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Essstörungen: Die Binge-Eating-Störung

Zehn bis 15 Prozent der Menschen mit einer Essstörung sind sogenannte Binge-Eater – sie haben Heißhungerattacken, erbrechen jedoch nicht. Viele sind übergewichtig. Der Leidensdruck der Betroffenen ist hoch, aber das Krankheitsbild immer noch wenig bekannt


Pizza, Pommes, Burger: Bei ihren Essattacken verdrücken Binge-Eater häufig Fast Food

Chips, Schokolade, Kuchen, Pizza, Pudding, dazu literweise süße Limonade – Melanie kauft ein. Nicht für eine große Party, sondern für den nächsten Essanfall. Schnell muss es gehen im Supermarkt, wie ein Roboter schichtet die 24-Jährige Tüten und Kartons in ihren Einkaufswagen. Zu Hause in ihrer kleinen Einzimmer-Wohnung lässt sie sich keine Zeit, die Sachen auszupacken. Sie reißt die erste Tüte auf, stopft sich mit der einen Hand Chips in den Mund, mit der anderen eine Pizza in den Ofen. In den nächsten Stunden isst sie einfach nur und vergisst alles um sich herum. Ihren unförmigen Körper mit dem dicken Bauch, die Waage, die zuletzt 140 Kilogramm angezeigt hat, die Wut auf ihre Mutter, die abschätzigen Blicke der Kollegen. Melanie isst nicht, sie stopft Essen wahllos in sich hinein. Und fühlt sich zumindest für ein paar Stunden beruhigt.

Melanie leidet an der Binge-Eating-Störung, einer Form der Essstörung, die weniger bekannt ist als Magersucht oder Bulimie, aber weitaus häufiger. Etwa zehn bis 15 Prozent aller Essgestörten sind Binge-Eater, dagegen 0,5 bis ein Prozent magersüchtig. Eine genaue deutsche Entsprechung für das Krankheitsbild Binge-Eating gibt es nicht, mit „Ess-Sucht“ ist es nur unzureichend umschrieben. Das Wort „to binge“ kommt aus dem Englischen und bedeutet „ein Fressgelage abhalten“ – es spielt auf die Essanfälle an, unter denen die Betroffenen leiden, manche mehrmals pro Woche. Mit Hunger, Sättigung oder gar Genuss hat das nichts zu tun. Während eines Anfalls verschlingen Binge Eater ohne Kontrolle große Mengen in kurzer Zeit, bis zum Völlegefühl. Nicht selten planen sie den Essanfall regelrecht, kaufen vorher ein, und sorgen dafür, dass sie dann auch allein sind.


Essstörungen werden oft mit Magersucht assoziiert, übergewichtige Patientinnen passen da nicht so recht ins Bild. Dabei sind Ursachen und Auslöser oft die gleichen: Die Betroffenen haben ein geringes Selbstwertgefühl und lassen sich leicht verunsichern. Sie verknüpfen Essen mit Gefühlen, die Nahrungsaufnahme wird zum Ventil für diese Gefühle – ob als Heißhungerattacke oder systematisches Hungern.

Die Binge-Eating-Störung zu erkennen ist nicht immer leicht, auch weil die Betroffenen ihre Essattacken verheimlichen. Das Krankheitsbild ist wenig erforscht, kaum bekannt und erst seit 1994 definiert.

Scham, Schuldgefühle und Ekel begleiten Binge Eater wie Melanie ständig. Für sie haben die Essanfälle eine ähnliche Funktion wie für Bulimiker: Sie versuchen, Druck abzubauen, eine innere Leere zu füllen. „Viele Betroffene werden nicht mit ihren Gefühlen fertig, überdecken sie stattdessen regelrecht mit Essen“, sagt die Psychologin Ingrid Mieck, Leiterin von Cinderella, der Münchner Beratungsstelle für Essstörungen.

Schlanksein ist für Binge Eater kein Ziel; sich nach dem Anfall zu übergeben wie Bulimiker es tun, keine Option. „Sie ekeln sich davor, zu erbrechen. Wenn sie schon vor diesem Schritt standen, konnten sie sich dazu nicht überwinden“, so Mieck.

Etwa 40 Prozent der Betroffenen sind adipös – aber nicht jeder Übergewichtige ist ein Binge-Eater. Hauptmerkmal der Binge-Eating-Störung sind die wiederholten Essanfälle. Hinzu kommen: ein sehr negatives Körperbild, größere Einschränkungen im Sozialverhalten und eine Neigung zu psychischen Störungen, zum Beispiel Depressionen.


Ohne Hilfe lässt sich dieser Teufelskreis kaum durchbrechen. Abnehmen allein ist keine Lösung, viele Betroffene schaffen das auch gar nicht. „Abnehmen würde bedeuten, sich mit dem Leben auseinander setzen zu müssen“, erklärt Ingrid Mieck. „Aber das verschieben viele Übergewichtige, zu denen auch die Binge Eater gehören, auf morgen. (...)"

Melanie hat sich nach vielen Essanfällen ihrer Hausärztin anvertraut und eine Therapie in einer psychosomatischen Klinik gemacht. Die Wochen dort waren mühsam – Ernährungsberatung, Sport, Gesprächstherapie, aber sie ist zufrieden. „Heute kann ich einen drohenden Essanfall erkennen und gegensteuern – indem ich mich ablenke, zum Sport gehe oder eine Freundin anrufe“, erzählt sie. Sie hat gelernt, ihre Gefühle und Probleme auszusprechen und anzupacken, anstatt sie in sich hinein zu fressen. Auch ihr Körperbild hat sich geändert: „Dünn sein werde ich nie, aber ich ekele mich nicht mehr vor dem, was ich im Spiegel sehe. Das bin ich, und ich mag mich so.“



Nadja Katzenberger / Apotheken Umschau; 28.07.2009, aktualisiert am 17.04.2012
Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Photos.com, Stockdisc

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