Wie viel Sonne braucht der Mensch?

UV-Strahlen können Krebs verursachen. Doch wer sie komplett meidet, bildet zu wenig Vitamin D und schadet ebenfalls seiner Gesundheit. Es kommt also auf die richtige Dosis an
von Sonja Gibis, 03.07.2017

Sommergefühl: Sonnenlicht macht gute Laune

Thinkstock/Hemera

Hautärzte haben es nicht leicht. Jahrzehntelang predigten sie unermüdlich, wie gefährlich knackig braune oder gar rot verbrannte Haut ist. Und als ihre Warnungen endlich Erfolg zeigen, folgt das: Zu wenig Sonne schadet ebenso wie Rauchen, behaupten Forscher des renommierten Karolinska-­Instituts in Stockholm. Der Hauptgrund für die Gefahr, vermuten die Experten, ist ein Mangel an Vitamin D. Denn um den lebenswichtigen Stoff herzustellen, benötigt der menschliche Körper das energiereiche UV-Licht der Sonne.

Diese Nachricht aus Schweden schlägt ein. Mütter, die eben noch ihre Kinder dick mit Sonnencreme einschmierten, sind verunsichert. Am Strand ziehen Badegäste ihr Handtuch wieder aus dem Schatten. Alle fragen sich plötzlich: Wie viel Sonne brauchen wir denn nun?

Wovon die Stärke der UV-Strahlung abhängt

Wo liegt das gesunde Mittelmaß?

Hierauf kann man sehr unterschiedliche Antworten erhalten – je nachdem, an welchen Experten man sich wendet. Während manche Mediziner das Krebsrisiko durch UV-Strahlung noch immer für völlig unterschätzt halten, warnen andere vor den dramatischen Folgen eines Sonnenmangels. Dennoch kristallisiert sich inzwischen ein Konsens heraus. Er lautet: Auf die Dosis kommt es an.

Doch wie hoch genau soll sie sein? Fatale Fehleinschätzungen gab es schon öfter. So verbrachten zu Beginn des Indus­triezeitalters viele Menschen eine dunkle Kindheit. Die Straßen waren eng, über den Dächern hingen Wolken aus Kohle­staub. In Großstädten verbreitete sich ein Leiden, das man als "englische Krankheit" bezeichnete. "Symptome zeigten sich schon im ersten Lebensjahr", sagt Dr. Stephan Scharla, Knochenexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Die Kinder waren schwach, ihre Beine wuchsen krumm. "Es dauerte einige Zeit, bis man merkte, dass vor allem zu wenig Sonne die Ursache war", so Scharla. Hinter der sogenannten Rachitis steckt ein Mangel an Vitamin D. Mit dieser Erkenntnis war das Schattendasein, das die Sonne in puncto Gesundheit lange geführt hatte, erst einmal vorbei.

Gefährliches Schönheitsideal

Bis ein neuer Trend die wärmenden Strahlen zur Bedrohung machte. Verbargen sich die Damen um 1900 noch unter Schirmen und Hüten, um vornehme Blässe zu wahren, wurde in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Bräune zum Schönheitsideal. Wer es sich leisten konnte, verbrachte den Urlaub unter südlicher Sonne – und trug die Zeichen davon auf der Haut. Gebräunter Teint steht bis heute für Gesundheit und Wohlbefinden.

Die Folgen der Überdosis sieht Professor Alexander Enk jeden Tag in der Hautklinik des Uniklinikums Heidelberg. In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Zahl der Hautkrebsfälle rasant. Zum Teil sicher, weil die Menschen älter werden und Ärzte den Krebs öfter erkennen. Die Hauptursache ist für Enk aber eindeutig zu viel Sonne. "Ihre Strahlen sind krebs­erregend", betont der Dermatologe. Als Krebsauslöser der Gefahrenklasse 1 steht UV-Licht auf einer Stufe mit Rauchen und Asbest. Die energiereiche Strah­lung kann das Erbgut der Hautzellen schädigen und dazu führen, dass noch Jahrzehnte später Tumore entstehen. Je heller die Haut, desto größer die Gefahr.

"Die Haut vergisst keinen Strahl"

Am deutlichsten ist der Zusammenhang zwischen Sonne und Krebs beim sogenannten Spinaliom (Plattenepithelkarzinom), einer Form des sehr häufigen hellen Hautkrebses. "Die Haut vergisst hier keinen Strahl", warnt Enk. Je mehr Sonne sie im Lauf des Lebens abbekommt, desto höher das Erkrankungsrisiko. Bei Menschen, die unter freiem Himmel arbeiten, ist heller Hautkrebs sogar als Berufskrankheit anerkannt.

