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Wie gesund ist "Bio" wirklich?

Der Einkauf im Ökoladen beruhigt das Gewissen. Aber sind die Waren tatsächlich gesünder? Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder erklärt die Vorteile von Biowaren


Bio-Waren enthalten nicht automatisch mehr Nährstoffe als konventionelle Produkte

Bio-Kartoffeln, Bio-Joghurt, Bio-Schweinewürstchen. Konsumenten sind bereit, für diese Produkte mehr Geld auf den Tresen zu legen, als für herkömmlich hergestellte Nahrung. Also scheinen sie sich von der Vorsilbe irgendeinen Mehrwert zu versprechen. Aber sind die Waren tatsächlich gesünder oder gibt es andere Vorteile? Und woher kann man wissen, dass wirklich Bio drinsteckt wo Bio draufsteht?

"Es gibt eine Menge verschiedener Siegel, die Waren als Bioprodukte auszeichnen", erklärt Ulrike Gonder, Ernährungswissenschaftlerin aus Hünstetten. Seit Juli 2010 gibt es ein europaweit einheitliches Ökosiegel, das Bio-Lebensmittel auf den ersten Blick erkennbar macht. Waren mit diesem Zeichen müssen mindestens den Richtlinien der EU-Bioverordnung entsprechen. Diese umfassen Vorschriften zu Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, der Tierhaltung, dem Tierfutter und das Verbot von Gentechnik.



Das EU-Bio-Siegel

Abgesehen von dem Siegel tragen die Produkte eine Nummer der Öko-Kontrollstelle. Sie setzt sich wie folgt zusammen: DE – eine dreistellige Nummer – Öko-Kontrollstelle. Bioprodukte, die mit anderen Siegeln geschmückt sind, entsprechen auch immer mindestens den EU-Richtlinien, werden zum Teil aber noch strenger kontrolliert.

Woher kommt überhaupt die Siegelvielfalt? "Sie ist gewachsen. Die ersten Siegel stammen von Anbauverbänden wie demeter, in denen sich Öko-Bauern verpflichtende Regeln gaben", erklärt Gonder. Je mehr Verbände, umso mehr Siegel waren auf dem Markt. Da außerdem Betrüger und Trittbrettfahrer ihre Produkte mit den Begriffen "bio" oder "öko" schmückten, wurde eine einheitliche Auszeichnung notwendig.


Kaufen Sie "Bio" ein?

Wenn die Biowaren nun nach bestimmten, strengen Regeln angebaut werden, sind sie dann auch gesünder? Bioprodukte enthalten nicht unbedingt mehr Nährstoffe als konventionelle Lebensmittel. Wie viele Vitamine, Mineralstoffe oder andere gesunde Inhaltsstoffe in einem Stück Obst oder Gemüse stecken, hängt auch immer davon ab, wo es gewachsen ist. "Klima, Standort, Sorte oder Wasserreichtum des Bodens spielen daher oft eine größere Rolle als die Anbaumethode", erklärt Gonder. Allerdings enthalten Öko-Lebensmittel in der Regel weniger Schadstoffe. Denn Biobauern dürfen weniger Pflanzenschutzmittel oder Dünger verwenden.

Nun gibt es nicht nur Grundlebensmittel wie Gemüse, Fleisch oder Obst, sondern auch Fertigprodukte. "Die funktionieren leider nur mit Zusatzstoffen, auch die aus dem Bio-Regal", so Ökotrophologin Gonder. Im Gegensatz zu den 300 erlaubten Zusatzstoffen in herkömmlichen Lebensmitteln sind im Öko-Sektor allerdings nur 50 verschiedene erlaubt.

Aber hier wird getrickst: Eine Tütensuppe ohne Glutamat schmeckt nach nichts. Da dieser Geschmacksverstärker bei Bio-Waren verboten ist, setzen die Hersteller Hefeextrakt ein, der von Natur aus einen hohen Anteil Glutamat enthält. "Das ist völlig legal", so Gonder. Trotzdem sollte man sich von der Aufschrift "ohne Glutamatzusatz" nicht täuschen lassen.

Lohnt es sich – nach all diesen Erkenntnissen – denn überhaupt noch Bio einzukaufen? Auf jeden Fall für die Tiere und für die Umwelt. Die Bio-Viehzucht unterliegt viel strengeren Richtlinien. Die Tiere haben meist mehr Bewegung, verbringen Zeit im Freien und haben mehr Platz im Stall. Dadurch enthält ihr Fleisch weniger Fett, hat eine höhere Qualität und einen anderen Geschmack, den viele als besser empfinden. "Außerdem werden Medikamente zurückhaltender eingesetzt und die Wartezeiten, bis etwa die Milch einer behandelten Kuh wieder in den Handel gelangen darf, sind länger ", erklärt Gonder.

Die Reglementierung der Spritzmittel begünstigt die Artenvielfalt und kommt dem Grundwasser zu Gute. Aber auch mit dem Kauf von herkömmlichen Produkten aus der Region kann man seiner Umwelt etwas Gutes tun. Die kurzen Lieferstrecken entlasten das Kohlendioxid-Konto.

Kann man nun sagen, wer Bio kauft, ernährt sich gesund? Leider ist das nicht so einfach. Denn wer nur Bio-Chips, Bio-Pizza und Bio-Schokolade isst, der tut seinem Körper sicherlich keinen größeren Gefallen, als ein Mensch, der sich zum Beispiel Äpfel aus dem Discounter holt. "Man kann sich sowohl biologisch als auch herkömmlich gesund ernähren", urteilt Gonder. Es ist immer besser, Grundnahrungsmittel zu kaufen und diese selber zu verarbeiten, als sich mit Fertigprodukten zu helfen. Außerdem kommt es auf einen ausgewogenen Speiseplan an, der viele frische Lebensmittel umfasst.

Achtung: Angesichts der Welle von EHEC-Infektionen in Deutschland empfehlen Experten derzeit (Stand 10.06.11), über die üblichen Hygienemaßnahmen im Umgang mit Lebensmitteln hinaus, vorsorglich bis auf weiteres Sprossen nicht roh zu verzehren! Haushalten und Gastronomiebetrieben wird empfohlen noch vorrätige Sprossen sowie möglicherweise damit in Berührung gekommene Lebensmittel zu vernichten!



Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de; 31.05.2011, aktualisiert am 10.06.2011
Bildnachweis: DPA/EU, iStock/The Flying Dutchman

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