sicher ihre Grenzen ...

Die Homöopathie kann natürlich keine notwendige Operation oder intensivmedizinische Versorgung ersetzen. Ihr großes Einsatzgebiet sehe ich in der inneren Medizin, wo sie die Schulmedizin sinnvoll ergänzen kann. Bei chronischen Erkrankungen lassen sich oft Erfolge erzielen und Medikamente einsparen. Auch bei Ängsten und Depressionen ist die Wirkung gut: Das Gemüt reagiert erstaunlich schnell, wenn wir das exakt passende Mittel finden.

Und wie finden Sie aus Tausenden von Mitteln das richtige heraus?

Wir behandeln nicht jedes Symptom mit einem anderen Mittel, sondern suchen das eine, das möglichst alle Beschwerden eines Patienten abdeckt. Homöopathie betrachtet den Patienten ganzheitlich und bezieht immer auch die Psyche mit ein. Bei der Anamnese sind deshalb viele Fragen zu klären: Wie äußern sich die Beschwerden, wann treten sie auf, wodurch werden sie besser oder schlechter? Auch innere Bilder, Träume, Ängste, Abneigungen und Essgewohnheiten weisen auf das exakte Heilmittel hin. Deshalb bekommen zwei Patienten mit derselben Krankheit selten das gleiche Mittel.


Die Apothekerin: Frau Rittner, welche Krankheiten eignen sich für die homöopathische Selbstbehandlung?

Grundsätzlich sollte man nur leichtere akute Erkrankungen in Eigenregie behandeln, etwa eine Erkältung oder Magenverstimmung. Bei länger anhaltenden oder starken Beschwerden sollten die Betroffenen zum Arzt gehen. Sonst besteht die Gefahr, dass die Erkrankung verschleppt wird. Oft empfehle ich homöopathische Mittel auch ergänzend zu anderen Arzneien, weil sie den Heilungsprozess unterstützen und den Krankheitsverlauf verkürzen können. Damit konnte ich schon Skeptiker überzeugen, die plötz­lich bei mir in der Apotheke standen und ganz erstaunt sagten: "Ich glaube, das hilft ja doch."

Was gehört in eine gute homöopathische Hausapotheke?

Klassische homöopathische Hausapotheken enthalten etwa 30 Mittel gegen die gängigsten Alltagbeschwerden. Für den Anfang finde ich das aber zu viel, weil nicht jeder alles braucht und man schnell den Überblick verliert. Deshalb stellen wir für unsere Kunden individuelle Hausapotheken zusammen, wobei wir zunächst meist mit fünf bis sechs Mitteln auskommen. Ich empfehle immer, klein anzufangen und das Sortiment mit wachsender Erfahrung auszubauen.

Was ist bei der Einnahme homöopathischer Arzneimittel zu beachten?

Wichtig ist, die Globuli nicht zu schlucken, sondern möglichst lange im Mund zu behalten. Dann lösen sie sich langsam auf und gelangen über die Mundschleimhaut direkt ins Blut. Da starke Geschmacks- und Aromastoffe die Wirkung beeinträchtigen, sollten vor und nach dem Essen und Zähneputzen mindestens zehn Minuten Abstand eingehalten werden. Bei akuten Beschwerden rate ich Erwachsenen, stündlich fünf bis zehn Globuli einzunehmen, Kindern gibt man nur zwei bis drei. Sobald sich die Beschwerden bessern, sollte man eine Pause einlegen und erst nachdosieren, wenn die Symptome wieder schlimmer werden. Bei der Dosierung lautet meine Devise grundsätzlich: "So wenig wie möglich und so oft wie nötig."



Bildnachweis: W&B/Martin Ley

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Globuli

Homöopathie: Was steckt dahinter?

Weil sich immer mehr Patienten sanfte Therapien wünschen, befinden sich homöopathische Mittel seit Jahren im Aufschwung – allen Widerständen und wissenschaftlichen Zweifeln zum Trotz »

Wie entspannen Sie sich im Urlaub am besten?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages