Es ist Montag, der 20. September 2004, 7.00 Uhr morgens. In Deisenhofen bei München klingeln einige Wecker. Für die ehrenamtlichen Helfer des Roten Kreuzes beginnt kein normaler Arbeitstag, sondern ihr jährlicher „Wiesn-Dienst“. An jedem ersten Montag des Oktoberfestes ist die Bereitschaft Deisenhofen des Bayerischen Roten Kreuzes dafür verantwortlich, dass genügend Sanitäter beim größten Volksfest der Welt zur Verfügung stehen.
8.00 Uhr, Deisenhofen
Knapp zwanzig Frauen und Männer treffen sich am Rotkreuzhaus, etwa zehn Autominuten außerhalb Münchens. Sie machen sich gemeinsam auf den Weg in Richtung Theresienwiese, wo das Oktoberfest stattfindet.
8.30 Uhr, Theresienwiese
Die Deisenhofener Sanitäter treffen im neuen Servicezentrum auf der Festwiese ein. In nur einem Jahr wurde anstelle eines Containerdorfes eine kupferglänzende Trutzburg errichtet. Sie beherbergt Polizei, Feuerwehr, Fremdenverkehrsamt und auch das Rote Kreuz.
Von der Festwiese kommend gibt es nur drei Eingänge (Polizei, Erste Hilfe und Festbüro). Im Inneren sind auf zwei Ebenen allerlei Büros und Arbeitsräume untergebracht. Wenn keine Wiesn ist, wird das Gebäude verriegelt und unzugänglich dastehen, nur während der Festwochen herrscht fast rund um die Uhr Betriebsamkeit.
8.45 Uhr, Wiesnwache
Matthias Nitzbon beginnt damit, sein Team zusammenzustellen. Der Polizist ist 24 Jahre alt und seit seiner Jugend beim Roten Kreuz. Als Leiter eines Einsatztrupps wird er heute mit einer Trage zu Notfällen auf der Festwiese laufen. Im Gewusel der Besucher sind die Tragen häufig schneller, als es ein Rettungswagen sein könnte. Doch zunächst muss das Material überprüft werden.
Im Behandlungsraum organisiert Stefan Eichhorn das Personal für diesen Montag. Der 26-Jährige Ingenieur forscht eigentlich an der Münchner Klinik Rechts der Isar. Bei seiner Arbeit als ehrenamtlicher Helfer beim Roten Kreuz ist er seit Jahren auch auf dem Oktoberfest im Einsatz. Er koordiniert Ärzte und Sanitäter, die Patienten behandeln, nachdem die Tragen sie in die Wiesnwache gebracht haben.
Gabriel Bücherl sitzt unterdessen in seinem Büro im Untergeschoss vor einer Batterie aus Computermonitoren, Funkgeräten und Telefonen. Die Aufgabe des 25-Jährigen Beamten ist die Koordination der Tragenteams. Alle Notfälle kommen bei ihm an, über Funk dirigiert er die Einsatztrupps über die Wiesn.
Vor dem Servicezentrum am Rand der Festwiese sind um diese Zeit kaum Passanten unterwegs, nur einige Festzelt-Mitarbeiter sind zu sehen.
10.00 Uhr, Behandlungsraum
Stefan Eichhorn läuft durch den Behandlungsraum und guckt hinter die Vorhänge der verschiedenen Arbeitsplätze. Obwohl die Zelte kaum geöffnet haben, kommen schon die ersten Hilfesuchenden. Hauptsächlich sind es Bedienungen aus den Festzelten, die sich jeden Morgen ihre Blasen mit Pflastern versorgen lassen.
10.30 Uhr, Aufenthaltsraum
Seinen frischen Kaffee lässt Matthias Nitzbon stehen, die Zeitung auf dem Tisch liegen. Gerade eben störte ein Gong die Gespräche der wartenden Sanitäter im Untergeschoß. Der Gong bedeutet einen Einsatz. Nitzbon holt sich bei Gabriel Bücherl einen Zettel mit den wichtigsten Informationen: Wohin sie müssen und worum es geht.
Die Notrufe auf der Wiesn unterscheiden sich von denen im „normalen“ Leben. Häufig wird als Information nur „da liegt Einer“ übermittelt, was beim Bierkonsum vieler Besucher nicht weiter verwundert. Morgens um halb elf sind noch nicht so viele Wiesngäste betrunken. Auf Matthias Nitzbon und sein Team wartet ein Diabetiker, dessen Blutzucker entgleist ist.
11.15 Uhr, Einsatzzentrale
Gabriel Bücherl wird unruhig. Nicht wegen des Diabetespatienten. Der wird von den beiden Sanitätern, die Matthias Nitzbon begleiten, gerade auf ihrer Trage festgeschnallt, um in die Wiesnwache gebracht zu werden.
Bücherls Sorge gilt einem anderen Einsatz in einem der Festzelte: Ein Tragenteam und ein Notarzt sind zu einem bewusstlosen Mann gerufen worden. Mittlerweile versuchen Arzt und Sanitäter, ihn wiederzubeleben.
Noch während die Reanimation läuft, organisiert Gabriel Bücherl telefonisch ein Kriseninterventionsteam für die Ehefrau des Patienten. Die psychologisch geschulten Rettungsdienstmitarbeiter, die sich um Angehörige von Patienten in besonders belastenden Situationen kümmern, machen sich auf den Weg in Richtung Oktoberfest.
11.30 Uhr, Behandlungsraum
Matthias Nitzbons Trage – mit dem Diabetiker – ist bei Stefan Eichhorn angekommen. Kurz sprechen die beiden miteinander über den Patienten, dann wird er von einem Arzt und Sanitätern übernommen. Sie werden den Blutzuckerwert wieder einstellen und den Mann solange versorgen, bis er entweder gehen kann oder in ein Krankenhaus gebracht wird.
