Nehmt Schmerzen bei Demenz ernst!

An Demenz erkrankte Menschen erhalten weniger Schmerzbehandlung als Gleichaltrige ohne die Krankheit. Woran das liegt und wie Angehörige richtig reagieren

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 10.12.2015

Stilles Leid: Demenzkranken Menschen fehlen oft die Worte für ihre Schmerzen

Getty Images/Creative

Mit Karacho saust der kleine Junge um die Kurve, stolpert und schlägt der Länge nach hin. Jetzt sitzt er heulend auf dem Boden, wimmert "Bein, Bein" und zeigt auf sein linkes Knie. Die Botschaft ist klar: Es tut weh und zwar genau hier.

Schmerzen zu äußern erachten wir als selbstverständlich. Schon bei Kleinkindern funktioniert es nahezu automatisch. Bei Senioren mit Demenz kann es jedoch eine kaum zu überwindende Hürde darstellen, ihre Missempfindungen mitzuteilen. Infolge der krankheitsbedingten kognitiven Einschränkungen sind viele nicht mehr fähig, ihre Schmerzen in Worte zu fassen. "Das führt dazu, dass Schmerzen bei Demenzpatienten häufig unentdeckt bleiben und folglich nicht behandelt werden", sagt Dr. Matthias Schuler, Chefarzt der Klinik für Geriatrie am Diakonissenkrankenhaus Mannheim.


Bis zu 70 Prozent haben Schmerzen 

Nach aktuellen Schätzungen leben derzeit in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen mit Demenz. Das Erkrankungsrisiko steigt mit dem Alter, ebenso wie das Risiko, dauerhaft unter Schmerzen zu leiden. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide Probleme gemeinsam auftreten, ist entsprechend hoch. Studien zufolge haben bis zu 70 Prozent der Pflegeheimbewohner mit schweren kognitiven Defiziten auch Schmerzen. Trotzdem bekommen Demenzpatienten seltener und weniger Schmerzmedikamente als Gleichaltrige ohne Demenz. Beispielsweise erhielten demente Patientinnen und Patienten nach einer Hüftoperation nur ein Drittel der Schmerzmittelmenge, welche die geistig fitten Personen aus der Vergleichsgruppe zur Linderung der Beschwerden benötigten.

Eine Untersuchung an deutschen Pflegeeinrichtungen brachte ans Licht, dass dort drei Viertel der Betroffenen unzureichend mit Schmerzmedikamenten versorgt wurden. Dafür mitverantwortlich sei eine alte Theorie über das Schmerzempfinden, berichtet Schuler. Sie besagt, dass Demenzpatienten auf Grund der geistigen Veränderungen Schmerzen weniger wahrnehmen, dass sie ihnen eine geringere Bedeutung beimessen und ihre Lebensqualität dadurch weniger beeinträchtigt wird. "Das ist inzwischen längst widerlegt", stellt der Experte vom Arbeitskreis Schmerz und Alter der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. klar. "Wenn Demenzkranken etwas weh tut, dann tut ihnen das genauso weh und schränkt ihr Wohlbefinden gleichermaßen ein wie bei allen anderen Menschen."

Was es schwer macht, Schmerzen zu erkennen

Allerdings bereitet es ihnen oft Probleme, die Verbindung zwischen einer Schmerzempfindung und dem eigenen Körper herzustellen: Sie spüren, dass es ihnen schlecht geht. Jedoch erkennen sie nicht eine bestimmte schmerzende Stelle als Ursache. Das führt zum Beispiel dazu, dass manche an Demenz Erkrankte zu enge Schuhe weiter tragen, obwohl sie ihnen die Füße wund scheuern. "Bereits bei einer leichten Demenz ist die Schmerzursache von den Betroffenen kaum noch eigenständig zu beheben, weil sie nicht erkennen, was ihnen Schmerzen macht und auch weil ihre Veränderungskraft abgenommen hat", erläutert Schuler.

Mit dem Fortschreiten der Erkrankung schwinden Gedächtnisleistung, Denkfähigkeit und Kommunikationsvermögen weiter. Die Patienten können ihre Beschwerden sprachlich immer schlechter benennen und beschreiben. Experten halten das für den Hauptgrund, warum Schmerzen bei Demenzkranken so häufig übersehen werden. Trotzdem äußern Betroffene ihre Schmerzen weiterhin. Sie tun das nur anders als mit Worten.

