Körperbehaarung: Wichtig oder unnötig?

Unter den Achseln oder auf den Beinen: Überall sprießen Haare. Sehr viele Menschen entfernen sie – der Mode wegen. Aber gehen damit wichtige Funktionen verloren?

von Valerie Till, aktualisiert am 10.02.2016

Sorgen stets für Diskussionen: Behaarte Achseln bei Frauen

Plainpicture/Anna Rozkonsny

Eine glatte, makellose Haut gehört für viele Frauen und Männer zum Schönheitsideal. Sie trimmen störende Körperhaare oder entfernen sie gleich ganz. Wer sich gegen diesen Trend richtet, sorgt schnell für Gesprächsstoff, wie zuletzt Popstar Madonna und ihre Tochter Lourdes. Die Sängerin zeigte auf der sozialen Online-Plattform Instagram ein Foto ihrer 19-jährigen Tochter mit Achselhaaren und sorgte damit für eine rege Diskussion unter den Instagram-Usern. Der neue Trend? Wer weiß. Vielleicht kehrt der 60er-Jahre-Look mit naturbelassenem Wuchs bald wieder zurück – und niemand echauffiert sich mehr über behaarte Achseln, Beine oder Intimzonen. Schließlich sind sie naturgegeben und haben aus dem Grund häufig auch eine Funktion zu erfüllen. Oder?

Wichtig: Augenbrauen, Wimpern und Nasenhaare

Der Mensch ist ein haariges Wesen. Wie viele Körperhaare er hat ist genetisch bedingt. Im Durchschnitt trägt eine Person 120 000 Haare auf dem Kopf. Im Gesicht kommen auf einen Quadratzentimeter Haut ungefähr 300 Haare, auf Brust und Rücken rund 70 und auf den Beinen etwa 40 Haare. Davon sehen wir allerdings nur die kräftigen, dunkelpigmentierten Terminalhaare. Gerade im Gesicht befindet sich neben den auffälligen Augenbrauen oder dem Barthaar aber noch ein feiner Flaum, der fast unsichtbar ist. Dieses Flaumhaar ist entweder sehr hell oder gar nicht pigmentiert und wächst einen halben bis maximal zwei Zentimeter. Frauen und Männer haben den Flaum von Geburt an.


Haarexpertin Prof. Dr. Ulrike Blume-Peytavi

W&B/Privat

Die Körperhaare nehmen verschiedene Funktionen ein. Einige von ihnen, wie beispielsweise den Körper vor Kälte zu schützen, sind heutzutage nicht mehr so wichtig wie sie früher einmal waren. Auf andere Funktionen können wir allerdings nicht verzichten. "Augenbrauen, Wimpern und Nasenhaare sind sehr wichtig", sagt Professor Ulrike Blume-Peytavi, Leitende Oberärztin und Leiterin des Kompetenzzentrums für Haare und Haarerkrankungen an der Berliner Charité. Bemerkbar macht sich das aber vor allem, wenn jemand diese Haare aufgrund einer Krankheit verliert. Die Expertin erklärt: "Unsere Brauen und Wimpern schützen unsere Augen. Wenn beispielsweise Schmutzpartikel in die Nähe eines Auges gelangen, leiten die Härchen den Reiz weiter und das Auge schließt sich im Reflex." Auch Nasenhaare sorgen dafür, dass nichts Falsches in die Nase hineinkommt. Sie haben allerdings noch eine weitere Funktion: "Die Nasenhaare fangen Sekrettropfen auf, die sich zum Beispiel beim Schnupfen oder beim Essen von scharfen Gerichten bilden. Ohne diese Haare würde jeder Tropfen einfach hinauslaufen", sagt Blume-Peytavi.

Kopf- und Barthaare besitzen Symbolkraft

Das Kopfhaar trägt zum Schutz der Haut vor UV-Strahlen bei und sorgt dafür, dass es oben herum nicht zu kalt wird. Doch hat es eine weitere wichtige Funktion: "Unsere Haare auf dem Kopf spielen in unserer Gesellschaft auch eine ganz wichtige Rolle in der soziale Kommunikation. Sie sind schon immer ein Zeichen für Stärke, für Weiblichkeit oder Männlichkeit und für Gesundheit und Wohlbefinden", erklärt die Dermatologin. Unterstützt wird die Symbolkraft für Stärke und Männlichkeit bei Männern mit dem Bart. Dieser hat heutzutage sonst keine wichtigen Aufgaben mehr zu erfüllen.

Auch die Funktionen der Haare an Armen, Beinen, Brust, Bauch und Rücken sind in unserer Zeit sehr begrenzt: Sie stärken teilweise die Berührungsempfindlichkeit der Haut. Ihre frühere Wärme- oder Sonnenschutzfunktion haben sie verloren: Die Dichte der Behaarung an Armen, Beinen, Brust, Bauch und Rücken hat mit der Zeit so stark abgenommen, dass sie unseren Körper gar nicht mehr ausreichend vor Sonne oder Kälte abschirmen kann. Diese Aufgaben übernehmen heute Kleidung und Sonnenschutzpräparate.

Achselhaare fangen Schweißtropfen ab, die sich in der Achselhöhle bilden. Außerdem halten sie die Haarkanäle offen, so dass sich Talg und Duftstoffe entleeren können. Jedes Haar ist nämlich mit einer Talgdrüse verknüpft, die Fett, sogenannte Lipide, produziert. Diese Lipide werden über den Haarkanal nach außen transportiert. "Wer die Achselhaare rasiert, muss damit rechnen, dass die nachwachsenden Haare sich eventuell im Kanal verfangen und so zu einer Entzündung führen", sagt Blume-Peytavi. Dass aber die Achselhaare den Schweißgeruch fördern, weist die Expertin zurück: "Schweiß ist geruchsneutral. Es fängt nur an zu riechen, wenn Bakterien die Haut besiedeln. Denn sie zersetzen den Schweiß und dann entsteht der Geruch." Bei Problemen mit Achselgeruch rät die Ärztin zur Enthaarung und zu einer medizinischen Behandlung.

Haare ab? Das entscheidet jeder selbst

Dass manche Menschen sich hygienisch reiner fühlen, wenn sie beispielsweise ihre Genitalhaare entfernen, sieht Blume-Peytavi als reine subjektive Wahrnehmung. Aus medizinischer Sicht sei kein Unterschied zwischen einer behaarten Intimzone und einem Kahlschnitt zu erkennen. Auch in anderen Körperbereichen existiert bei unauffälliger gesunder Haut keine medizinische Empfehlung zur Haarentfernung. "Allein das subjektive ästhetisch-kosmetische Wohlbefinden ist entscheidend. Es sollte jedem selbst überlassen sein, ob er eine glatte, makellose Haut bevorzugt oder die Haare wachsen lässt", sagt die Haut-Expertin. Wichtig sei nur, dass für die Haarentfernung im Achsel- oder Genitalbereich schonende Methoden gewählt werden, die nicht zu ausgedehnten Narbenbildungen führen und den gesamten Haarfollikel zerstören. Denn dann hätten die Drüsen keine Möglichkeit mehr, Talg, Duftstoffe und Pheromone freizusetzen, die wichtige Sexualsignale geben. Und wer weiß schon, ob der Trend in kurzer Zeit nicht wieder zu Wildwuchs übergeht?


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Bildnachweis: Plainpicture/Anna Rozkonsny, W&B/Privat

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