11.45 Uhr, Einsatzzentrale
Besorgt und aufmerksam hört Gabriel Bücherl den Funkverkehr mit. Nach einer Weile kommt die traurige Nachricht: Die Wiederbelebungsversuche im Festzelt waren erfolglos. Der Patient ist tot. Nachdem das Kriseninterventionsteam für die Ehefrau des Verstorbenen bereits eingetroffen ist, kümmert Bücherl sich jetzt um psychologische Betreuung für die Sanitäter. Auch sie brauchen jetzt Unterstützung – der Tod durchbricht jede Routine.
15.00 Uhr, Behandlungsraum
Während die Tragen bisher kaum Arbeit hatten, herrscht in Stefan Eichhorns Bereich rege Betriebsamkeit. Die Festwiese hat sich mit Nachmittagsbesuchern gefüllt, das Wetter ist gut und deshalb kommen immer mehr Menschen, um sich bei medizinischen Problemen helfen zu lassen.
Die Wiesnwache ist auf vieles vorbereitet: Mehrere Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen stehen zur Verfügung, kleinere Verletzungen können sogar vor Ort genäht werden. Für „nur“ Betrunkene gibt es eine eigene Überwachungsstation, wo sie ihren Rausch ausschlafen können.
18.00 Uhr, Einsatzzentrale
Vor ein paar Minuten wollte Gabriel Bücherl eigentlich eine Trage losschicken, um das Essen für die Wachmannschaft zu holen. Daraus wurde nichts: innerhalb von fünf Minuten kamen acht verschiedene Notrufe an. Acht Tragen hat das Rote Kreuz abends im Einsatz, damit sind alle Sanitäter unterwegs. Mittlerweile sind mehr als 65 ehrenamtliche Helfer in der BRK-Wiesnwache bei der Arbeit. Genauso wie die Tragenteams arbeiten auch alle Ärzte und Organisationsmitarbeiter ehrenamtlich auf der Wiesn.
An Essen kann Bücherl nicht mehr denken, er blickt konzentriert auf seine Computermonitore, um alle acht Teams gleichzeitig im Blick zu haben. Parallel hält er Funkkontakt zu den Teams. Er dokumentiert die Entscheidungen der Tragenleiter und gibt Stefan Eichhorn im Behandlungsraum Bescheid, wenn besonders schwer kranke oder verletzte Patienten ankommen.
22.00 Uhr, Aufenthaltsraum
Das Essen für die Helfer steht inzwischen seit zwei Stunden bereit. Immer, wenn eine Trage einen Patienten im Behandlungsraum abgeliefert hat, essen die Sanitäter schnell. Bis etwa 23 Uhr nimmt die Frequenz der Einsätze zu. Wenn die ersten Zelte schließen, wird es wieder ruhiger.
0.00 Uhr, Behandlungsraum
Für Stefan Eichhorn kommen immer weniger Tragen zur Tür herein. Die meisten Patienten sind entweder entlassen worden oder auf dem Weg ins Krankenhaus. Viele Sanitäter beginnen bereits damit, aufzuräumen, Geräte zu reinigen und die Materialvorräte aufzufüllen.
0.30 Uhr, Einsatzzentrale
Der Computerbildschirm vor Gabriel Bücherl zeigt nur noch zwei Tragen an, die Stühle im Aufenthaltsraum stehen bereits auf den Tischen. In der letzten halben Stunde gab es keine neuen Einsätze für die Tragenteams mehr. Bücherl sitzt an seinem Laptop und schreibt bereits die Pressemitteilung über den Einsatz.
1.30 Uhr, Wiesnwache
Auf dem Flur treffen sich Gabriel Bücherl und Stefan Eichhorn mit ihren Kollegen aus dem Organisationsteam, um den vergangenen Tag zu besprechen. Sanitäter und Helfer machen sich bereits auf den Weg zu ihren Autos. Sie wollen alle nach Hause, die meisten müssen am nächsten Tag arbeiten.
2.00 Uhr, Deisenhofen
Mitten in der Nacht kommen die drei Busse am Roktreuzhaus an. Einige der Sanitäter werden sich am Wochenende zur Wiesn-Nachtschicht wiedersehen, für den Rest kommt der nächste Festzelteinsatz erst in einem Jahr.
Gabriel Bücherl wirft einen Blick auf seine Pressemitteilung: 62 Mal ist die Trage ausgerückt, 269 Patienten wurden behandelt, 33 davon mussten ins Krankenhaus transportiert werden. Eigentlich eine durchschnittliche Statistik für einen Montag. Nur einen Toten hatte er in seinen fast zehn Jahren Wiesndienst noch nie, eine traurige Ausnahme.
Hintergrund: BRK-Wiesnwache
Jedes Jahr sorgt das Bayerische Rote Kreuz auf dem Oktoberfest für die medizinische Versorgung. Mehr als 1.200 Ehrenamtliche und ungefähr 120 ehrenamtlich tätige Ärzte kümmern sich um die über 7.000 Patienten. An Wochenenden ist die Sanitätswache rund um die Uhr besetzt, an Wochentagen von halb zehn am Morgen bis knapp 2 Uhr nachts, je nachdem, wie viele Besucher noch auf der Theresienwiese unterwegs sind.
Der Wiesn-Notruf des BRK ist auf der Festwiese erreichbar unter der Telefonnummer: (0 89) 50 22 22 22 oder unter der europaweit rund um die Uhr aus allen Fest- und Handynetzen gültigen kostenlosen Notrufnummer 112.
GesundheitPro
GesundheitPro.de; 05.08.2005, aktualisiert am 27.06.2010
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