Was Nägelkauen wirklich stoppt

Kauen Sie auch manchmal an den Fingernägeln? Bitterstoffe und gezielte Verhaltensänderungen helfen, die schlechte Angewohnheit abzulegen
von Anita Essig-Knop, aktualisiert am 21.10.2016

Gestresst oder gelangweilt? Dann kauen manche Menschen an den Nägeln

F1online/AGEFOTOSTOCK

Abgekaute Nägel sehen hässlich aus, machen anfällig für schmerzhafte Nagelbettentzündungen – und werden außerdem häufig mit negativen Charaktereigenschaften in Verbindung gebracht: Nagelbeißer gelten als nervös und willensschwach.

"Nägel kauen kann zwar auch Indiz für eine tiefer liegende psychische Störung sein. In vielen Fällen ist das Knabbern aber einfach eine schlechte Angewohnheit oder ein Zeichen für Anspannung", sagt Professor Steffen Moritz, Diplom-Psychologe an der Klinik für Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). "Oft wird es nur in bestimmten Situationen gemacht, beispielsweise bei Langeweile oder Stress. Es dient dazu, Spannung abzubauen."

Bitterstoffe als Abschreckung

Bei Menschen, die nur gelegentlich knabbern, sind rezeptfreie Präparate aus der Apotheke hilfreich. Sie enthalten Bitterstoffe und werden auf die Nägel aufgetragen. Der unangenehme Geschmack macht den Betroffenen die schlechte Angewohnheit bewusst, sobald sie an den Nägeln herumkauen. "Die Inhaltsstoffe sind unbedenklich. Die Präparate können selbst bei kleinen Kindern angewendet werden", erklärt Dr. Ulrich Klein, Facharzt für Dermatologie aus Witten.

Nicht immer helfen die Tinkturen. Manche Betroffene gewöhnen sich an den Geschmack oder pulen so lange an den Nägeln herum, bis das Bitteraroma weg ist. Daher sind Therapieansätze sinnvoller, die das störende Verhalten aktiv verändern. Eine bewährte psychologische Behandlungstechnik, das sogenannte Habit Reversal Training, beruht darauf, dass die Betroffenen lernen, ihre schlechte Angewohnheit wahrzunehmen und sie durch konkurrierende Verhaltensweisen zu ersetzen.

Psychologische Techniken gegen das Nagelkauen

Doch auch diese Technik führt nicht bei allen Patienten zum Erfolg, sei es weil die Methode nicht konsequent genug angewendet wird oder weil der Beißdrang zu stark ist. Eine neuere Behandlungstechnik im Kampf gegen das Nägelkauen stammt von der Arbeitsgruppe um Steffen Moritz und Michael Rufer von der Universität Zürich: die "Entkopplungsmethode".

Die bisherigen Techniken arbeiten darauf hin, das schlechte Verhalten in all seinen Bestandteilen zu unterlassen oder etwas ganz anderes zu machen. Die Entkopplungsbehandlung dagegen erlaubt es, eingeschliffene Bewegungsmuster wenigstens teilweise beizubehalten. Die eigentliche Verhaltensänderung besteht darin, dass die Bewegung vor dem Erreichen des Ziels – beim Nägelkauen ist es der Mund – abgelenkt wird. "Das macht es leichter, das alte Verhalten zu verlernen", erklärt Psychologe Moritz.

Mit Ersatzhandlungen ablenken

Praktische Übungen sehen zum Beispiel so aus: Der Nagelkauer führt die Finger in Richtung Gesicht. Sie erreichen jedoch nicht den Mund, sondern er lenkt sie mit einer schnellen Bewegung zielgerichtet zum Ohr, zur Nase oder zu einem anderen Punkt. Oder er berührt die Fingernägel zwar, aber nicht mit den Zähnen, sondern mit den Fingerkuppen. So gibt er seinem Drang nach, jedoch auf eine Art, die nicht in ein Fehlverhalten mündet.

Moritz sieht die Wirksamkeit der Behandlungsmethode durch das Resultat einer wissenschaftlichen Studie bestätigt. Sie ergab, dass fast die Hälfte der Versuchsteilnehmer das Nägelkauen mit dem Verfahren verringern konnte. Dieses hatte damit einen deutlich besseren Erfolg als die progressive Muskelentspannung, die die Kontrollgruppe praktizierte.

Nagelbettentzündungen verhindern

Eine konsequente ärztliche Betreuung ist bei übermäßigem Knabbern unumgänglich, also dann, wenn der Nagel so weit abgebissen ist, dass das Nagelbett verletzt wird und anschwillt. "Bakterien, Viren und Pilze können leicht eindringen und schwere örtliche Entzündungen verursachen oder zu einer Nagelwachstumsstörung führen", erklärt Hautarzt Klein. Extreme Nagelkauer zupfen außerdem oft an der Haut rund um die Fingernägel, was ebenfalls schmerzhafte Entzündungen auslösen kann.

Psychologischer Behandlungsbedarf besteht schließlich, wenn Betroffene sehr stark unter dem Beißen und Knabbern leiden oder die lästige Angewohnheit ihnen als Ventil für psychische Probleme dient. Moritz erläutert: "Viele Betroffene mit abgekauten Nägeln genieren sich, jemandem die Hand zu geben. Nicht selten schränken Schamgefühle und die Angst, dass andere das Verhalten entdecken könnten, die Lebensqualität ein und führen zu psychischen Folgeproblemen."


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