Vor allem auf dem Nasenrücken, den Ohren und der Stirn zeigen sich zunächst schuppige, verhornte Bereiche. Bereits diese Krebsvorstufe sollte behandelt werden. Zwar ist das Spinaliom bei Weitem nicht so aggressiv wie der schwarze Hautkrebs. "Der Tumor kann aber ebenfalls Metastasen bilden und tödlich sein", erläutert Mediziner Enk.

Hinter einer "Warze" kann Hautkrebs stecken

Das sogenannte Basaliom streut da­gegen kaum. Anfangs wird es leicht mit einer Warze, einer Narbe oder einem Ekzem verwechselt. Doch kann es sich ausbreiten und eine größere OP notwendig machen. Enks Rat lautet daher: "Wenn Sie Veränderungen auf der Haut bemerken, immer beim Hautarzt abklären lassen." Für Patienten ab 35 Jahre erstatten die Krankenkassen alle zwei Jahre eine Früherkennungsuntersuchung.

Bei dieser hoffen Ärzte vor allem den schwarzen Hautkrebs, das maligne Melanom, rechtzeitig zu erkennen. Auch hier steigt die Zahl der Fälle besorgniserregend. Allein in den vergangenen 30 Jahren hat sie sich in Deutschland verdreifacht – auf etwa 25  000 Fälle jährlich. "Darunter auch viele jüngere Patienten", berichtet Enk. Die Tumore bilden sich aus Pigmentzellen der Haut, den Melanozyten. Betroffen sind auch sonnengeschützte Bereiche. So kann an der Fußsohle oder sogar der Mundschleimhaut ein Melanom entstehen. 

Die Rolle der UV-Strahlen ist allerdings zwiespältig. Als gesichert gilt, dass Sonnenbrände in der Kindheit das Risiko für schwarzen Hautkrebs erhöhen. Andererseits gibt es Hinweise, dass Menschen, die regelmäßig in die Sonne gehen, seltener erkranken. Vielleicht, vermuten Experten, führt ein Leben im Schatten dazu, dass die Haut keinen Schutz bildet.

Wie stellt der Körper Vitamin D her?

Umstritten: Wie viel Sonne ist gut?

Für Enk bleiben die Konsequenzen dennoch klar: Raus aus der Sonne! Vor allem in den Stunden vor und nach dem Sonnenhöchststand. Lässt sich direkte Bestrahlung nicht vermeiden, unbedingt Textilien oder Sonnenschutz verwenden. "Am besten UV-dichte Kleidung oder Lichtschutzfaktor 50", rät der Hautarzt. Nicht nur am Strand, sondern auch beim Sommerspaziergang. "Eine gesunde Sonnenlichtdosis gibt es nicht", betont Enk.

Diese rigide Ansicht teilen heute jedoch immer weniger Forscher. "Ich halte die Sonne für durchaus gesund", sagt etwa Professor Jörg Reichrath, Dermatologe am Uniklinikum des Saarlandes. Natürlich in Maßen genossen. Von völliger Abstinenz, wie Enk sie empfiehlt, rät Reichrath ab: "Solche Schwarz-Weiß-Botschaften sind der Hauptgrund, warum viele Menschen an einem Mangel an Vitamin D leiden."

Zwar steckt das Vitamin auch in Lebensmitteln wie fettem Fisch, Pilzen und Eiern. Den größten Teil stellt der Körper aber selbst her – mithilfe der Sonne. In mehreren Schritten entsteht dabei ein Stoff, der im Körper als Hormon wirkt.

Wie hoch soll der Vitamin-D-Spiegel sein?

Zum besten Blutwert gibt es verschiedene Angaben. Gut gesichert ist der optimale Vitamin-D-Spiegel für einen gesunden Knochenstoffwechsel. Er soll nicht unter 20 Nanogramm pro Milliliter liegen. Manche Experten halten eher 30 ng/ml für ideal.

Da der Spiegel zu starken Schwankungen neigt und es Ungenauigkeiten bei der Messung gibt, raten Experten, im Blut auch Kalzium und Parathormon bestimmen zu lassen. Zusammen mit dem Vitamin-D-Spiegel lässt sich besser einschätzen, ob der Knochen bereits leidet. Ältere oder dunkelhäutige Menschen weisen eher einen Mangel auf und können über Nahrungs­­ergänzungsmittel vorsorglich etwa 1000 IE einnehmen.


Gesundheitliche Effekte von Vitamin D überschätzt?

