Die Angst vor freien Radikalen ist groß. Die reaktionsfreudigen Stoffe werden mitverantwortlich gemacht für die Alterung der Gefäße, als Auslöser von Herzinfarkten und Schlaganfällen. Doch die freien Radikale scheinen im Herzen auch eine wichtige Rolle als Kraftverstärker bei Stress zu spielen, berichten schwedische Wissenschaftler im Journal of Physiology.
Freie Radikale sind Stoffe, die sehr schnell mit anderen Molekülen im Körper reagieren. Das kann unter Umständen negative Effekte haben, weil die Reaktionen Alterungsschäden in Zellen beschleunigen können. Viele Nahrungsergänzungsmittel enthalten deshalb so genannte Antioxidantien, die freien Radikalen entgegenwirken sollen. Die schwedischen Forscher um Håkan Westerblad halten die generelle Gefahr durch freie Radikale nach ihren Untersuchungen dagegen für einen Mythos.
"Es ist wie immer eine Frage des Maßes", sagt Westerblad, der am schwedischen Karolinska Institutet forscht. "Normalerweise sind freie Radikale eine wichtige Signalsubstanz. In hohen Konzentrationen über eine lange Zeit können sie zu Krankheiten führen."
Ist der Körper im Stress, schüttet er Botenstoffe aus, die an Herzmuskelzellen so genannte Betarezeptoren aktivieren. Das löst im Inneren der Zellen Veränderungen und Prozesse aus. Einer davon führt zur Bildung von freien Radikalen. Diese kommen aus den von Biologen als "Kraftwerke der Zelle" beschriebenen Mitochondrien. Nach den Ergebnissen der schwedischen Forscher sorgen sie dafür, dass die Herzmuskelzellen sich stärker zusammenziehen können. Der Herzschlag wird also durch die freien Radikale kräftiger. Das kommt dem Körper bei Stress zugute.
Nahmen die Wissenschaftler den Herzmuskelzellen die freien Radikale durch Antioxidantien weg, dann verloren die Herzmuskelzellen einen Teil ihrer Kraft. Dieser Steuerungsmechanismus im Herzen war bislang unbekannt. Die Forscher hoffen, durch ihn verschiedene Formen des Herzversagens besser verstehen zu können. "Freie Radikale spielen eine wichtige Rolle, weil sie dem Herzen helfen, bei Stress mehr Blut zu pumpen", sagt Westerblad. "Andererseits kann ständiger Stress zu Herzversagen führen, wobei freie Radikale ein Teil dieses Problems sein könnten."
Dennis Ballwieser;
01.03.2011
Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Comstock Images
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