Warum Insekten keine Nahrungskrise lösen

Nährstoffreich und allgegenwärtig scheinen Insekten eine gute Proteinquelle für viele Menschen zu sein. Experten bezweifeln aber, dass sie übliches Fleisch ersetzen können

von Franziska Draeger, aktualisiert am 16.02.2016

Heuschrecke: Steht in vielen Ländern auf der Speisekarte

Reuters / Francois Lenoir

Da liegt sie in der Hand, die gegrillte Grille. Sechs Beine, lange Fühler, große Augen. Appetitlich sieht sie nicht aus, aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Krick! Knuspriger als Kartoffel-Chips. Geschmacklich etwa wie angebranntes Zitronen-Risotto, dank der Würze aus Limette und Chili, die mexikanische Marktfrauen verwenden. Insekten essen ist für westliche Touristen eine Mutprobe, für viele andere eine Selbstverständlichkeit und – wenn es nach der Welternährungsorganisation FAO geht – bald ein globaler Trend. 2050 leben wahrscheinlich neun Milliarden Menschen auf der Erde. Der Verzehr von Insekten ist wichtig, um die Ernährung aller möglichst umweltschonend sicherzustellen, heißt es sinngemäß in einem FAO-Bericht.

Unfreiwillige Erfahrung

Jeder hat schon einmal ein Insekt verspeist: die Mücke, die einem beim Radeln in den Rachen fliegt, oder die Larve, die sich im Apfel versteckt. Menschen, die es bereits aus freien Stücken getan haben, sind hier­zulande aber rar. Guido Neuhaus aus Hamburg ist einer von ihnen: "Ich sah einen Bericht, der Insekten als Lösung für die Welternährungskrise darstellte, und wollte Grillen einmal probieren." Aus Neugier bestellte er ein Paket gegrillte Heuschrecken. Eine testete er im Ganzen. "Es war nicht leicht, meinen Ekel zu überwinden. Und dann diese Konsistenz, wie wenn einem ein Insekt in den Mund fliegt."


Schrecken im Schokomantel

Wir sind es einfach nicht gewohnt, Tiere mit mehr als vier Beinen zu essen. Dabei ist die internationale Insektenküche extrem vielseitig, mehrere Hundert Arten werden verzehrt. In Südamerika stehen etwa Grillen und Blattschneiderameisen auf dem Speiseplan, in China Hundertfüßer, Seidenraupen in Südkorea, Libellen in Indonesien, Schmetterlingsraupen im Kongo. Sie werden gegrillt, frittiert oder gebraten, auf Tortilla-Chips mit Guacamole-Dip serviert oder als Fleischeinlage in der Suppe. Auch als Dessert werden sie verspeist, im Schokomantel oder in Zuckerglasur.

Bezüglich der Inhaltsstoffe sind viele Insekten mit Rind oder Schwein gleichauf. Forscher am Leibniz-Institut für Agrartechnik in Potsdam untersuchten unter anderem Mehlwürmer und Heuschrecken auf ihren Nährwert. Das Urteil: Ausreichend Eiweiß, ungesättigte Fettsäuren, Eisen, Kupfer, Magnesium, Selen und Zink, einige Insektenarten waren sogar reich an Folsäure und Biotin. "Gerade der Eisengehalt ist interessant, da ein Viertel der Weltbevölkerung an Blutarmut leidet", so Professor Arnold van Huis, Insektenforscher an der Universität Wageningen in den Niederlanden und einer der Pioniere in Europa, wenn es um essbare Insekten geht.

Keine Lösung für den weltweiten Hunger

Landet das vielbeinige Essen also irgendwann auch auf unseren Tellern? Erste Restaurants bieten Insektengerichte an, im Onlineshop kann man sie in ­Lutschern eingehüllt kaufen. "Insektenfarmen in Deutschland sind grundsätzlich vorstellbar", sagt Dr. Nils Grabowski, der sich an der Tierärztlichen Hochschule Hannover mit dem Thema beschäftigt. Einen großen Vorteil haben Insekten gegenüber anderen Nutztieren: Sie benötigen weniger Land pro Kilogramm "Fleisch". Die Wunderlösung für den Welthunger sind Insekten aber nicht. Denn es muss noch genauer untersucht werden, ob sie im Verhältnis auch tatsächlich weniger Futter und Wasser brauchen als Schweine und Rinder.

"Wir dürfen nicht wieder in alte Fallen tappen", warnt Andrew Müller, der an der Humboldt-Universität in Berlin kulturelle und soziale Aspekte von Insekten als Nahrung erforscht. Das Hauptproblem der Welternährung sei nicht, dass es zu wenig Ressourcen für alle Menschen gebe, sondern dass viele keinen Zugang zu ihnen haben. "Und das läuft bei Insekten nicht anders", sagt Müller. "Früher konnten arme Menschen in Asien die Tiere kostenlos in der Natur sammeln. Heute leben sie zunehmend als Arbeiter in Städten und müssen Insekten kaufen. Diese kosten aber oft so viel, dass manche Menschen sie sich gar nicht leisten können."

Wasserwanzen in Thailand, Mehlwurm-Mehl im Keks

In Thailand sind beispielsweise Wasserwanzen besonders begehrt – und entsprechend teuer, denn die Zucht der inzwischen relativ seltenen Tiere ist aufwendig. Diese und andere beliebte Insekten werden aus Laos und Kambodscha nach Thailand exportiert: aus Ländern mit einer höheren Zahl an unterernährten Menschen in ein wirtschaftlich stärkeres Land. Massenzucht birgt zudem immer die typischen Risiken der Industrialisierung. Thailändische ­Grillenfarmen verwenden zumeist Futter, das von dominierenden Großkonzernen produziert wird. Wohlbekannte soziale und ökologische Probleme zeichnen sich also auch schon am Insektenmarkt ab. Schaffen wir es gegenzusteuern, haben die Insekten aber ein hohes Potenzial.

Eines, das Guido Neuhaus bereits nutzt. Von ganzen Heuschrecken ist er auf Mehlwurm-Mehl umgestiegen und backt daraus regelmäßig Schokokekse. "Sie schmecken nussig und lecker." Auch seine Großmutter greift jedes Mal gerne zu. "Sie isst kaum Fleisch, fast nur Süßes. So bekommt sie zumindest ein paar Proteine."


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