"Die Bedeutung von Vitamin D wurde lange unterschätzt", sagt Reichrath. Inzwischen ist allerdings eher das Gegenteil der Fall. So soll der Stoff nicht nur die Knochen stark machen. Ob Grippe oder Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen, Bluthochdruck oder sogar Krebs – kaum eine Volkskrankheit, bei der dem sogenannten Sonnenvitamin heutzutage nicht eine schützende Wirkung nachgesagt wird.

Professor Christian Kasperk, Stoffwechselexperte vom Uniklinikum Heidelberg, ärgern solche voreiligen Schlüsse. Denn was dabei Henne ist und was Ei, steht oft gar nicht fest. Findet sich etwa bei vielen Darmkrebspatienten ein niedriger Vitamin-D-Spiegel, muss dieser nicht Ursache des Tumors sein. Vielleicht liegt der Erkrankte nur viel im Bett und kriegt deshalb keine Sonne ab. Auch die eingangs zitierte Studie des Karolinska-Instituts lässt offen, ob Sonnenmangel unmittelbar schadet – oder ob nicht eher ein ungesunder Lebensstil mit wenig Bewegung im Freien das Leben der beobachteten Menschen verkürzte.

"Bislang gibt es auch keinen Nachweis, dass man mit Vitamin-D-Pillen Krebs vorbeugen kann", erklärt Kasperk. Herz-Kreislauf-Erkrankungen ließ sich in wissenschaftlichen Studien durch Tabletten ebenfalls nicht vorbeugen.

Knochen und Immunsystem brauchen Vitamin D

Anders verhält es sich beim Knochenstoffwechsel. Vor allem bei Älteren konnte man die Zahl der Stürze und Brüche senken, indem man einen Vitamin-D-­Mangel behob. Nachgewiesen ist die Bedeutung des Vitamins außerdem für das Immunsystem sowie für Rheuma und multiple Sklerose.

Fest steht also: Einen Vitamin-D-Mangel sollte man in jedem Fall vermeiden. "Auch wenn man ihn nicht spürt", so Kasperk. Statt täglich Pillen zu schlucken, raten die meisten Experten aber eher zur natürlichen Quelle – der Sonne. "Schließlich hat diese noch viele andere positive Wirkungen", sagt Endokrinologe Stephan Scharla. Sie verbessert die Stimmung, steuert unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Bei Kindern hilft Tageslicht offenbar, Kurzsichtigkeit zu ver­meiden. UV-Strahlen führen zudem nie zu ­einer Vitamin-Überdosis. Scharla: "Die Haut stoppt nach 20 bis 30 Minuten die Produktion."

Mittagspause nutzen

Wer im Büro arbeitet, dem rät Dermatologe Reichrath, die Mittagspause für ein kurzes Sonnenbad zu nutzen. Unterarme und Gesicht gut zehn Minuten ohne UV-Schutz bescheinen lassen – das reicht für die Vitamin-D-Produktion aus. Kasperk empfiehlt, täglich eine Stunde spazieren zu gehen. Ein wenig Sonnenvitamin bildet der Körper dann sogar bei Regenwetter – aber nur von März bis Oktober. Im Winter ist der Einfallswinkel der Strahlen zu flach, die UV-B-Strahlung wird durch die Atmosphäre herausgefiltert.

Gegen Ende der dunklen Jahreszeit gehen die Vitamin-D-Vorräte, die der Körper im Fettgewebe speichert, daher zur Neige. Vor allem älteren Menschen raten Experten dann dazu, dies durch die Einnahme von Tabletten auszugleichen. Für sie kommt eine Vitamin-D-Gabe teils auch im Sommer infrage. "Ältere können Vitamin D schlechter bilden", erklärt Scharla. Er empfiehlt Risikopatienten, etwa Menschen mit Osteoporose, eine tägliche Einnahme von 1000 IE (Internationale Einheiten); Reichrath nennt 2000 bis 3000 IE. Schädliche Wirkungen sind bei beiden Dosierungen nicht zu erwarten.

Vitamin D nicht überdosieren

Von der Gabe vieler Tausend Einheiten raten die Experten dagegen ab. In Studien führten diese bei älteren Patienten sogar zu mehr Stürzen und Brüchen. Auch das Immunsystem wird durch zu viel ­Vitamin D gehemmt. Wer regelmäßig eine zu hohe Dosis einnimmt, kann Gefäße und Nieren schwer schädigen. Im Übermaß wird also nicht nur die Sonnenstrahlung zu einer Gefahr – sondern auch das Sonnenvitamin.


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