Weshalb wir bei Stress mehr essen

Auf Stress und negative Gefühle reagieren viele mit Heißhunger. Häufige Folge: Übergewicht. Doch für Frustesser gibt es Hilfe

von Barbara Kandler-Schmitt, aktualisiert am 30.03.2016

Stressesser: Mal schnell eine Tafel Schokolade gegen den Frust

Shutterstock/nunosilvaphotography

Mal wieder Ärger mit dem Chef. Wie gut, dass für solche Notsituationen immer eine Tafel Schokolade in der Schreibtischschublade liegt. Schon während die süße, cremige Masse im Mund schmilzt, beruhigt sich das Gemüt, die Aufregung legt sich, Puls und Blutdruck sinken. Und ehe man sich versieht, ist die ganze Tafel weg. Den Apfel, der neben dem Computer liegt, würdigen wir dagegen keines Blickes. Abends machen dann noch die pubertierenden Kinder Stress, während der "Tagesthemen" tröstet man sich mit einer Tüte Chips. Und geht mit dem unguten Gefühl ins Bett, wieder einmal viele unnötige Kalorien verschlungen zu haben.

"Bis zu dreißig Prozent der Bevölkerung neigen dazu, in emotional belastenden Situationen mehr zu essen – vor allem süße und fettreiche Nahrung", erklärt Professor Michael Macht. Am Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie der Universität Würzburg erforscht er die Zusammenhänge zwischen Gefühlswelt und Essverhalten. Eine Erkenntnis seiner Arbeit: Offenbar lösen Geschmacksreize über Erinnerungen emotionale Reaktionen aus. Lernprozesse scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen: Immerhin ließ uns ein Bonbon als Kind das schmerzende Knie schnell vergessen, ein Schokoriegel sorgte auf einer langen Autofahrt für Ablenkung. "Wir wissen, dass Kinder durch süße Geschmacksreize gut zu besänftigen sind. Aber ob ein Zusammenhang mit den Essmustern im Erwachsenenalter besteht, ist noch nicht ausreichend geklärt", sagt Psychologe Macht.


Fett gegen Frust und Angst

Einerseits steuert also unsere Laune unser Essverhalten, andererseits scheinen aber auch die Inhaltsstoffe von ­Lebensmitteln unsere Emotionen zu beeinflussen. Studien zufolge erhöhen energiereiche Nahrungsmittel wie Fett und Zucker die Ausschüttung angstlösender und stimmungsaufhellender Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin, die das Belohnungszentrum im Gehirn aktivieren. Das Gleiche gilt offenbar für Salz. "So ließe sich erklären, warum es uns bei Furcht oder Wut nicht nach Gurken und Karotten gelüstet, sondern nach Chips und Schokolade, Pizza und Hamburgern", meint Experte Michael Macht.

Weil Substanzen, die in unserem Körper Dopamin freisetzen, häufig zu Suchtverhalten führen, kann Frustessen ebenfalls süchtig machen. Wird Nahrungsaufnahme zur Ersatzbefriedigung, verlieren die Betroffenen das Gefühl dafür, ob sie hungrig oder satt sind, ob ihr Appetit körperliche oder seelische Ursachen hat. Eine Folge ist oft Übergewicht – das den psychischen Leidensdruck erhöht und so das Problem noch verstärkt. Die Grenzen zwischen emotionalem Essverhalten und Essstörungen sind daher fließend.

Unser Gehirn – das "egoistische Organ"

Für Professor Achim Peters reagiert der Körper mit Heißhunger weniger auf negative Gefühle – er passt sich vielmehr chronischer Stressbelastung an. Der Diabetologe und Adipositas-Forscher von der Universität Lübeck hat die Theorie vom "egoistischen Gehirn" entwickelt: Obwohl das Denkorgan nur etwa zwei Prozent unserer Körpermasse ausmacht, beansprucht es die Hälfte der zugeführten Energie – in Stress­zeiten sogar bis zu 90 Prozent. In Krisensituationen stellt das Gehirn zuerst die eigene Versorgung sicher und entzieht den anderen Organen Energie. "Da unser Kontrollorgan funktionsfähig bleiben muss, ist das eine physiologisch sinnvolle Reaktion", betont Peters. Bei Gefahr bewirken Adrenalin und Kortisol, dass unser Gehirn mit mehr Energie in Form von Glukose gefüttert wird. Außerdem erhöhen die beiden Stresshormone Muskelspannung, Blutdruck und Puls.


