"Es begann vor sieben Jahren und war völlig neu für mich. Früher kam und ging die Periode problemlos. Mit einem Mal kündigte sie sich wenige Tage vorher mit schlimmen, krampfartigen Schmerzen im Unterleib an“, berichtet Isabell S. aus Heidelberg. Von da an fürchtete die 35-Jährige ihre Monatsblutung. Zusammengekrümmt lag sie dann auf der Couch, unfähig, etwas zu tun.
Als sie ihrer Frauenärztin davon erzählte, sagte diese nur, das sei normal. Alle Frauen hätten das. „Ich solle die Zähne zusammenbeißen“, erinnert sich die Marketingspezialistin. Auf den Einwand, dass es früher doch anders gewesen sei, erhielt sie die Antwort: „Sie werden älter und haben zu viel Stress.“
„Eine Menstruation, bei der Frauen sich krank fühlen, im Bett bleiben und vielleicht sogar noch hohe Dosen an Schmerzmitteln einnehmen, ist keinesfalls normal“, erklärt Professor Andreas D. Ebert. Der Leiter des Deutschen Endometriosezentrums am Vivantes-Humboldt-Klinikum in Berlin kennt viele Frauen, die lange vor sich hin leiden, bevor sie endlich Hilfe erhalten.
„Zwischen dem ersten Auftreten von Symptomen und der Diagnose Endometriose vergehen oft acht bis zehn Jahre“, sagt Ebert. Schmerzhafte Krämpfe im Unterleib wie bei Isabell S., aber auch zyklusabhängige Schmerzen beim Stuhlgang und Wasserlassen oder beim und nach dem Geschlechtsverkehr können Anzeichen für eine Endometriose sein.
Ebenso gehören Rückenschmerzen in der Kreuzgegend sowie allgemeines Unwohlsein, unklare Bauchbeschwerden und Abgeschlagenheit zu den möglichen Symptomen. Jede zehnte Frau ist an Endometriose erkrankt, schätzen Experten. Ebert glaubt: „Bei fast der Hälfte aller Patientinnen, die trotz Kinderwunsch nicht schwanger werden, liegt eine Endometriose vor.“
Verstreute Zellansiedlungen
Monat für Monat baut die Gebärmutter (Uterus) eine Schleimhaut auf, die der Arzt Endometrium nennt. Darin kann sich eine befruchtete Eizelle einnisten. Geschieht das nicht, setzt die Menstruation ein, bei der ein wenig Blut sowie Schleimhautzellen über die beiden Eileiter auch in den Bauchraum gelangen. Das passiert bei den meisten Frauen. Normalerweise beseitigen Killerzellen des körpereigenen Abwehrsystems diese Teilchen.
Manchmal wachsen die Schleimhautzellen jedoch an, etwa an den Eierstöcken, an der Gebärmutter und ihren Haltebändchen oder am Bauchfell. Sie dringen mitunter sogar in die Blase ein oder besiedeln den Darm. Oder sie stülpen sich in den Eierstock und bilden eine blutschleimähnliche Flüssigkeit, die verdickt – eine Eierstockzyste (Endometriom) entsteht.
Alle diese verstreuten Zellansiedlungen versuchen nun, im monatlichen Rhythmus der Hormonschwankungen erneut Schleimhaut zu bilden, die am Ende des Zyklus auch blutet. Dabei rufen die Zellen Entzündungen und Schmerzen hervor: Eine Endometriose hat sich entwickelt.
Abläufe im Körper gestört
Warum das geschehen kann, ist noch nicht geklärt. Fest steht, dass äußerst sensible Abläufe im Körper gestört sind und zu überschießenden Reaktionen in verschiedenen Bereichen führen. Bei der Hormonproduktion etwa steuern zum einen Hormone aus den Eierstöcken verstärkt die Gebärmutter an, die sich daher heftiger zusammenzieht. Zum anderen kann es zu Defekten der Schleimhaut an bestimmten Stellen der Gebärmutter kommen.
Daraufhin setzt ein Reparaturmechanismus ein: Der Körper bildet vermehrt Östrogen. Dieses Hormon wiederum steigert zusätzlich das Zusammenziehen des Organs. Das kräftige und irreguläre Zusammenziehen gilt als Grund dafür, dass abgeschilferte Schleimhaut aus der tiefsten Schicht der Gebärmutter in den Bauchraum gelangt. „Diese Schicht enthält Stammzellen, die sich in andere Strukturen verwandeln können“, erläutert Ebert.
Dann sprießen Blutgefäße, und es bilden sich Drüsen- und bindegewebige Zellen sowie Muskelzellen. „Auch Nervenfasern entwickeln sich entlang der Gefäße, und Entzündungszellen wachsen mit ein“, fügt Ebert hinzu.
Wuchern diese Zellherde ungebremst weiter, führt das zu Narben und Verwachsungen. Nicht selten kommt es zu Fruchtbarkeitsstörungen. Erst in den Wechseljahren, wenn der Körper die Östrogenproduktion herunterfährt, beruhigt sich die Krankheit.
Falsche Fette erhöhen Risiko
Inzwischen gibt es zahlreiche Hinweise darauf, dass das Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Oft leiden nämlich Endometriose-Patientinnen unter Allergien, Autoimmunerkrankungen und körperlicher Abwehrschwäche. „Frauen fallen am Arbeitsplatz nicht nur wegen der Endometriose häufig aus, sondern auch wegen wiederkehrender Blasenentzündungen und Erkältungskrankheiten“, erklärt Dr. Iris Brandes vom Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitsforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover.
Doch nicht nur feine Abweichungen bei den körperlichen Kreisläufen tragen zur Entstehung von Endometriose bei. Auch bestimmte Ernährungsgewohnheiten können ihr Vorschub leisten. Das zeigte gerade eine Studie aus Boston (USA) mit mehr als 70.000 Teilnehmerinnen. Die Wissenschaftler wiesen nach, dass Frauen, die vermehrt Transfette zu sich nahmen – sie kommen in gehärteten Fetten vor, zum Beispiel in Keksen –, ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Endometriose besaßen. Fast Food, Fertiggerichte und manche Backwaren enthalten große Mengen von Transfetten.
Dagegen konnte eine Kost, die reich an ungesättigten Omega-3-Fettsäuren war, das Risiko senken. Diese stecken insbesondere in fetten Meeresfischen wie Makrele und Lachs, aber auch in Pflanzenölen wie Lein- oder Rapsöl und in Nüssen.
Christine Wolfrum, Apotheken Umschau;
05.07.2010, aktualisiert am 31.08.2011
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