Reversible zerebrale Durchblutungsstörungen

Zusammenfassung:
Eine reversible zerebrale Durchblutungsstörung im Gehirn macht sich oft durch ein einseitiges Schwächegefühl, besonders im Arm, und ein Gefühl der Schwere und Ungeschicklichkeit bemerkbar. Dazu kommt oft ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl auf dieser Seite. Das Sprechen kann schwer fallen, der Betroffene kann schwindlig werden. Viele sehen plötzlich schlecht oder sind kurz, teilweise blind.
Die Ursache der Durchblutungsstörung liegt meist in einer durch Arteriosklerose bedingten Behinderung des Blutflusses in Hals- oder Gehirngefäßen.
Durchblutungsstörungen können Vorboten eines Schlaganfalls sein. Die größten Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, Diabetes und höheres Alter.
Eine Untersuchung durch den Arzt ist auf jeden Fall sinnvoll. Zur Vermeidung weiterer Durchblutungsstörungen und zur Verringerung des Schlaganfallrisikos ist meist eine Änderung des Lebensstils notwendig. Medikamente können zusätzlich eingesetzt werden. Eine Operation der Halsschlagader zur Entfernung der Arteriosklerose-Ablagerungen ist nur bei wenigen Betroffenen angebracht.



Um seine Funktionen erfüllen zu können, braucht das Gehirn große Mengen Sauerstoff und Zucker, die über das Blut in den Arterien geliefert werden. Das Gehirn macht zwar nur etwa zwei Prozent des Körpergewichts aus, es verbraucht aber 20 Prozent des eingeatmeten Sauerstoffs und rund ein Viertel des Blutzuckers. Sinkt die Durchblutung des Gehirns unter ein Fünftel des normalen Werts, beginnen die betroffenen Nervenzellen innerhalb von zwei Minuten abzusterben.
Durchblutungsstörungen führen vorübergehend zu einem Funktionsausfall der betroffenen Gehirnareale. Etwa vier bis sechs Stunden können benachbarte Blutgefäße eine Notversorgung des betroffenen Gebiets aufrecht erhalten, sodass die Schäden höchstwahrscheinlich wieder repariert werden können.
Genaue Zahlen zur Häufigkeit von Durchblutungsstörungen gibt es nicht. Da sie aber eine Vorstufe des Schlaganfalls sind, aber nicht alle Durchblutungsstörungen einen solchen nach sich ziehen, dürften sie um einiges häufiger sein als Schlaganfälle. Etwa 600/100.000 Einwohner in industrialisierten Ländern haben bereits einen Schlaganfall erlitten. Die Zahl der Neuerkrankungen liegt bei 200 - 350/100.000 und Jahr. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
Die Wahrscheinlichkeit von Durchblutungsstörungen nimmt mit zunehmendem Alter zu. Sie sind aber bei weitem keine reine Alterskrankheit.

Ursachen

Die Unterversorgung von Gehirnarealen geht auf Schäden in den zuführenden Arterien zurück, wodurch die Blutversorgung beeinträchtigt wird.
Es kann sich um eine durch Arteriosklerose bedingte Engstelle in einer Gehirnarterie im Hals- oder Kopfbereich handeln. Die Engstelle kann vorübergehend durch ein Blutgerinnsel verschlossen werden (Thrombose). Es kann sich um eine Embolie handeln. Diese Art von Gefäßverschluss wird von Thrombose-Pfropfen verursacht, die sich irgendwo im Körper gelöst haben und mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangt sind, wo sie die feinen Gehirngefäße verstopfen.
Bei einer Durchblutungsstörung können Thrombosen oder Embolien rechtzeitig vom Körper selbst aufgelöst werden. Spürbare Schäden werden außerdem durch Notversorgung der betroffenen Areale durch benachbarte Blutgefäße verhindert.
Entzündliche Gefäßerkrankungen, Störungen der Blutgerinnung oder bestimmte Medikamente sind seltene Ursachen für Durchblutungsstörungen.
Dauern die Beeinträchtigungen nicht länger als 24 Stunden, wird von einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) gesprochen. Dauern sie länger, gehen aber doch innerhalb von sieben Tagen vorüber, ist die Rede von einem PRIND. Das steht für prolongiertes (manche Ärzte ziehen partielles vor) reversibles ischämisches neurologisches Defizit.