Anzeichen werden oft fehlgedeutet

Wie bei allen Menschen zeigt sich der Schmerz auch bei an Demenz Erkrankten am Gesichtsausdruck: Er wirkt angespannt oder ängstlich, die Nase ist gerümpft, die Augen sind zusammengekniffen. Zugleich wimmern viele der Patienten oder stöhnen. Schmerzen bewirken bei dementen Menschen oft weitergehende Verhaltensänderungen: Sie laufen unruhig hin und her, möchten nicht essen oder trinken, sind aggressiv und schlagen bei Berührungen um sich. Weitere mögliche Hinweise auf Schmerzen sind zunehmende Verwirrtheit, Teilnahmslosigkeit, sozialer Rückzug oder fehlende Reaktion auf Trost und Zuwendung.

Das Problem: Solche Verhaltensauffälligkeiten deuten Menschen, die mit Demenzkranken zu tun haben, häufig falsch – nämlich als Anzeichen, dass die Demenz voranschreitet. "Pflegekräfte, Ärzte, Angehörige, wir alle müssen sensibler sein", sagt Schuler. "Wenn sich das Verhalten und die kognitiven Fähigkeiten eines Demenzpatienten verändern, sollte man immer daran denken, dass dahinter auch Schmerzen stecken können."

Schmerzskalen erleichtern Einschätzung

Ein europäisches Verbundprojekt erforscht, welche wortlosen Kommunikationswege Menschen mit Demenz nutzen, um Schmerzen auszudrücken. Basierend auf den Erkenntnissen haben die Wissenschaftler einen Erhebungsbogen entwickelt, der Schmerzen misst. Er listet momentan 36 Anzeichen für Schmerzen auf, die sich durch Beobachtung eines Demenzkranken entdecken lassen. "Das Ziel ist ein einheitliches Beurteilungssystem – für die Forschung, aber vor allem um Schmerzen bei Demenzkranken künftig besser zu erkennen", berichtet Schuler. Diesen Bogen sollen vor allem Ärzte und Pflegepersonal anwenden.

Für Angehörige geeigneter ist die sogenannte BESD-Skala. Sie beschränkt sich auf die Bewertung von fünf Zeichen: Atmung, Lautäußerungen, Körperhaltung, Mimik und Reaktion auf Trost. Sie werden jeweils mit einem Wert zwischen 0 (keine Verhaltensreaktion) und 2 (starke Verhaltensreaktion) beurteilt. Ob mit oder ohne Messinstrument, im Kampf gegen das schmerzbedingte Unglück von Demenzpatienten sind die Angehörigen wichtig: Niemand kennt den betroffenen Menschen so gut wie sie. Darum merken sie es auch am ehesten, wenn sich das Verhalten ändert. Schuler appelliert an Familienmitglieder und nahe Bekannte, bei Auffälligkeiten den Arzt oder das Pflegepersonal zu informieren, "um dem Demenzpatienten damit aus der Schmerzfalle zu helfen".

3 Tipps für Angehörige

  • Achtgeben und daran denken Unruhe, Aggressivität, stereotype Bewegungen, Teilnahmslosigkeit, körperliche Schonhaltung, Appetitverlust... Wenn demente Menschen unter Schmerzen leiden, kann das verschiedenste Veränderungen ihres Verhaltens auslösen. Angehörige sollten auf solche Zeichen achten und sich bewusst machen, dass hinter solchen Auffälligkeiten Schmerzen stecken könnten.
  • Nachfragen So schwierig die Kommunikation auch manchmal sein mag, sollten Angehörige den Demenzkranken regelmäßig fragen, ob er Schmerzen hat. Wichtig ist, solche Fragen einfach zu halten und sie nur auf die Gegenwart zu beziehen. Also nicht "Hattest du gestern schon Schmerzen?", sondern "Tut es jetzt weh?". Wichtig zu wissen: Demenzkranke benötigen mehr Zeit, um zu antworten. 
  • Schmerzen ernst nehmen Viele ältere Menschen halten es für normal, dass es ihnen irgendwo weh tut. Sie sind es gewohnt, darüber nicht zu klagen. Bei Demenzpatienten kommt hinzu, dass sie schwer äußern können, wie sehr ihre Schmerzen sie beeinträchtigen. Ihnen fehlen die sprachlichen Mittel. Deshalb versuchen sie es oft gar nicht – oder spielen das Problem herunter. Sätze wie "Es ist nicht so schlimm" beschreiben den wahren Grad des Schmerzes darum nicht zuverlässig. Angehörige sollten hellhörig bleiben, wenn Patienten abwiegeln und auf weitere Hinweise auf Schmerzen achten.


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