Kann ein Mensch mit seinen Gedanken einen Ball von links nach rechts bewegen? Ja, durchaus. Zumindest auf einem Bildschirm ist dies mit der Elektroenzephalografie (EEG) möglich, einer Methode zur medizinischen Diagnostik. Dabei wird die elektrische Aktivität des Gehirns während eines Denkprozesses gemessen. Das geschieht durch Aufzeichnen der Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche. Diese Veränderungen werden grafisch umgesetzt – und der Ball bewegt sich.
Was für manche aussieht wie ein Telespiel aus den 80er-Jahren, bildet die Grundlage einer Therapieform am Schnittpunkt von Medizin und Psychologie. „Biofeedback ist ein fundiertes Verfahren der Verhaltensmedizin. Mit seiner Hilfe werden normalerweise unbewusst ablaufende psychophysiologische Prozesse durch Rückmeldung, das sogenannte Feedback, wahrnehmbar gemacht“, erklärt Lothar Niepoth, Psychologischer Psychotherapeut aus München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback (DGBfb).
Als weitere Signalgeber neben der elektrischen Aktivität des Gehirns können beispielsweise Atmung, Blutdruck, Pulsschlag, Hauttemperatur oder der elektrische Hautwiderstand genutzt werden. Mit dem Biofeedback lassen sich diese Körperfunktionen dem Bewusstsein zugänglich machen. Das kann durch akustische Signale oder eben Visualisierung geschehen.
„Die erstaunlichste Erkenntnis der Biofeedback-Forschung ist, dass die autonomen Körpervorgänge gar nicht autonom sind, sondern durch Lernprozesse beeinflusst werden können“, sagt Niepoth. Daher wird Biofeedback bereits seit Jahren erfolgreich bei chronischem Schmerz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen und Inkontinenz sowie zur Stressbewältigung eingesetzt.
Laufend entdeckten Wissenschaftler neue Einsatzmöglichkeiten – etwa um psychosomatische Störungen und Burnout bei Einsatzkräften zu verringern. „Mitarbeiter von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten sowie Soldaten sind mit Situationen konfrontiert, die physisch und psychisch belasten. Besonders die psychische Bürde stellt eine immer größere Herausforderung für die Psychologen dar“, sagt Diplom-Psychologe Dr. Axel Kowalski, Biofeedback-Therapeut und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Duisburg. Würden diese Belastungen nicht angemessen verarbeitet, könne das zu einem Burnout-Syndrom führen.
„Biofeedback als Methode zur Selbstregulation physiologischer Prozesse bietet daher neue Möglichkeiten in den Bereichen Deeskalation und Prävention posttraumatischer Belastungsstörungen“, sagt Kowalski, der sich wissenschaftlich intensiv mit dem Thema Biofeedback und Polizei auseinandersetzt.
So wie sich Patienten selbst Stress im Kopf schaffen, können sie die Kraft ihrer Gedanken auch gezielt nutzen, um bei Schlafstörungen zur Ruhe zu kommen. „Im Prinzip lernen sie, muskulär und mental den Entspannungszustand herzustellen, den sie brauchen, um einzuschlafen“, erläutert Niepoth. Dazu trainieren sie unter Elektromyografie-(EMG-)Kontrolle, die maßgeblichen Muskeln („Markermuskeln“) für einen entspannten Zustand wahrzunehmen und zu lockern. Dies sind vor allem der Trapezmuskel zwischen Wirbelsäule, Schlüsselbein, Schulterblatt und Nacken, der Kau- und der Stirnmuskel. Ein Computer gibt den Patienten beim Trainieren dieser Muskeln eine Rückmeldung, wann eine bestimmte Stufe der Entspannung erreicht ist.
„Wir versuchen dabei, die Beta-Frequenzen herunterzutrainieren, also praktisch aktive Gedanken zu verringern“, erklärt der Experte. Auch hier zeige ein akustisches Signal den Erfolg an, und zwar nur dann, wenn die Muskelentspannung tatsächlich erhalten bleibt. Sobald die Patienten so weit sind, dass sie das Gefühl haben, sich kontrolliert in einen einschlafnahen Zustand versetzen zu können, wird versucht, diesen Zustand ohne Rückmeldung vom PC zu erreichen. „Wichtig ist, dass sich die Patienten den inneren Zustand der Ruhe merken, den sie in dem Augenblick erreichen, wenn das Erfolgssignal ertönt“, betont der Psychologe. „Dann können sie sich vor dem Schlafengehen darauf einstellen.“
Das Prinzip
Das elektrische Potenzial bestimmter Körperfunktionen wird gemessen und in optische sowie akustische Signale umgesetzt. Diese sind auf dem Bildschirm als positive oder negative Darstellungen zu sehen oder über Lautsprecher zu hören. Der Patient erhält so eine direkte Rückmeldung („Feedback“) über seinen aktuellen Zustand. Er nimmt unmittelbar wahr, wie er die Signale und damit bestimmte Körperfunktionen positiv verändern kann.
Dr. Peter-Michael Petsch / Apotheken Umschau;
22.02.2011, aktualisiert am 08.12.2011
Bildnachweis: W&B/Ulrike Möhle, dpa Picture-Alliance GmbH/Bernd Thissen
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