Etwa zwei Prozent der Deutschen haben eine tickende Zeitbombe im Kopf – meist ohne davon zu wissen. Dabei handelt es sich um sackartige Erweiterungen eines oder mehrerer Hirngefäße, sogenannte Aneurysmen. Reißen sie, verursachen sie lebensbedrohliche Hirnblutungen. „Die meisten Blutungen treten zwischen dem 55. und 70. Lebensjahr auf“, sagt Professor Michael Forsting, Neuroradiologe an der Universität Essen.
„Bei jüngeren Patienten liegt der Verdacht auf familiäre Häufung nahe.“ Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer. „Die Ursache ist häufig eine angeborene Schwäche der Gefäßwand“, weiß Forsting. Weitere Risikofaktoren seien Bluthochdruck, Rauchen und Alkoholmissbrauch.
Aneurysmen verursachen keine Beschwerden und werden deshalb oft nur zufällig entdeckt. Die Diagnose stellen Ärzte mittels Kernspin-Angiografie. „Diese Untersuchung empfehlen wir vor allem nahen Verwandten von Aneurysma-Patienten“, sagt Dr. Bernd Turowski vom Institut für Radiologie der Universität Düsseldorf. Patienten, die bereits wegen eines Aneurysmas behandelt wurden, sollten anfangs alle zwei, später alle fünf Jahre untersucht werden.
Schwer abschätzbares Risiko
Das Blutungsrisiko ist schwer abzuschätzen und hängt von Größe, Form und Lage des Aneurysmas ab. „Regelmäßig geformte Aneurysmen im vorderen Hirnbereich reißen selten, wenn sie einen Durchmesser von unter sieben Millimetern haben“, sagt Turowski. Im Hinterkopf raten Ärzte bereits ab fünf Millimetern zur Operation. Als besonders riskant gelten unregelmäßig geformte Aneurysmen: Sie sollten möglichst immer behandelt werden.
Neurochirurgen und Neuroradiologen wägen Nutzen und Risiken eines Eingriffs individuell ab: „Das Behandlungsrisiko steigt mit zunehmendem Alter, sodass wir bei älteren Patienten zurückhaltender sind“, sagt Forsting. „Jüngere profitieren dagegen auf jeden Fall von einer Operation“. Auch wenn die Angst vor dem Aneurysma die Lebensqualität stark beeinträchtigt, rät Forsting, aktiv zu werden.
Platzt das Aneurysma, ist schnelles Handeln erforderlich. „Dennoch heißt es Ruhe bewahren“, betont Turowski. Zwar kommen die Blutungen oft nach wenigen Sekunden von selbst zum Stillstand. „Aber Aufregung erhöht den Blutdruck und somit das Risiko einer erneuten Blutung.“ Zwei Drittel der Patienten überleben die Notfall-Operation, die Hälfte davon erleidet bleibende Schäden. Ein Teil der Patienten hat etwa eine Woche vorher Warnblutungen mit heftigsten Kopfschmerzen. „Diese Anzeichen sollte man nicht ignorieren", rät Turowski.
Eine Frage der Lage
Die Wahl des geeigneten Operationsverfahrens richtet sich nach der Lage des Aneurysmas.
Clipping: Neurochirurgen klemmen die ausgebuchteten Hirngefäße mit einer Klammer ab. Dazu bohren sie ein Loch in die Schädeldecke. „Dieses Verfahren eignet sich für Aneurysmen an der Oberfläche, die von außen gut erreichbar sind“, erklärt der Düsseldorfer Neuroradiologe Dr. Bernd Turowski.
Coiling: Bei tiefer liegenden Aneurysmen, etwa an der Schädelbasis oder am Hirnstamm, führen Neuroradio logen einen Katheter durch die Leistenarterie in die Gefäßausbuchtung und verschließen sie mit kleinen Platinspiralen. „Dieses minimalinvasive Verfahren ist schonender“, sagt Turowski. „Bei etwa 15 Prozent der Patienten kann aber nach einigen Monaten ein weiterer Eingriff erforderlich werden.“
Barbara Kandler-Schmitt / Apotheken Umschau;
18.10.2011
Bildnachweis: Focus/SPL, Superbild/PHANIE
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