Zu einem gesundheitlichen Problem wird diese Anpassungsleistung des Körpers laut Peters erst, wenn Menschen ständig oder sehr lange mit seelischer Anspannung leben. Eine mög­liche Reaktion auf die chronische Belastung: Man gewöhnt sich daran, die Produktion der Stresshormone wird gedrosselt. Damit bleiben zwar Puls und Blutdruck stabil, es kommt aber auch weniger Glukose ins Gehirn. Das Organ verlangt deshalb nach Essen, Essen, Essen – obwohl die Körperspeicher bereits übervoll sind. Übergewicht ist für Peters folglich ein Zeichen dafür, dass sich das Gehirn mit Stress arrangiert hat: "Da die Laune sich bessert, wenn das Gehirn gut versorgt ist, wird das häufig mit emotionalem Essverhalten verwechselt."

Diäten bringen nichts

Und wenn sich jemand nicht an chronische Belastungen gewöhnt? Dann ist das Stresssystem ständig aktiviert. Diese Menschen erleiden laut Peters mit größerer Wahrscheinlichkeit Schlaganfälle, Herzinfarkte, entwickeln Depressionen und haben deshalb eine verringerte Lebenserwartung. Zwar seien die Betroffenen schlank oder normalgewichtig, weisen aber infolge des erhöhten Kortisolspiegels viel inneres Bauchfett auf. "Diese Hochrisikogruppe ist in der Medizin bisher immer durchs Raster gefallen", sagt Peters. Dabei zeigen zahlreiche Studien: Gerade Bauchfett stellt eine gesundheitliche Gefahr dar, begünstigt zum Beispiel Diabetes.

Ist emotionales Essverhalten schuld an den überflüssigen Kilos, bringen Diäten nichts. "Das eigentliche Problem bekommt man damit nicht in den Griff", betont Psychologe Macht. Es ergibt langfristig keinen Sinn, bei Frust und Ärger einen Obstsalat zu essen statt Gummibärchen. Die Pa­tienten müssen vielmehr lernen, auf Signale ihres Körpers zu achten und Stress und negative Emotionen anders zu bewältigen als durch Essen.

Gespür für sich und das Essverhalten

Zu diesem Zweck hat das Team um Macht ein Programm aufgestellt, das Betroffenen helfen soll, ein besseres Gespür für sich und ihr Essverhalten zu entwickeln. Sie üben, Empfindungen wie Hunger, Appetit und Sättigung zu unterscheiden und alterna­tive Strategien zu ersinnen. "Die Patienten trainieren, den Impuls zum Essen wahrzunehmen – ohne ihm nachzugeben", erklärt der Psychologe. Stattdessen suchen sie nach anderen Möglichkeiten, mit belastenden Gefühlen fertigzuwerden. Zum Beispiel lenken sie sich ab, indem sie bei plötzlich auftretenden Essgelüsten jemanden anrufen.

Auch Adipositas-Experte Peters rät, das Problem an der Wurzel zu packen. Im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie lernen Patienten, ihre Stressfaktoren aufzudecken und besser mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen. "Das ist aufwendiger als eine Diät, aber viel effektiver." Zahlreiche Therapeuten und Kliniken bieten inzwischen spezielle Trainingsprogramme an. Im Anschluss kann man eine dauerhafte Ernährungsumstellung angehen. "Wenn der Stress nachlässt, wirkt sich das auch günstig auf das Gewicht aus", sagt Peters. Das sei zwar durchaus ein erwünschter Nebeneffekt, aber: "Als Hochrisikopatienten brauchen die Dünnen mit Bauch solche Anti-Stress-Programme noch dringender."   


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