Wie entsteht ein Déjà-vu-Erlebnis?

Das Gefühl, eine neue Situation schon einmal exakt so erlebt zu haben: Das ist ein Déjà-vu. Forscher versuchen, das Phänomen zu entschlüsseln

von Valerie Till, aktualisiert am 15.03.2016

Déjà-vu: War ich da nicht schon mal?

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Sie lernen das Baby einer Freundin kennen, besuchen einen fremden Ort oder feiern Ihren 50. Geburtstag. Alles tun Sie zum ersten Mal – und trotzdem haben Sie das Gefühl, exakt dieselbe Situation schon einmal erlebt zu haben. Mit denselben Menschen, Geräuschen und Eindrücken. Aber genau daran erinnern können Sie sich nicht. Bei diesem merkwürdigen Vertrautheitsgefühl handelt es sich um ein Déjà-vu.

"Ein Déjà-vu ist ein weit verbreitetes und häufiges Erinnerungsphänomen, das meistens nur einige Sekunden anhält, aber bei dem Betroffenen für Verwunderung sorgt", sagt Psychologe Professor Uwe Wolfradt, der an der Universität Halle-Wittenberg zu den Themen Selbstentfremdung und Erinnerungsphänomene forscht. Wissenschaftler gaben diesem rätselhaften Erlebnis im 19. Jahrhundert den französischen Namen Déjà-vu – deutsch: "bereits gesehen".


Professor Uwe Wolfradt

W&B/Privat

Wer bekommt ein Déjà-vu?

Forscher gehen davon aus, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine Déjà-vu-Erfahrung erlebt hat oder erleben wird. Eine genaue Zahl können Wissenschaftler jedoch nicht nennen. In Studien schwankt die Anzahl der Befragten, die angaben, sich an ein Déjà-vu erinnern zu können, zwischen 30 und 90 Prozent. "Es ist schwierig, dieses spontane Phänomen zu untersuchen. Forscher müssen auf die Erzählungen der Probanden vertrauen", erklärt Wolfradt die großen Schwankungen. Auch sei es in solchen Fällen schwer, die genauen Umstände, unter denen ein Déjà-vu auftritt, zu spezifizieren.

Die meisten Déjà-vus erleben laut Studien junge Menschen – insbesondere zwischen 15 und 25 Jahren. Laut Wolfradt hängt das einmal mit der Entwicklung des Gehirns zusammen, die zum Großteil mit 15 Jahren abgeschlossen ist. Zum anderen ist die Zeitspanne von 15 bis 25 Jahren häufig sehr ereignisreich. "Man sammelt viele Erfahrungen, erlebt viel Neues. Häufig kommt einem dann etwas vertraut oder ähnlich vor", sagt Wolfradt.

Mit steigendem Alter scheint sich die Anzahl der Déjà-vus zu vermindern. Das verwundert Forscher, da Gedächtnisstörungen – dazu zählen auch Déjà-vus – mit dem Alter bekanntermaßen eher zu- als abnehmen. Experte Wolfradt erklärt sich die Tatsache folgendermaßen: "Vielleicht erleben ältere Menschen einfach keine Déjà-vus mehr, vergessen sie oder können sich nicht mehr daran erinnern."

Auch haben Forscher in ihren Untersuchungen festgestellt, dass Frauen und Männer mit einer hohen Bildung häufiger Déjà-vus erleben als weniger Gebildete. Ebenfalls kommt das paradoxe Vertrautheitsgefühl wohl häufiger vor, wenn man viel reist, einen unregelmäßigen Arbeitsrhythmus oder Stimmungsschwankungen hat, übermüdet oder gestresst ist.


Hatten Sie schon einmal ein Déjà-vu?

Wie entsteht ein Déjà-vu?

Die Erklärung für das Phänomen gibt es noch nicht. Der US-amerikanische Psychologieprofessor Alan S. Brown beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit Déjà-vus und fasste die drei wichtigsten Erklärungsansätze zusammen. Diese beziehen sich auf die Wahrnehmung, das Erinnerungsvermögen und die Gehirnfunktionen:

Theorie 1: Wahrnehmungstheorie

Typische Situation: Während Ihres Urlaubs besuchen Sie einen neuen Ort. In dem Moment, in dem Sie auf den Marktplatz zusteuern, klingelt Ihr Mobiltelefon und einige Autos fahren direkt vor Ihnen vorbei. Erst nachdem Sie das Telefongespräch beendet haben und die Straße frei ist, nehmen Sie die große Kirche neben dem Marktplatz wahr – und haben das Gefühl, hier bereits gewesen zu sein.

