Sind Bärte Bakterienschleudern?

Bärte sind hip. Doch US-amerikanische Forscher wiesen darin zahlreiche Keime nach. Kein Grund für eine generalisierte Verunglimpfung, findet unser Experte

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 22.12.2015

Ekelfaktor Bart? Körperhaare sind nicht per se unhygienisch

iStock/Osmany Torres Martín

Im Sack bringt der Weihnachtsmann Geschenke, in seinem Rauschebart... Keime? Vor Kurzem schreckte die Stichprobe eines amerikanischen Fernsehsenders die Medienlandschaft auf: Bärte von Freiwilligen waren auf Bakterien untersucht worden. Bei manchen Proben hatten Mikrobiologen Keime gefunden, die sonst eher im unteren Verdauungstrakt gedeihen. Die Welle des Entsetzens schlug hoch. Einzelne Boulevardblätter schrieben ebenso reißerisch wie unrichtig, Männer trügen Kot im Bart. Andere Magazine rieten Frauen dazu, sich lieber zweimal zu überlegen, ob sie ihren bärtigen Freund küssen.


Dr. Ernst Tabori, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin

W&B/Privat

Dr. Ernst Tabori, ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg, hält solche generalisierten Behauptungen für völlig ungerechtfertigt. Vielleicht ist es für manche auch nur eine Gelegenheit, eine Modeerscheinung abstempeln zu wollen, die ihnen ästhetisch nicht in den Kram passt, mutmaßt der Experte. Er klärt auf: "Körperhaare sind nicht per se unhygienisch. Es kommt vielmehr darauf an, wie man damit umgeht." Dabei spiele es auch keine Rolle, ob es um Bart, Haupthaar oder andere Körperbehaarung geht. Vielmehr zählt das eigene Hygieneverhalten. Und gerade bei der aktuellen Hipstermode werde ja trotz Bart auf ein gepflegtes Äußeres geachtet. "Die Reinlichkeit, die ein Mensch an den Tag legt oder auch nicht, kann sich an vielen Körperstellen zeigen – beim Mann auch am Bart!", sagt Tabori. Es schere sich doch auch niemand eine Glatze, nur weil er das hygienischer finde. "Wie wir alle wissen, lassen sich Haare exzellent waschen und pflegen, ein mildes Shampoo reicht."

Entscheidend ist die Hygiene, nicht der Haarwuchs

Fäkalkeime finden sich nur dann im Bart, wenn sie jemand dort hineinbringt. Ein typisches Szenario dafür wäre, sich nach dem Toilettengang nicht die Hände zu waschen und dann unbewusst mit der Hand ins Gesicht zu greifen. Tatsächlich berührten in einer kalifornischen Studie aus dem Jahr 2008 die Probanden in etwa alle drei bis vier Minuten mit den Händen das Gesicht. Sogar, obwohl sie wussten, dass Kameras sie beobachten. Aber auch dieses Ergebnis ist laut Tabori kein Argument gegen Bartwuchs: "Bei rasierten Menschen landen die Keime, die wir an den Händen tragen, dann eben auf der Gesichtshaut."


Das ist ein Schwachpunkt der eingangs erwähnten Bart-Stichprobe: Die Mikrobiologen verglichen die Haarproben nicht mit entsprechenden Hautproben respektive Abstrichen vom Gesicht bartloser Männer. Denn natürlicherweise fühlt sich eine große Zahl an Bakterien auf der menschlichen Haut wohl, erzählt der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Darüber hinaus irritiert die Nassrasur die Haut: "In den Miniverletzungen, die das Rasiermesser verursacht, siedeln sich zum Beispiel Problemkeime wie Staphylokokkus aureus an." Deshalb hätten Hautabstriche vermutlich kaum weniger bakterielle Besiedlungen gezeigt.

Fäkalkeime lauern auch in der Küche

Die in der Stichprobe entdeckten Keime finden sich ebenso in vielen Haushalten: Eine Untersuchung der amerikanischen Gesundheitsorganisation NSF International fand mehr als 300 Millionen Mikroorganismen pro Gramm Geschirrschwamm. Dabei lag der Anteil an Darmkeimen bei 77 Prozent. Ebenso sind sie auf der Arbeitsplatte in der Küche oder im Kühlschrank zahlreich vertreten, berichtet der Experte. Sogar multiresistente Erreger tummeln sich dort. "Eingeschleppt werden solche Bakterien oft über Fleisch", sagt Tabori. So waren antibiotikaresistente Bakterien laut einer Studie des veterinärbakteriologischen Instituts der Universität Bern an drei von vier Hühnerfleischprodukten nachweisbar. Deshalb ist es wichtig, sich stets nach dem Umgang mit rohen Tierprodukten die Hände zu waschen, besonders bei Fleisch.



Bildnachweis: W&B/Privat, iStock/Osmany Torres Martín

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