Dreißig Jahr, graues Haar – so stand er vor mir. Der bekannte Schlager von Udo Jürgens klingt auch umgedichtet noch sehr schön. Kein Wunder, denn silberne Schläfen können äußerst attraktiv aussehen. Aber was hat es auf sich, mit dem Farbwandel unseres Haupthaares? Was passiert da eigentlich und wieso? Dr. Dirk Eichelberg ist der ärztliche Leiter der Hansaklinik in Dortmund. Er ist Dermatologe und kennt sich auch auf dem Gebiet der Haarlehre bestens aus.
Herr Eichelberg, weshalb wachsen uns graue Haare?
Unser Haar wird nicht grau, es wird weiß. In den Haarwurzeln sitzen Zellen, die Pigmente bilden. Diese schenken unserem Schopf normalerweise die Farbe. Mit den Jahren verlieren sie die Fähigkeit und so wachsen weiße, also farblose Haare nach. Das passiert aber nicht bei allen Zellen gleichzeitig. Dadurch mischen sich dunkle und weiße Haare. Das Gesamtbild erscheint dann grau.
Weshalb geschieht das bei manchen mit 20 Jahren und bei anderen erst im Rentenalter?
Das ist genetisch bedingt. Einige Menschen haben besonders sensible Pigmentzellen, bei ihnen versiegt die Farbproduktion viel früher als bei den anderen. Es wird uns also in die Wiege gelegt wann wir ergrauen. Das bedeutet allerdings nicht, dass jemand dessen Vater bereits als Student silberschläfig war, auch zwangsläufig früh die Haarfarbe verlieren wird.
Was ist dran, an dem Mythos: Grau über Nacht?
Also, wirklich abends blond ins Bett gehen und morgens weißhaarig aufstehen wird niemand. Aber es kann schnell passieren. Es gibt Patienten, die innerhalb von vier Wochen deutlich ergraut sind. Das kann beispielsweise in extremen Stresssituationen geschehen.
Weshalb?
Stress ruft den Fluchtreflex hervor. Für unsere Vorfahren bedeutete eine Stresssituation, dass sie sich schnell in Sicherheit bringen mussten. Meistens durch Rennen. Dafür schoss ein Großteil des Blutes in Muskeln, Herz und Lunge. Alle nötigen Fähigkeiten liefen also auf Hochtouren. Dafür wurden die überflüssigen Energieverbraucher gedrosselt. Zu diesen gehören auch die Haare oder Nägel. Als Relikt der Evolution kann also eine extreme Stresssituation dazu führen, dass unsere Haare ergrauen, weil sie nicht mehr so gut versorgt werden.
Wie werden Haare grau?
Die Farbe wächst einfach eines Tages nicht mehr nach. Wenn jemand langes Haar trägt, dann kann es sein, dass die unteren 20 Zentimeter noch dunkel sind, der Ansatz aber farblos nachwächst. Das ist dann keine klare schwarz-weiß-Grenze, aber wenn man das Haar genau betrachtet, dann sieht man den Farbverlauf.
Ändert sich mit dem Farbverlust auch die Struktur der Haare?
Das muss nicht grundsätzlich passieren. Aber da sich nicht nur die Pigment-bildenden Zellen verändern, wird das Haar mit den Jahren oft dünner und feiner. Bei einigen Menschen ist es auch nicht mehr so schön glatt wie in jungen Jahren.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
01.12.2009, aktualisiert am 12.01.2012
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto
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