Anmelden | Registrieren
Drucken

Stottern: Therapien für Erwachsene

Mit modernen Methoden und viel Geduld können auch erwachsene Stotterer ihre Sprechstörung bewältigen


Professorin Katrin Neumann ist Expertin für die Behandlung von Stottern

Christian Michel ist ein Mensch, „der gern redet und erzählt“, wie er von sich sagt. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Sozialversicherungsangestellter, heute jobbt der 26-Jährige neben seinem Betriebswirtschafts-Studium in Münster in der Telefonzentrale eines Krankenhauses. Keine einfache Aufgabe, denn Michel stottert. Der Sprechstörung stellt er sich aber selbstbewusst.

Mit fünf Jahren war Christian Michel ein aufgeweckter Junge mit einer gesunden Portion Erzähldrang. Aus heiterem Himmel begannen die Wörter damals nicht mehr so selbstverständlich aus seinem Mund zu fließen, wie er es gewohnt war: „Obwohl ich genau weiß, was ich sagen will, bringe ich es oft nicht heraus.“


Stottern hört meist in der Pubertät auf

Etwa fünf Prozent aller Kinder fangen plötzlich an zu stottern – die Gründe dafür sind unbekannt. Doch genauso plötzlich hören 80 Prozent von ihnen bis zur Pubertät wieder auf. „Je früher stotternde Kinder zu einem Therapeuten gehen, desto besser“, sagt Professorin Katrin Neumann von der Universitätsklinik Frankfurt am Main.

Hat sich das Stottern aber bis ins Erwachsenenalter nicht verloren, bestehen nur geringe Aussichten auf eine Heilung. Ein Prozent der Deutschen – rund 800 000 Menschen – sind davon betroffen. „Die Sprechmuster bilden sich im Kindesalter aus, ver­fes­tigen sich, und später kann man sie sich nur noch schwer abgewöhnen“, sagt Neumann. „Erwach­­sene Stotterer können aber lernen, selbst­bewusst damit umzugehen und Sprechtechniken gezielt einzusetzen.“

Raus aus dem Teufelskreis

Am Sprechen sind mehr als 100 Muskeln beteiligt. Bis das Sprachzentrum einen Gedanken in Wörter und Sätze formt und einen Befehl an den Sprech­apparat sendet, vergehen nur Bruchteile einer Sekunde. Bei Stotterern ist dieses komplexe Zusammenspiel gestört, und die Kontrolle über die Sprechwerkzeuge versagt. Sie stolpern über einzelne Wörter.
Damit beginnt oft ein Teufelskreis. Um nicht aufzufallen, ziehen sich viele Betroffene zurück und sprechen möglichst wenig – was das Stottern häufig weiter verstärkt.

Als Therapie vertraut Neumann auf „Fluency Shaping“ (übertragen: Redefluss-Formung). Die Betroffenen üben dabei in mehrwöchigen Intensivtherapien neue Sprech­tech­niken ein. Sie gehen in realitätsnahen Rollenspielen einkaufen oder trainieren das Telefonieren. Dabei beginnen sie mal die Wörter mit einem weichen Stimm­­ansatz, mal dehnen sie die Silben oder steuern bewusst die Atmung über das Zwerchfell. Diese Technik verändert das gesamte Sprechen so, dass es eine bewusste Anstrengung bleibt, das Stottern aber kaum noch auftritt.

Die Angst nehmen

Mit der „Stottermodifikation“ dagegen sollen Betroffene lernen, frühzeitig Situatio­nen zu erkennen, in denen sie typischerweise anfangen, sprachlich zu stolpern. „Ziel ist ein flüssiges Stottern, mit dem sie zwar nach wie vor hörbar, aber deutlich sanfter aus einer Sprechblockade herauskommen“, sagt Dr. Martin Sommer. Der Facharzt für Neurologie am Universitätsklinikum Göttingen ist Vorsitzender der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe und hat selbst von diesem „Nicht-Vermeidungs-Ansatz“ profitiert. Statt unwillkürlich zu sein, werde Stottern dadurch beherrschbar und weniger mit Angst besetzt.

Eine dieser Selbsthilfegruppen besucht Christian Michel, seit er 16 Jahre alt ist. In diesem geschützten Raum kann er die verschiedenen Therapietechniken ausprobieren. Muss er heute vor seinen Mitstudenten einen Vortrag halten, weist er sie darauf hin, dass er stottert. Dann fällt die Anspannung von beiden Seiten ab: „Das Wichtigste ist, sich nicht von seinen Versagensängsten beherrschen zu lassen.“ Michel muss kontinuierlich weitertrainieren, damit sich alte Sprechmuster nicht wieder einschleifen. Noch vor Kurzem hatte er Proble­me, den Namen seiner Freundin auszusprechen. Heute geht ihm „Anna“ ganz leicht über die Lippen.


Tipps für die Unterhaltung mit Stotterern

  • Stotterer wissen genau, was sie sagen wollen. Nur dauert es manchmal etwas länger, bis sie es hervorbringen. Lassen Sie sie deshalb ausreden.


    1/5

  • Ergänzen Sie keine Wörter, das wirkt demütigend.


    2/5

  • Gut gemeinte Hilfen unterstützen nicht, sondern setzen Stotterer zusätzlich unter Druck.


    3/5

  • Halten Sie Blickkontakt und haben Sie Geduld.


    4/5

  • Weitere Tipps zu Therapieformen erhalten Sie auf der Website der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe: www.bvss.de


    5/5


Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken Umschau; 05.08.2011
Bildnachweis: W&B/Ute Schmidt

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Zum Weiterlesen auf www.baby-und-familie.de

Wenn Kinder stottern

Sprechenlernen ist eine schwierige Sache. Kein Wunder, wenn sich Kinder da manchmal verhaspeln. Eltern können dennoch meist gelassen bleiben »

Test: Ist das Stottern noch normal?

Mit unserem Test können Sie herausfinden, ob Ihr Kind eine ganz normale Sprachentwicklung durchmacht, oder ob Anzeichen für Stottern vorliegen »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Schädelhirntrauma

Ein Schädelhirntrauma ist eine Verletzung des Schädels und des Gehirns. Es entsteht, wenn eine äußere Gewalt auf den Kopf einwirkt. Symptome und Folgen hängen von der Schwere des Traumas ab »

Epilepsie

Was ist Epilepsie? Welche Ursachen hat sie? Wie zeigt sich ein epileptischer Anfall und wie leistet man richtig Erste Hilfe? Informationen zu Symptomen und Behandlung der Epilepsie »

Spezials zum Thema

Denkorgan:

Unser Gehirn als Tor zur Außenwelt

Das Gehirn bekommt alle Informationen. Hier sind unter anderem das Bewusstsein angesiedelt, das Denken, Fühlen und Handeln. »

Wie oft grillen Sie in den Sommermonaten?

Sudoku

Die beliebte japanische Knobelei in unendlichen Variationen hier online spielen »

Memo-Spiele

Unsere Kartenaufdeck-Spiele, das ähnlich wie das klassische Memory® funktioniert »

Medikamentencheck

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneien überprüfen »

Vorsorge-Rechner

Welche Vorsorgeuntersuchung können Sie wann in Anspruch nehmen? Unser Rechner sagt es Ihnen »

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
Baby und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung