Frauen unterschätzen Gefahr für ihr Herz

Erkranken Frauen am Herzen, ist die Therapie schwieriger als bei Männern. Vorbeugung ist daher besonders wichtig. Worauf Frauen achten sollten

von Dr. Ralph Müller-Gesser, 27.01.2016

Mit Herzproblem in der Klinik: Therapie schlägt bei Frauen anders an, als bei Männern

Shutterstock/Monkey Business Image

Frauen sterben an Herzkrankheiten häufiger als Männer. Das zeigt der Herzbericht 2015*. Vor allem bei Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen und Herzklappenkrankheiten liegt die Sterblichkeit deutlich höher. An einer Herzschwäche beispielsweise, starben 2013 ungefähr doppelt so viele Frauen wie Männer. Woran liegt das?

Um die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerherzen zu erklären, ruft Professor Vera Regitz-Zagrosek gerne die Gemeinsamkeiten in Erinnerung. „Natürlich ist das Organ bei beiden Geschlechtern sehr ähnlich“, stellt die Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité Berlin fest. „Das gilt sowohl für die Anatomie, wie auch für die Funktion und die Steuerung.“ Innerhalb dieses gemeinsamen Rahmens jedoch weisen Frauen- und Männerherzen eine Reihe von Unterschieden auf: unter anderem in Feinheiten des Aufbaus, in der Reaktion auf Hormone, Medikamente und Stress.

Herzleiden bei Frauen stellen die Medizin daher vor besondere Herausforderungen: Längst sind nicht alle wissenschaftlichen Fragen so gut untersucht wie bei Männern. Um sich zu schützen, sollten Frauen schon in jungen Jahren verstärkt auf ihre Herzgesundheit achten. Doch zu wenige wissen um die besonderen Risiken ihres Geschlechts.

Genetische Spurensuche

Diese geschlechtsspezifischen Verschiedenheiten bei den Herzleiden nehmen ihren Ursprung vermutlich in den Erbanlagen, den Genen. Träger der Erbanlagen sind die Chromosomen, darunter die Geschlechtschromosomen X und Y. Männer haben in den Zellen des Körpers je nur ein X-Chromosom, Frauen dagegen zwei. Von diesen liegt eines still. „Aber nicht vollständig“, berichtet Regitz-Zagrosek. „Es funktionieren 15 bis 20 Prozent der Gene auf dem zweiten X-Chromosom.“ Sie beeinflussen Struktur und Funktion anderer Gene auf anderen Chromosomen und sind daher womöglich für bestimmte Geschlechterunterschiede – unter anderem am Herzen – verantwortlich.

Dort spielen darüber hinaus weibliche Geschlechtshormone eine wichtige Rolle. „In der ersten Lebenshälfte schützen sie das Herz“, sagt Professor Verena Stangl vom Zentrum für Herz-, Kreislauf- und Gefäßmedizin der Berliner Charité. Doch solche Informationen führen öfter zu falschen Annahmen in der Bevölkerung. Die Kardiologin mit Arbeitsschwerpunkt Frauengesundheit stellt immer wieder Folgendes fest: „Viele Frauen halten Herzprobleme grundsätzlich für Männersache. Die wenigstens sind sich darüber im Klaren, dass nach den Wechseljahren der Schutz aufhört.“

Kleiner und steifer

Unterschiede zeigen sich bereits in der Grundstruktur des Pumporgans. „Frauenherzen sind kleiner und steifer als die von Männern“, erklärt Regitz-Zagrosek. Während der erste Umstand zum Teil durch den meist kleineren weiblichen Körper zu erklären ist, bereitet die geringere Elastizität Forschern noch immer Kopfzerbrechen: „Mit Ultraschall lässt sich eine geringere Dehnbarkeit nachweisen, aber überzeugende Erklärungen fehlen bis heute“, räumt die Kardiologin ein. Vermutlich existieren bei Männern und Frauen feine Unterschiede im Aufbau der Herzmuskelfasern. Bei gesunden Menschen spielt diese Verschiedenheit keine Rolle. Bei bestimmten Erkrankungen wird sie jedoch bedeutsam – beispielsweise bei Bluthochdruck oder bei Herzschwäche, wo eine bestimmte Form deutlich mehr Frauen als Männer betrifft.


Bei Frauen wie Männern lösen akute Herzprobleme meist Schmerzen in der Brust aus. „Allerdings begleiten bei Frauen oft noch andere Beschwerden dieses Hauptsymptom. Bauch- und Rückenschmerzen beispielsweise, Übelkeit oder Erbrechen“, berichtet Stangl. Häufiger erleiden Frauen zudem sogenannte stumme Infarkte, die keinerlei Beschwerden verursachen. „Wir Kardiologen müssen bei Frauen mit Herzproblemen viel genauer hinschauen“, stellt die Herzspezialistin fest, „weil die Symptomatik bei ihnen oft nicht eindeutig ist.“

Denn Frauenherzen erkranken anders als die von Männern. „Die weiblichen Hormone schützen vor Verkalkungen und Ablagerungen“, erklärt Stangl. „Treten bei Frauen Herzprobleme auf, liegt die Störung häufiger in den kleinen Gefäßen und nicht in den großen.“ Ärzte sprechen von einer mikrovaskulären Erkrankung. Bei Männern verstopfen dagegen meist größere Gefäße.