Risikofaktoren
Die Risikofaktoren sind dieselben wie jene für einen Schlaganfall. Die meisten Risikofaktoren sind durch das eigene Verhalten beeinflussbar.
Höheres Lebensalter: Etwa zwei Drittel der Schlaganfälle treten nach dem 70. Lebensjahr auf. Das Risiko von Durchblutungsstörungen nimmt mit weiter ansteigendem Alter dann aber wieder ab.
Bluthochdruck: Hoher Blutdruck schädigt die Gefäßwände und kann so die Arteriosklerose beschleunigen.
Übergewicht: Übergewicht fördert hohen Blutdruck, Diabetes und verstärkt meist auch den Bewegungsmangel. Alles das begünstigt die Arteriosklerose.
Bewegungsmangel: Körperliche Aktivität trainiert nicht nur die Muskeln, sondern auch die Gefäße und hält sie elastisch.
Diabetes: Erhöhter Blutzucker greift die Wände der Blutgefäße an und schädigt sie. Dadurch wird die Arteriosklerose beschleunigt.
Erhöhte Blutfettwerte: Hohe Blutfettwerte, vor allem bei LDL-Cholesterin, gehören zu den "effektivsten" Beschleunigern der Arteriosklerose.
Herzkrankheiten: Bei Herzkrankheiten kommt es relativ häufig zu Blutgerinnseln im Herzen, die zu einem Schlaganfall führen können. Dazu zählen koronare Herzkrankheiten, Herzversagen und Vorhofflimmern, das besonders bei älteren Menschen auftritt.
Rauchen: Rauchen fördert die Arteriosklerose. Erst fünf Jahre nach der letzten Zigarette ist das Risiko wieder so wie bei einem Nichtraucher.
Antibaby-Pille: Bei manchen Frauen kann die Antibaby-Pille das Schlaganfallrisiko erhöhen, besonders wenn die Frau übergewichtig ist, Bluthochdruck hat und raucht.
Gene: Das Schlaganfall-Risiko hängt bis zu einem gewissen Grad auch von den Genen ab. Wenn in der Familie bereits ein Schlaganfall aufgetreten ist, so ist die Veranlagung wahrscheinlich vorhanden.
Je mehr Risikofaktoren zutreffen, desto wichtiger ist eine Vorsorgeuntersuchung zumindest einmal im Jahr!
Besteht eine Verengung der Gehirnarterie, ist das Risiko einer zerebralen Durchblutungsstörung hoch.

Vorbeugung
Vorbeugemaßnahmen gegen Durchblutungsstörungen sind dieselben wie jene gegen Schlaganfall.
Jede Verringerung beeinflussbarer Risikofaktoren senkt das Risiko. Es kann aber durchaus eine Rolle spielen, wie ein Risikofaktor verringert wird. Es ist zum Beispiel besser, erhöhte Blutfettwerte so weit wie möglich durch eine Umstellung der Ernährung zu senken. Erst wenn das nicht hilft, sollten Medikamente eingesetzt werden.
Immer wieder tauchen einzelne Maßnahmen oder Substanzen auf, die angeblich als Schutzfaktoren wirken. Fundierte wissenschaftliche Studien, die ihren Wert für die Schlaganfallprävention belegen, fehlen allerdings oft. Abgesehen von sinnlosen Ausgaben bringen solche "Schutzfaktoren" unter Umständen die Gefahr mit sich, dass der vermeintliche Schutz zu einer Verharmlosung wichtiger Risikofaktoren führt.
Die folgende Auflistung beruht auf einer Zusammenfassung der aktuellen wissenschaftlichen Studien. Demnach besitzen körperliche Aktivität und eine Verringerung des Salzkonsums zur Senkung des Blutdrucks das größte präventive Potential gegen Schlaganfall. Zwar hängen nicht alle Formen von Bluthochdruck mit dem Salzkonsum zusammen, aber die meisten.
Körperliche Aktivität verringert das Risiko eines Schlaganfalls eindeutig. Gleich mehrere Risikofaktoren werden positiv beeinflusst. Schon leichte bis mäßige Aktivität wie regelmäßiges Gehen wirkt.
Verringerung des Salzkonsums senkt das Schlaganfallrisiko nachgewiesenermaßen - und zwar über die Senkung des Blutdrucks.
Obst- und gemüsereiche Kost senkt das Schlaganfallrisiko höchstwahrscheinlich, der Nachweis durch wissenschaftliche Studien steht aber noch aus.
Vitamin B6, B12 und Folsäure dürften eine gewisse Schutzwirkung besitzen. Mit Gemüse und Obst dürfte eine bessere Wirkung zu erzielen sein als mit Vitamintabletten. Diese Vitamine tragen zu einer Verringerung des Homozystein-Spiegels bei.
Fischgerichten wird öfters eine schützende Wirkung gegen Schlaganfälle zugeschrieben. In Studien konnte das zwar nicht belegt werden, Fisch trägt aber nachweislich zu einer gesunden Ernährung bei.
Möglichst geringer Eisen-Überschuss im Blut gilt als gesicherter Schutzfaktor vor Schlaganfall, obwohl fundierte wissenschaftliche Studien dazu noch ausstehen. Bei Frauen vor der Menopause hält die monatliche Blutung den Eisenvorrat in Grenzen. Ihr deutlich geringeres Schlaganfallrisiko gegenüber Männern dürfte nicht zuletzt darauf zurückgehen. Männer können ihren Eisen-Überschuss durch Blutspenden oder Aderlass abbauen.
Acetylsalicylsäure besitzt nur für Hochrisikogruppen einen Nutzen zur Prävention von Schlaganfällen. Dazu gehören Menschen, die schon einen Schlaganfall gehabt haben (Sekundär-Prophylaxe) und Menschen mit fortgeschrittener Arteriosklerose, Diabetes, hohem Nikotinkonsum und einer großen Neigung zu Blutgerinnung.
Alkohol in mäßigen Mengen trägt ebenfalls zur Verringerung des Schlaganfallrisikos bei. Die Grenze zum gesundheitlichen Schaden ist allerdings schmal.
Hormonsubstitution für Frauen nach der Menopause kann nicht als Schutzfaktor vor Schlaganfall gesehen werden. Es gibt zu wenig Daten.
Für die Antioxidanzien Vitamin C, Beta-Carotin und Alpha-Tokopherol liegen widersprüchliche Ergebnisse vor. Während Vitamin C möglicherweise nützen könnte, trifft dies für Beta-Carotin und Alpha-Tokopherol sicher nicht zu.
Die Senkung des Cholesterinspiegels mit Medikamenten oder speziellen Diäten hat zu keiner Verringerung des Schlaganfallrisikos geführt. Was die Medikamente betrifft, so gibt es eine Ausnahme: Statine zeigen eine gewisse Wirkung. Die Daten reichen aber nicht aus, um diese Präparate zur Schlaganfallprävention zu empfehlen.
Zur Vorbeugung gegen vom Herzen ausgehende Embolien ist die Behandlung von Herzkrankheiten wie Herzrhythmusstörungen sinnvoll.

