Unterzucker ohne Diabetes: Was steckt dahinter?

Es ist bekannt, dass Diabetiker in ein Zuckertief geraten können – doch nicht nur sie. Was Sie beachten sollten, wenn Sie plötzlich zittern und Heißhunger bekommen

von Dr. Martina Melzer, 25.06.2015

Sie verspüren den Drang, sofort etwas Süßes essen zu müssen? Dann haben Sie vielleicht gerade einen niedrigen Blutzuckerspiegel

Thinkstock/iStockphoto

Plötzlich zittern die Finger und kalter Schweiß steht auf der Stirn. Zugleich pocht das Herz, Heißhunger kommt auf. Könnte ein Zuckertief schuld an diesen Symptomen sein? Auch wenn Sie keinen Diabetes haben?

Möglich ist es. Sinkt der Blutzuckerspiegel ab und das Gehirn bekommt zu wenig Zucker, fordert es diesen vehement ein. Botenstoffe werden ausgeschüttet, die uns über Symptome wie Zittern und Heißhunger warnen und signalisieren: Iss Kohlenhydrate. Gleichzeitig aktiviert der Organismus bestimmte Mechanismen, die Zucker, genauer gesagt Glukose, aus körpereigenen Depots freisetzen.

Diese Vorgänge springen nicht erst bei einem "echten" Unterzucker an, sondern schon viel früher. Ab welchem Wert genau, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. "Bei einem Nicht-Diabetiker spricht man normalerweise von einer Unterzuckerung, wenn der Blutzuckerspiegel auf 50 Milligramm pro Deziliter (2,77 Millimol pro Liter) sinkt und der Betroffene Beschwerden hat", sagt Dr. Matthias Riedl, Ernährungsmediziner und Diabetologe aus Hamburg.


Unterzuckerschwelle sehr unterschiedlich

Doch Mann oder Frau können bereits Symptome verspüren, wenn die Blutglukose zum Beispiel unter 70 mg/dl (3,9 mmol/l) fällt. Solche Werte liegen bei Nicht-Diabetikern viel öfter vor als ein echter Unterzucker – medizinisch Hypoglykämie genannt. Wer Diabetes hat und damit unter Umständen an höhere Glukosespiegel gewöhnt ist, kann ebenfalls schon bei Werten, die deutlich über einer Unterzuckerung liegen, Probleme bekommen.

Während Diabetes-Patienten häufig in ein Zuckertief geraten, weil sie ihre Medikamente nicht richtig anwenden, spielen bei Nicht-Diabetikern andere Ursachen eine Rolle. In sehr seltenen Fällen kann beispielsweise ein meist gutartiger Tumor in der Bauchspeicheldrüse einen Unterzucker begünstigen, weil dieser unkontrolliert Insulin freisetzt. Das körpereigene Hormon Insulin wird im Normalfall nur dann verstärkt ausgeschüttet, wenn sich viel Glukose im Blut befindet. Durch das Hormon wird der Zucker in die Zellen befördert.

Ernährung und Alkohol beeinflussen Blutzuckerspiegel

Manchmal führen Krankheiten in der Leber, der Schilddrüse oder der Nebennierenrinde zu einer Hypoglykämie. "Meistens stecken aber eine falsche Ernährung oder Alkoholkonsum hinter abfallenden Zuckerwerten", erläutert Riedl. Alkohol hemmt die Mechanismen, die der Organismus bei einem niedrigen Blutzuckerspiegel aktiviert. Folglich kann dieser weiter sinken. Da Alkohol die Sinne benebelt, nimmt der Betreffende zudem die Warnsignale des Körpers möglicherweise nicht rechtzeitig wahr.

Wer zu lange nichts isst oder zu wenig – sei es aus Zeitmangel oder wegen einer Diät – kann ebenfalls ins Zuckerloch fallen. Daneben kann die Zusammensetzung der Nahrung an sich schuld sein. "Besteht die Mahlzeit überwiegend aus schnell verdaulichen Kohlenhydraten, steigt der Blutzucker steil an und es wird viel Insulin freigesetzt", erklärt Ernährungsmediziner Riedl. Das wiederum bewirkt, dass die Glukose im Blut rasch sinkt, das Gehirn den Mangel bemerkt und nach neuem Zucker ruft.

Kohlenhydrate, die schnell aufgenommen werden, kommen zum Beispiel in Weißmehlbrötchen, Marmelade, Brezeln, Plundergebäck, Fruchtsaft und Cola-Getränken vor. Vollkornprodukte, Gemüse, einige Obstsorten, Milchprodukte und Hülsenfrüchte lassen den Blutzucker dagegen langsamer ansteigen. Auch Fett verzögert den Zuckeranstieg. Folglich bewirken diese Lebensmittel, dass sich weniger Insulin in Umlauf befindet und der Zuckerspiegel nicht so stark schwankt.

Zuckertief: Traubenzucker und Apfelsaft helfen

Stellen sich die Anzeichen einer Unterzuckerung ein, können Traubenzuckerbonbons oder zuckerhaltige Getränke wie Apfelsaft und Limonaden helfen. Oft verschwinden die Beschwerden allerdings nach kurzer Zeit dann auch von selbst – vorausgesetzt, es liegt kein Diabetes oder eine andere Krankheit vor.

Wichtig: Eine echte Hypoglykämie (siehe oben) muss auf jeden Fall sofort behandelt werden, da sie lebensgefährlich werden kann. Im Zweifelsfall den Arzt hinzuziehen. Der Unterzucker kann sich mit Zittern, Heißhunger und Sehstörungen äußern. Bei den ersten Symptomen am besten Traubenzucker pur essen, etwa fünf bis 20 Gramm Dextrose. Sinkt der Zucker weiter ab, verliert der Betroffene das Bewusstsein. Hier muss sofort der Notarzt gerufen werden.

Auch wenn die Unterzuckerung einmal glimpflich verlaufen ist oder sich gar wiederholt, empfiehlt sich eine ärztliche Untersuchung. Denn erstens können andere Krankheiten vermeintlich die Symptome eines Unterzuckers auslösen, obwohl gar keiner vorliegt. Zweitens kann – beispielsweise ein Ernährungsmediziner – Essfehler aufdecken und Tipps geben, wie sich niedrige Glukosespiegel vermeiden lassen. "Drittens weisen häufig erniedrigte Zuckerwerte manchmal auf einen unerkannten Diabetes hin", bemerkt Riedl. Insbesondere, wenn bereits ein Familienangehöriger Diabetes mellitus hat, ist das Risiko, dass Verwandte ebenfalls daran erkranken, größer. Experte Riedl rät, einen Diabetologen aufzusuchen, da dieser Facharzt die Blutzuckerwerte genau beurteilen kann.

Tipp: Den Blutzuckerspiegel können Sie zum Beispiel vorab in Apotheken bestimmen lassen. Die Informationen helfen dem Arzt, die Glukosewerte besser einzuschätzen.



Auf www.diabetes-ratgeber.net:

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