Das schlechte Gewissen begleitete Hans-Jürgen Köhler fast dreißig Jahre lang. 1980 wurde der Journalist Zeuge eines schweren Autounfalls – und hätte Erste Hilfe leisten müssen. „Aber dazu war ich leider nicht fähig, weil ich nie einen Kurs besucht habe“, erzählt der heute 72-Jährige. Der Verunglückte starb am nächsten Tag im Krankenhaus. „Mit dem Thema Erste Hilfe beschäftigt man sich oft erst, wenn es zu spät ist“, bedauert Köhler.
Der Journalist steht da leider nicht allein: Die Hemmschwelle, im Notfall beherzt ein zugreifen, ist für viele Menschen enorm hoch. Nicht wenige haben Angst, sich mit einer ansteckenden Krankheit wie Aids oder Hepatitis B zu infizieren. „Dieses Risiko ist jedoch äußerst gering“, beruhigt Professor Peter Sefrin, Bundesarzt beim Deutschen Roten Kreuz. „Und bei stark blutenden Wunden bieten die Handschuhe aus dem Verbandkasten einen zuverlässigen Schutz vor Infektionen.“
Am häufigsten spielt jedoch die Angst eine Rolle, etwas falsch zu machen und dem Verletzten womöglich mehr zu schaden als zu nutzen. „Der größte Fehler ist aber, nichts zu tun“, betont Sefrin, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte, „zumal jeder gesetzlich zur Ersten Hilfe verpflichtet ist.“ Wer untätig bleibt, macht sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. „Für eine falsch ausgeführte Hilfeleistung wird dagegen niemand zur Rechenschaft gezogen“, sagt Sefrin.
Die meisten Menschen absolvieren nur einmal im Leben einen Erste-Hilfe-Kurs: Wenn sie den Führerschein machen. Und das liegt bei vielen schon Jahrzehnte zurück. „An der Universität Würzburg haben wir untersucht, was die Kursteilnehmer nach einiger Zeit noch wissen“, berichtet Sefrin. „Bereits nach zwei Jahren sind 50 Prozent der Kursinhalte in Vergessenheit geraten.“
Die ersten Minuten entscheiden
Diese verbreitete Unwissenheit kann fatale Folgen haben: Selbst wenn über die Notrufnummer 112 sofort der Rettungsdienst verständigt wird, kann es bis zu dessen Eintreffen bereits zu spät sein. „Notfallmedizin kann immer nur so gut sein wie die begonnenen Ersthelfermaßnahmen“, betont der Münchner Notarzt Sebastian Zimatschek. „Die ersten Minuten entscheiden darüber, ob und mit welchen Folgeschäden der Betroffene überlebt.“
Der Notfallmediziner hat bei seinen Einsätzen oft festgestellt, dass medizinische Laien mit einfachen Maßnahmen viel erreichen. „Vor etwa zwei Jahren trieb ein dreijähriger Junge leblos am Grund eines Münchner Hallenbads“, erzählt Zimatschek. „Er wurde von Badegästen aus dem Wasser gezogen, die sofort mit Beatmung und Herzdruckmassage begannen.“
Beim Eintreffen des Kindernotarztdienstes war der Junge bereits wieder bei Bewusstsein. „Er wurde auf die Kinderintensivstation einer Münchner Klinik gebracht, die er nach einigen Tagen gesund und ohne neurologische Folgeschäden verlassen konnte“, erinnert sich der Notarzt. „Das war allein dem beherzten Eingreifen der Ersthelfer zu verdanken.“
Kenntnisse alle fünf Jahre auffrischen
Um im Notfall schnell und richtig helfen zu können, raten Experten alle fünf Jahre zu einem Auffrischungskurs. „Außerdem gibt es im Bereich der Wiederbelebungsmaßnahmen neue wissenschaftliche Erkenntnisse“, ergänzt Sefrin. „Die Empfehlungen zur stabilen Seitenlage und zur Herzdruckmassage etwa wurden erst vor wenigen Jahren geändert.“ Die stabile Seitenlage verhindert, dass Bewusstlose an Blut, Erbrochenem oder ihrer eigenen Zunge ersticken. „Sie wurde deutlich vereinfacht, damit sie für Laien leichter zu erlernen und durchzuführen ist“, sagt Sefrin.