Erklärung: Ein Déjà-vu kann entstehen, wenn eine Situation zunächst nicht bewusst wahrgenommen wird. Gründe hierfür können zum Beispiel Stress oder eine schlechte Konzentration sein. Im Beispiel wurde die Kirche neben dem Marktplatz nicht bewusst wahrgenommen, da die Konzentration der Person durch das Klingeln des Mobiltelefons und die fahrenden Autos gestört wurde. Die zweite, unmittelbare Wahrnehmung erfolgt bewusst und kann einem dann merkwürdig vertraut vorkommen, weil man sie vorher bereits unbewusst erlebt hat.

Theorie 2: Erinnerungstheorie

Typische Situation: Im Sommer lädt Sie ein Freund zu einer Gartenparty ein. Im Garten steht in der Mitte ein weißer Springbrunnen. Daneben ein runder Grill und ein langer gedeckter Tisch mit einer außergewöhnlichen Blumenvase und einem bunten Strauß. Die ganze Szenerie kommt Ihnen sehr bekannt vor, obwohl Sie diesen Garten zum ersten Mal betreten.

Erklärung: Bei der Erinnerungstheorie unterscheiden Forscher zwischen drei unterschiedlichen Versionen. Entweder kann das Déjà-vu dadurch entstehen, dass der Eingeladene einfach vergessen hat, dass er den Garten bereits einmal gesehen hat. Beispielsweise kann der Gastgeber ihm ein paar Wochen vorher ein Foto gezeigt haben, auf dem die gleichen Gegenstände in derselben Umgebung zu sehen waren. Oder das Déjà-vu entstand aufgrund eines bekannten Objektes: Zum Beispiel kann es sein, dass der Eingeladene die außergewöhnliche Blumenvase aus seinem Elternhaus kennt, aber die Verbindung nicht sofort herstellt. Die dritte Erklärungsmöglichkeit wäre, dass der Eingeladene zuvor bereits etwas gesehen hat, dass eine ähnliche Struktur wie der Garten aufweist. Beispielsweise kann er in einem Park gewesen sein, in dem ebenfalls in der Mitte ein Springbrunnen stand und daneben eine lange Sitzbank mit einem runden Mülleimer.

Theorie 3: Theorie der Fehlleistung des Gehirns

Neurologen gehen davon aus, dass Informationen aus der Umwelt über verschiedene Wege in der rechten und linken Gehirnhälfte in der Großhirnrinde zusammenlaufen und dort zu einem einheitlichen Eindruck verschmelzen. Das Déjà-vu-Phänomen erklären sie sich mit einer möglichen verzögerten Übertragung der Informationen auf den neuronalen Verbindungen.

Das Gegenteil von Déjà-vu: Jamais-vu

Einige kennen vielleicht auch folgende Situation: Man sagt ein Wort, wie zum Beispiel "Tisch", ganz oft vor sich hin und wundert sich irgendwann über die Bedeutung des Wortes oder über den Klang. Oder eine Vase, die man selbst gekauft hat und jeden Tag sieht, kommt einem plötzlich völlig fremd und fehl am Platz vor. Vielleicht war das dann ein Jamais-vu.

Ein Jamais-vu (Französisch für "nie gesehen") ist ein weiteres ungeklärtes Gedächtnisphänomen und das Gegenteil eines Déjà-vus. Es beschreibt das Gefühl, dass man plötzlich etwas nicht mehr kennt, was man eigentlich kennen sollte. "Wenn Sie sich sehr stark auf etwas fokussieren, kann es vorkommen, dass Ihnen das Vertraute auf einmal fremd vorkommt", sagt Wolfradt. In der Psychologie sprechen Forscher bei dieser kurzzeitigen Entfremdung gegenüber der Umwelt auch von Derealisation. Allerdings käme das Phänomen laut Wolfradt noch seltener vor als ein Déjà-vu.


Sind Déjà-vus bedenklich?

Wer schon einmal ein Déjà-vu erlebt hat, muss sich keine Sorgen um seine Gesundheit machen, sagt Psychologe Wolfradt. Déjà-vu-Erlebnisse seien vollkommen normal und nur in sehr wenigen Einzelfällen tauche das Phänomen im Zusammenhang mit einer neuropsychologischen Störung, beispielsweise einer speziellen Form der Epilepsie, auf.


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