Beschwerden

Am häufigsten bemerkt der Betroffene ein Schwächegefühl in einer Körperseite, er fühlt sich schwer und ungeschickt. Besonders fällt das am Arm auf. Diese Lähmungserscheinungen sind oft mit einem unangenehmen Gefühl (Kribbeln, Taubheit) in den Gliedmaßen verbunden.
Vielen fällt plötzlich das Sprechen schwer.
Gleichgewichtsstörungen sind weniger häufig, noch seltener tritt ein Schwindelgefühl auf.
Manchmal sieht der Betroffene doppelt oder nur mehr einen Teil des Gesichtsfelds. Da diese Beschwerden nicht schmerzhaft sind, wird oft auf den Gang zum Arzt verzichtet. Dabei ist bei solchen Anzeichen eine ärztliche Untersuchung dringend angeraten. Bei plötzlich auftretenden Lähmungen ist sofort der Notarzt zu verständigen.

Mögliche Folgeerkrankungen und Komplikationen
Durchblutungsstörungen des Gehirns können Vorboten eines Schlaganfalls sein.
Das betrifft Frauen stärker als Männer. Während eine Durchblutungsstörung das Schlaganfallrisiko bei einer 50jährigen Frau um das 30fache erhöht, steigt es bei einem 50jährigen Mann auf das 15fache.

Diagnose

Mit einer Computertomografie oder Kernspintomografie sind Zeichen einer Mangeldurchblutung meist nur schwer zu erkennen.
Mit einer Ultraschalluntersuchung können Verengungen und Verschlüsse der großen Blutgefäße im Hals und im Gehirn sichtbar gemacht werden. Mit einer Angiografie können auch die kleineren Gehirngefäße und ihre Veränderungen sichtbar gemacht werden. Die Angiografie kann auch in Verbindung mit einer Kernspintomografie durchgeführt werden.
Spezielle Formen von Elektrokardiogramm (EKG) können zeigen, ob eine Reizbildungs- oder Reizleitungsstörung vorliegt. Eine Echokardiografie liefert weitere Informationen. Dazu wird eine Herz-Lungen-Röntgenuntersuchung gemacht (Thorax-Röntgen).
Eine Blutuntersuchung (labormedizinische Untersuchung ) wird durchgeführt, um Diabetes auszuschließen und um Blutbild, Blutgerinnung, Entzündungszeichen, Salze, Blutfette, Nierenwerte und Leberwerte sowie Muskelenzyme zu bestimmen.
Mit SPECT kann in speziellen Fällen die Hirndurchblutung und auch die Hirnaktivität gemessen werden.

