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Welche Herzrhythmusstörungen sind gefährlich?

Ein unregelmäßiger Herzschlag kann harmlos sein – oder bedrohlich. Die richtige Zuordnung muss der Facharzt treffen


Manchmal gerät das Herz aus dem Takt. Beim Arzt wird dann ein EKG durchgeführt

Viele von uns haben das schon einmal erlebt: Plötzlich, ganz ohne ersichtlichen Grund, beginnt das Herz zu galoppieren, stolpert, ist aus dem Takt. Dem verunsicherten Betroffenen treibt das nicht selten den Angstschweiß auf die Stirn. Doch trotz großer Beklemmung und beträchtlicher Beschwerden, die die Attacken mitunter hervorrufen, steckt nicht hinter jeder Unregelmäßigkeit des Herzrhythmus eine bedrohliche Erkrankung. Leichtere Schwankungen sind in der Regel kein Anlass zur Sorge, sondern völlig harmlos, ja sogar normal. Nur bestimmte Rhythmusstörungen, vor allem jene, die im Zusammenhang mit einer Herzkrankheit auftreten, bedürfen einer Behandlung. Sie könnten Vorboten für einen plötzlichen Herzstillstand sein.

Doch wie lassen sich die unbedenklichen Stolperer und Aussetzer von den gefährlichen Rhythmusstörungen unterscheiden? Wann spielt sich im Herzen lediglich eine Art harmlose Fehlzündung ab und wann eine bedrohliche Abfolge falscher Impulse?


„Der Patient kann aus den Beschwerden, die er im Akutfall hat, nicht ableiten, ob die Rhythmusstörung banal oder bedrohlich ist“, betont Professor Matthias Manz, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie am Katholischen Klinikum Koblenz. Einerseits gebe es für die vielen verschiedenen Arten von Rhythmusstörungen kaum charakteristische Symptome. Andererseits unterscheide sich die Wahrnehmung der Beschwerden von Patient zu Patient stark. „Während manche Betroffene sich schon durch ein paar harmlose Zusatzschläge regelrecht geplättet fühlen, nehmen andere selbst minutenlange lebensbedrohliche Rhythmusstörungen kaum wahr“, sagt Manz.

Bisweilen fällt es sogar dem Fachmann schwer, einen unregelmäßigen Herzschlag als harmlos oder therapiepflichtig einzustufen. „Ob wir den Patienten behandeln oder nicht, hängt von drei Faktoren ab“, meint der Kardiologe Professor Gerhard Steinbeck, ärztlicher Direktor am Münchner Universitätsklinikum Großhadern, „von der Schwere der Symptome, der Art der Rhythmusstörung und dem Zustand des Herzens.“ Offenbar ist der Übergang zwischen normal und krankhaft  fließend, die Grenzen sind individuell.

Als Richtgröße für eine normale Herzfrequenz gelten Werte zwischen 60 und 90 Schlägen pro Minute, bei gut trainierten Sportlern können aber auch Werte zwischen 40 und 50 normal sein. Seelische und körperliche Anspannungen lassen den Puls ohne Weiteres auf 160 ansteigen – dass das Herz unter Belastung schneller pocht, ist also völlig normal. Es pumpt dadurch beispielsweise beim Sport verstärkt Blut durch den Körper und führt so den Muskeln vermehrt Brennstoffe zu. Kommt der Organismus nach dem Training wieder zur Ruhe, geht auch der Puls zurück.


Grund zur Sorge besteht, wenn der Herzschlag abrupt von einer normalen auf eine sehr niedrige oder sehr hohe Frequenz umspringt oder wenn anfallsartig Zusatzschläge auftreten. Kardiologen sprechen dann von bradykarden oder tachykarden Rhythmusstörungen – außerplanmäßige Schläge nennen sie Extrasystolen. Menschen, die wiederholt unregelmäßige Herzschläge spüren, die womöglich von Schwindel, Atemnot, innerer Unruhe oder gar Bewusstlosigkeit begleitet sind, sollten einen Kardiologen aufsuchen, der ihr Herz unverzüglich überprüft.


