Der jungen Frau schlägt das Herz gewaltig – momentan aber eher vor Aufregung. Gleich werden ihr die Doktoren Schreieck und Kerst vom Universitätsklinikum Tübingen einen Katheter in das Herz schieben. Dort wollen sie einen Kurzschluss beheben, der das Pumporgan auch ohne ersichtlichen Grund gelegentlich rasen lässt.
„So eine schmerzlose Verödung wird bei bestimmten Rhythmusstörungen schon seit etwa 25 Jahren gemacht“, erklärt der Kardiologe Jürgen Schreieck. Dabei verschmort das eingeführte Gerät mit Strom Herzstrukturen, die irreguläre Erregungen leiten und dadurch den Herzschlag stören. „Neu ist hingegen, dass wir dafür keine Röntgenkontrolle brauchen“, erklärt Schreieck. Der Katheter ertastet seinen Weg durch die Höhlen des Herzens gewissermaßen selbst.
Möglich ist das durch eine neue ausgeklügelte Technik, welche die Tübinger Spezialisten einsetzen. Der Katheter strahlt Licht aus und registriert dessen Reflexion. Je nachdem, wie stark die Sonde auf umgebendes Gewebe drückt, ändert sich das Farbspektrum des zurückgeworfenen Lichts. Aus dieser Änderung kann das Gerät auf den Anpressdruck rückschließen.
„Das macht den Katheter zunächst einmal sicherer“, sagt Jürgen Schreieck. Denn bei dem Eingriff muss der Kardiologe mit dem Instrument einen gewissen Druck ausüben, doch zu groß darf dieser auch nicht sein. Die Lichttechnik meldet unmittelbar, ob der Kraftaufwand stimmt.
Als erste in Deutschland nutzen die Tübinger Mediziner die Sensibilität der Maschine aber noch darüber hinaus. „Wir können damit so genau navigieren, dass wir nicht röntgen müssen“, sagt der Kinderkardiologe Gunter Kerst. Schon länger ist es möglich, mit Hilfe von Elektroden die Höhlen des Herzens zu markieren. Auf diese Weise lässt sich die Struktur des Herzens grob darstellen.
Diese Orientierung allein ist den meisten Spezialisten aber zu vage, um mit elektrischem Gerät in das Herz vorzustoßen. Deshalb wird in aller Regel zusätzlich geröntgt – üblicherweise mit einer Dosis von zehn normalen Röntgenaufnahmen. Der tastende Katheter hingegen liefert dem Arzt eine weitere Sinnesqualität, sodass sich die Durchleuchtung erübrigt. „Das ist vor allem für junge Patienten von Vorteil, deren Gewebe noch viel empfindlicher auf Röntgenstrahlung reagiert“, nennt Kerst ein vorrangiges Einsatzgebiet.
Auch bei Kindern und Jugendlichen können Rhythmusstörungen auftreten, die meist angeboren und unter Umständen gefährlich sind. „Auffällige Störungen des Herzrhythmus sollten immer durch einen Spezialisten abgeklärt werden“, rät daher Jürgen Schreieck.
Einige Taktstörungen lassen sich mit der Elektroverödung vollständig heilen. So wie bei der jungen Frau auf Schreiecks Tisch: Nachdem der Kardiologe dreimal Strom verabreicht hat, kann er keine falsche Erregung mehr an ihrem Herzen auslösen. Das wilde Rasen hat aufgehört.
Dr. Christian Guht / Apotheken Umschau;
03.05.2011
Bildnachweis: W&B/Szczesny, W&B/Ute Schmidt
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