Das Problem: Mit einer gewöhnlichen Herzkatheter-Untersuchung lässt sich die eher bei Frauen verbreitete Art von Durchblutungsstörung nicht nachweisen. Dazu bedarf es anderer Methoden: So lässt sich das Problem der kleinen Gefäße beispielsweise diagnostizieren, wenn während der Katheteruntersuchung der Blutfluss gemessen wird. Aber auch spezielle Ultraschall-Doppler-Untersuchungen sowie Szintigrafien eignen sich, um die Störung in den kleineren Gefäßen aufzudecken.

Warum erkranken Frauenherzen anders? Regitz-Zagrosek: „Stickstoff-Monoxid spielt dabei eine wichtige Rolle.“ Dieses Gas wird von den Zellen gebildet, die Blutgefäße von innen auskleiden, und dringt auf kürzestem Weg zu den Muskelzellen in der Nachbarschaft eines Gefäßes vor. Dort sorgt es dafür, dass sich die Muskeln und damit die Gefäße entspannen – und das ist wichtig für die Gesundheit der Gefäße. „Doch dieser biochemische Steuerungsmechanismus scheint bei betroffenen Frauen gestört zu sein,“ sagt Regitz-Zagrosek.

Unklare Studienlage

Diese andere Art der Erkrankung hat Folgen für die Therapie: Eher männertypische Einengungen der größeren Herzkranzgefäße lassen sich aufdehnen oder mit einer Gefäßstütze, einem Stent, behandeln. Gegen die bei Frauen häufigeren Beschwerden der mikrovaskulären Steuerungsstörung helfen jedoch in erster Linie Medikamente, welche die Durchblutung verbessern. Sie lindern die Brustschmerzen und andere Beschwerden der sogenannten Angina pectoris. Die Leitlinien empfehlen Arzneimittel wie Beta-Blocker, Kalziumantagonisten, Ranolazin, Nitrate und Ivabradin, die der Arzt jeweils passend auswählt.

Doch die Behandlung von Frauen mit Herzmedikamenten stellt Kardiologen vor das nächste Problem. „Bei Arzneimittelstudien sind selten mehr als ein Drittel der Teilnehmer Frauen“, erklärt Stangl. „Daher ist deren Aussagekraft, beispielsweise in Bezug auf die richtige Dosierungen für Frauen, nicht immer klar.“ So wirken manche Herzmedikamente bei Frauen möglicherweise schlechter, andere wiederum rufen bei ihnen in der üblichen Dosierung häufiger Nebenwirkungen hervor. All dies erschwert die Suche nach einer passenden und wirkungsvollen Behandlung.

Unterschätzte Risikofaktoren

Damit nicht genug, tritt eine spezielle Herzerkrankung – die Stresskardiomyopathie – fast ausschließlich beim weiblichen Geschlecht auf. „95 Prozent der Patienten sind Frauen“, erklärt Regitz-Zagrosek. Ärzte nennen die Krankheit auch Broken-Heart-Syndrom. Die Beschwerden gleichen jenen eines Herzinfarktes. Betroffene müssen umgehend ins Krankenhaus und behandelt werden. Allerdings werden die Symptome weder durch Veränderungen an den Blutgefäßen noch durch deren Verstopfung hervorgerufen. Im Blut der Patientinnen zirkulieren aber viel mehr Stresshormone als normal. Regitz-Zagrosek: „Bei dieser Erkrankung gibt es noch viele offene Fragen.“ Manche davon könnte in einigen Jahren eine Studie beantworten, welche die Kardiologin derzeit im Rahmen des „Berliner Herz und Seele“-Projekts (BeHerS) plant.

Viel Arbeit wartet auch in Sachen Aufklärung, insbesondere beim Thema Vorbeugung. Kaum eine junge Frau interessiere sich für Herz-Erkrankungen und deren Risikofaktoren, berichtet Kardiologin Stangl: „Dabei schaden ihren Herzen beispielsweise Rauchen und Zuckerkrankheit mehr als männlichen Altersgenossen.“ Und auch die Bedeutung von Stress unterschätzen viele Frauen. Die Gefährdeten aufzurütteln, entpuppt sich als schwieriges Unterfangen. Zwar hat die Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin die Aktion „Hör auf dein Herz“ (www.hoeraufdeinherz.de) gestartet, doch eine Randnotiz der Kampagne deutet das Ausmaß des Problems an: Bisher gelang den Initiatoren nur, einen einzigen, privaten Unterstützer zu finden. Öffentliche Gelder fehlen.

*Der Deutsche Herzbericht 2015 wird herausgegeben von der Deutschen Herzstiftung in Zusammenarbeit mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK), Herzchirurgie (DGTHG) und Kinderkardiologie (DGPK)



Bildnachweis: Shutterstock/Monkey Business Image

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