Behandlung

Ein wesentlicher Teil der Therapie ist die Reduktion von Risikofaktoren. Blutgerinnungshemmende Mittel können eine vorbeugende Wirkung gegen weitere Durchblutungsstörungen und einen Schlaganfall besitzen.
Manchmal kann eine Operation sinnvoll sein.

Heilungschancen
Die Durchblutungsstörungen gehen zwar ohne merkliche Spuren vorüber, sie können im Gehirn aber dauerhafte Folgen hinterlassen.

Chirurgische Maßnahmen
Ein Bypass zur Umgehung einer schadhaften Stelle oder Ballon-Dilatation zur Erweiterung haben sich nicht bewährt. Bei einigen wenigen Betroffenen, bei denen die Ursache für die Durchblutungsstörung in einer durch Arteriosklerose bedingten Verengung der Halsschlagader liegt, kann eine Ausschälung der Halsschlagader sinnvoll sein. Die unmittelbar unter der Haut liegende Schlagader wird freigelegt, an der schadhaften Stelle mit einem Längsschnitt geöffnet und die Ablagerungen entfernt. Meist wird die Stelle durch einen Kunststoff- oder Venenstreifen etwas erweitert.

Die Wahl der Betäubung
Eine Vollnarkose birgt das Risiko, dass das Gehirn noch einmal weniger Sauerstoff bekommt und eventuell auch unter der Operation leidet. Dieses Risiko kann mit modernen Narkoseverfahren verringert werden. Die Operation kann aber auch unter lokaler Betäubung durchgeführt werden. Sie wird von Chirurgen mit Spezialisierung auf Gefäß-Eingriffe oder Neurochirurgen durchgeführt.
Eine gut durchgeführte Schmerzbehandlung während und nach der Operation verringert die Beschwerden beträchtlich.

Risiken und Komplikationen
Kurz nach der Operation ist das Schlaganfallrisiko leicht erhöht. Danach ist es jedoch um 80 Prozent niedriger.

Physikalische Therapie
Verschiedene Methoden der Bewegungstherapie können den Kreislauf anregen.

Ergänzende Maßnahmen
Eine vollständige Auflistung und Einteilung der komplementärmedizinischen Verfahren in anerkannte, zweifelhafte, nicht allgemein anerkannte oder gesichert nutzlose therapeutische Verfahren ist angesichts der mangelhaften Datenlage kaum durchführbar. Eine Auswahl und Bewertung bestimmter Therapieformen wird aber dennoch angeführt: Diese Bewertung der Einschätzung kann sich in den nächsten Jahren sicherlich wieder verändern und stellt auch derzeit keine Konsensmeinung dar.
Zu den Naturheilverfahren gehört die Kneipptherapie, die durchblutungsfördernd wirken kann.
Zu den unkonventionellen, wissenschaftlich nicht anerkannten Therapieverfahren, die aber von Einzelpersonen als hilfreich empfunden werden, ist die Einnahme von Knoblauch-Präparaten (Phytotherapie) zu zählen. Es gibt aber nicht mehr als Hinweise, dass Knoblauch eine gewisse Wirkung gegen Arteriosklerose haben könnte.
Blutig ausleitenden Verfahren sind abzuraten. Es kann zu Infektionen oder Narben kommen, vor allem aber bei der Einnahme von blutgerinnungshemmenden Medikamenten können diese Therapien ein Risiko darstellen. Abgeraten wird auch von Zell- und Organotherapien, bei denen Produkte aus Geweben neugeborener Tiere oder aus Tierföten injiziert oder geschluckt werden. Dabei kann es zu allergischen Reaktionen bis zum tödlichen Schock kommen. Außerdem ist die Übertragung von Krankheitserregern nicht auszuschließen.

Leben mit der Krankheit

Die richtige Ernährung bei Durchblutungsstörungen
Eine vollwertige Ernährung kann Risikofaktoren wie Übergewicht oder erhöhte Blutfettwerte günstig beeinflussen. Zielführend ist dabei das Motto "Weniger fett, weniger süß, weniger salzig, mehr Ballaststoffe".

Nachuntersuchungen
Anfangs sind Kontrollen im Abstand von drei Monaten erforderlich. Wenn die Risikofaktoren verringert werden können, genügt eine Vorsorgeuntersuchung im Jahr.
 
Letzte Aktualisierung:
13.03.2007 (Patricia Herzberger)
Autor:
Karin Gruber
Experten für diese Seite:
Univ. Doz. DDr. med. Josef Finsterer (Neurologie)

Diese Informationen können den Besuch beim Arzt nicht ersetzen, sondern können Ihnen helfen, sich auf das Gespräch mit dem Arzt vorzubereiten. Eine Diagnose und die individuell richtige Behandlung kann nur im persönlichen Gespräch zwischen Arzt und Patient festgelegt werden.