Bevor der Ersthelfer ein Unfallopfer in die stabile Seitenlage bringt, muss er prüfen, ob der Bewusstlose noch atmet. „Ist das nicht der Fall“, erklärt Notarzt Zimatschek, „muss der Helfer sofort mit Herzdruckmassage und Beatmung beginnen.“ Bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung wird im Wechsel 30-mal kräftig mit dem Handballen auf die Mitte des Brustkorbs gedrückt (untere Hälfte des Brustbeins) und dann zweimal über Mund oder Nase beatmet. Doch gerade vor der Mund-zu-Mund-Beatmung schrecken viele Ersthelfer zurück. „Bevor jemand gar nichts tut, sollte er wenigstens die Herzdruckmassage durchführen“, sagt Sefrin.
Eine Studie japanischer Notfallmediziner bekräftigt dies: Wie das Team um Ken Nagao im Ärzteblatt Lancet berichtete, haben ungeübte Ersthelfer bei der Wiederbelebung auch Erfolg, wenn sie sich ganz auf die Herzdruckmassage konzentrieren. Eine zusätzliche Beatmung brachte keine Vorteile, sondern erhöhte lediglich die Hemmschwelle.
„Bei Erwachsenen ist die Beatmung stark in den Hintergrund getreten“, bestätigt Professor Thomas Nicolai, Intensivmediziner am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München. „Bei Kindern muss dagegen im Fall eines Atemstillstands sofort mit der Beatmung begonnen werden.“ Nach fünf Atemzügen muss der Ersthelfer überprüfen, ob das Kind Lebenszeichen wie Husten oder Würgen zeigt. „Wenn nicht, muss er wie beim Erwachsenen zur Herzdruckmassage übergehen und sofort den Notarzt verständigen“, betont Nicolai.
Es gibt noch weitere kritische Situationen, die ein Ersthelfer erkennen sollte. „Ein Schock entwickelt sich oft erst einige Minuten nach dem Unfall und ist lebensbedrohlich“, warnt Zimatschek, „weil wichtige Organe wie Gehirn und Herz nicht mehr genug Sauerstoff bekommen.“ Typische Symptome sind Blässe, Frieren, kalter Schweiß, Herzrasen und Unruhe.
„Häufigste Ursache ist ein starker Blutverlust“, sagt der Notarzt, „aber auch psychische Belastungen oder Allergien können einen Schock auslösen.“ Beim allergischen Schock wird der gefäßerweiternde Botenstoff Histamin freigesetzt, und das Blut versackt in Armen und Beinen. Die Schocklage verbessert den Rückfluss des Blutes zum Herzen.
Praktisches Üben unverzichtbar
Auch starke Blutungen können lebensbedrohlich sein. „Gefährlich sind vor allem arterielle Blutungen“, sagt Zimatschek, „weil der Verletzte in kurzer Zeit sehr viel Blut verliert.“ Früher wurden die betroffenen Gliedmaßen abgebunden. „Damit der verletzte Körperteil weiter durchblutet wird, legen wir stattdessen einen Druckverband an, der lediglich die verletzte Arterie abdrückt“, erklärt der Notarzt. Die Wunde wird mit einer sterilen Kompresse bedeckt.
Als Druckpolster dient ein ungeöffnetes Verbandpäckchen, das mit einer Binde fixiert wird. Verbandmaterial und Wunddesinfektionsmittel gehören deshalb in jede Hausapotheke und jedes Auto. Doch Wissen allein ist nur graue Theorie. „Erste Hilfe kann man nicht aus Büchern lernen“, stellt Peter Sefrin klar. „Erst praktische Übungen sorgen dafür, dass man im Notfall richtig handelt.“
Barbara Kandler-Schmidt / Apotheken Umschau; 05.03.2010, aktualisiert am 21.11.2011
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