Um welche Art von Rhythmusstörung es sich handelt, ermittelt der Facharzt durch die Elektrokardiografie. Diese Untersuchung erfasst alle elektrischen Aktivitäten, die für die Steuerung des Herzmuskels zuständig sind. Daraus ergibt sich letztlich eine charakteristische Herzstromkurve: das Elektrokardiogramm, kurz EKG. „Veränderungen seiner typischen Wellen und Zacken geben uns Aufschluss über Art, Ursache und Ursprung der Störungen“, erklärt Steinbeck. Es gibt zahllose Varianten. Störungen können in den Vorhöfen oder den Kammern entstehen, ständig oder nur zeitweise auftreten, Krankheitswert haben oder nicht. Schwankungen, die von den Vorhöfen ausgehen, so Steinbeck, seien aber grundsätzlich immer weniger gefährlich als solche, die in den Kammern entstehen.


Am weitesten verbreitet ist das Vorhofflimmern, bei dem sich die Vorhöfe nicht mehr kontrolliert zusammenziehen. Die Störung gilt nicht als unmittelbar lebensbedrohlich, kann aber ernste Folgen nach sich ziehen. Vermutlich ist sie Ursache für 20 Prozent aller Schlaganfälle. Durch das unkoordinierte Flimmern der Vorhöfe fließt das Blut im Herzen langsamer und beginnt manchmal zu gerinnen. „Damit sich keine Gerinnsel bilden, die mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen und dort Gefäße verstopfen, geben wir den betroffenen Patienten meist blutgerinnungshemmende Medikamente“, sagt Steinbeck. In diesem Fall kann die Selbstkontrolle der Gerinnung die Komplikationsrate senken.


Zu den gefährlichsten Rhythmusstörungen zählt dagegen das Kammerflimmern, das meistens während eines Infarkts auftritt: Das Herz zuckt nur noch, pumpt aber kein Blut mehr in den Körper. Wird dieses Flimmern nicht sofort behandelt, führt es innerhalb weniger Minuten zum Tod.


Alle Rhythmusstörungen gehen auf Fehler in der „Elektrik“ des Herzens zurück, die angeboren oder im Laufe des Lebens erworben sein können. Oft sind Herzmuskelentzündungen der Grund. Sie hinterlassen beim Ausheilen Narben und behindern die elektrische Steuerung des Herzschlags. Ein Mangel an Mineralstoffen – besonders an Kalium oder Magnesium – kann Schwankungen beim Herzschlag verstärken. „Wer Ausdauersport treibt und dadurch beim Schwitzen viele Mineralstoffe verliert, sollte den Verlust unbedingt mit Mineralwasser oder Elektrolytlösungen ausgleichen“, rät Manz. Extremer Elektrolytmangel ist auch der Grund, weshalb eine ausgeprägte Magersucht mitunter zu lebensbedrohlichen Frequenzwechseln führt.


Besonders gefährlich sind zudem Taktwechsel, die aus einer bereits vorhandenen Herzkrankheit resultieren – zum Beispiel einem vorangegangenen Infarkt, einer Herzschwäche, defekten Klappen, verdickten Kammern oder einer Minderdurchblutung des Herzens. Je stärker dieses vorgeschädigt ist, desto riskanter die Störung. Bei der Suche nach den Ursachen überprüft der Facharzt daher stets auch den allgemeinen Zustand des Herzens und kontrolliert, ob die einzelnen Strukturen richtig arbeiten. In der Regel geschieht dies per Ultraschall. „Das Herz lässt sich nicht so einfach in die Karten schauen“, sagt Matthias Manz. Die Frage zu klären, ob es sich um eine harmlose oder bedrohliche Störung handelt, erfordere daher meistens viel Spürsinn und Geduld.



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Dr. Luitgard Marschall / Apotheken Umschau; 08.06.2010, aktualisiert am 26.09.2011
Bildnachweis: Corbis GmbH/Bernd Vogel

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