Superfoods: Exotisch oder regional?

Açai, Goji oder Maca: Diese "Superfoods" von weit her verlieren im Nährstoff-Wettbewerb gegen heimische Lebensmittel. Ein Vergleich
von Anne Wüstmann, aktualisiert am 25.04.2017

Maca-Wurzel (gelb), Chia-Pflanze, Goji-Früchte (rot), Açai-Beeren (schwarz)

W&B/Dr. Ulrike Möhle

Sie werden als Wellness-Zutat für Müslis und Smoothies angepriesen und sollen positive Effekte auf Blut, Herz, Immunsystem und Haut haben: sogenannte Superfoods. Aktuell überschwemmen exotische Pulver, Beeren und Samen Bioläden, Supermärkte und Internetshops. "Der Trend kommt aus den USA", erklärt Harald Seitz, Pressesprecher des aid-Infodienstes. "Dort werden natürliche, nicht industriell hergestellte Nahrungsmittel mit einem hohen Gehalt beispielsweise an einzelnen Vitaminen, ­Mineralstoffen oder sekundären Pflanzenstoffen als Superfoods bezeichnet."

Der Name hat sich zu einem begrifflichen Sammelbecken entwickelt – ohne klare Definition, aber mit jeder Menge Marketing­potenzial. Beim derzeitigen Interesse an gesunder Ernährung finden die Trend-Lebensmittel großen Anklang. Da stört oft auch der hohe Preis nicht. Pro Kilogramm muss der Verbraucher zwischen 10 und 25 Euro zahlen, bei kleineren Packungen können es hoch­gerechnet sogar 50 Euro sein.


Geschichte: Kriege gewinnen mit Chia-Samen

Bevor die Beeren und Pulver im Regal landen, legen sie einen langen Weg zurück. Sie kommen aus den Hochlagen der peruanischen Anden, aus dem Amazonasgebiet oder aus China. Meist bringen sie von dort auch gleich die passenden Legenden mit. So hat ein Teelöffel aufgeweichter Chia-Samen einst Kriegern Energie für 24 Stunden geschenkt. Angeblich.

Gesicherte Studien, die solche Superkräfte belegen, gibt es nicht. Einziger Anhaltspunkt: die Nährwerte. Doch der angepriesene hohe Vitamin-C-Gehalt etwa von Goji-Beeren relativiert sich schnell, vergleicht man ihn mit dem Schwarzer Johannisbeeren. 29 bis 148 Milligramm pro 100 Gramm Goji-Beeren stehen dann 177 Milligramm in Johannisbeeren gegenüber. Greift der Verbraucher zu Letzteren, spart er sich zudem Kalorien. Pro 100 Gramm enthalten Johannisbeeren nur circa 40 Kilokalorien, die getrockneten Goji-Beeren hingegen etwa 300. Die angebliche Anti-Aging-Wirkung der Früchte des Gemeinen Bockshorns (Lycium barbarum) wurde von der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde denn auch widerlegt.

"Wurzel der Lust" soll die Libido anfachen

Ebenfalls ein Antioxidanzien-Wunder soll Açai sein, die schwarzviolette Frucht der südamerikanischen Palme Euterpe oleracea. Als Pulver, tiefgefrorenes Fruchtmark oder in Kapseln verspricht das Gewächs, mit sogenannten Polyphenolen schlank und schön zu machen. Doch warum nicht Geld sparen und stattdessen einfach ein Körbchen Heidelbeeren naschen? Sie enthalten ebenfalls viel Vitamin C und jede Menge zellschützende Pflanzenstoffe.


Doch Superfood kann mehr als Schönheit. Angeblich. Der Verzehr von Maca-Pulver, gemahlen aus der Kreuzblütlerwurzel Maca, soll die Libido steigern und dem Körper insgesamt mehr Energie verleihen. Wissenschaftliche Studien dazu sind jedoch kaum vorhanden. Das heimische Gegenstück ist die Sellerieknolle, der man ebenfalls eine lustbringende Wirkung nachsagt und die zudem noch antioxidative Flavonoide enthält.

Experten sehen keinen Bedarf für Wunderpulver

"Jeder Apfel dürfte mehr Vitamine ­haben und in der Gesamtheit dem Körper mehr bringen als irgendein Pulver", sagt Seitz. Selbst wenn diesem Pulver Vitamine oder Mineralstoffe zugesetzt seien. Nur wenige Menschen benötigen für eine ausreichende Versorgung Nahrungsergänzungsmittel. Seitz: "Deutschland ist kein Vitaminmangelland."

Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegt die empfohlene Vitamin-C-Zufuhr bei 95 Milligramm pro Tag für erwachsene Frauen und bei 110 Milligramm für erwachsene Männer. Das ist mit ausgewogener Ernährung leicht zu schaffen. So enthält etwa rote Paprika zwischen 100 und 300 Milligramm Vitamin C pro 100 Gramm.


Der gute alte Leinsamen

Die einzigen Exoten, deren Kauf sich möglicherweise lohnt, sind Chia – die Samen der Pflanze Salvia hispanica L. Diese sind reich an Eisen, Kalzium, ­­Antioxidanzien und Alpha-Linolensäure, aus der unser Körper Omega-3-Fettsäuren bilden kann.

In Flüssigkeit quellen sie auf und unterstützen die Verdauung. Die Quell­eigenschaft ist so enorm, dass Chia Veganern beim Backen als Ei-Ersatz dient. Aus Schokoladenmilch machen die Samenkörnchen eine gesunde Schokopudding-Variante, sogar Marmelade lässt sich ­damit herstellen. Günstiger, besser erforscht und leichter zu bekommen sind dennoch unsere heimischen Leinsamen. Auch hierzulande gibt es also eine Alternative, die ebenso "super" wirkt.

Laboruntersuchungen finden Schadstoffbelastung

Manche der Trend-Lebensmittel sind allerdings nicht nur nicht besser als einheimische Früchte, sie sind auch stark mit Schadstoffen belastet. Darauf deuten zumindest aktuelle La­bortests hin. Dabei fanden Experten beispielsweise in Proben von Goji-Beeren 16 verschiedene Pestizide, in einem Fall ­lagen diese über dem gesetzlichen Grenzwert.

Zudem entdeckten sie Enterobakterien, die Durchfall­erkrankungen verursachen können. Und ein Päckchen mit Chia-Samen enthielt Rückstände von Unkrautvernichtungsmitteln, die die erlaubten Höchstmengen überschritten.


Das eindeutige Fazit lautet also: Viele der exotischen Trend-Lebensmittel tragen den Titel "super" zu Unrecht. "Beim Essen macht es vor allem die Mischung. Ein einzelnes Lebensmittel kann nicht das Leben verlängern oder einen Menschen schoöer machen", sagt Harald Seitz. Für die meisten sogenannten Superfoods gibt es heimische Alternativen. Deren Vorteile: Sie unterliegen hiesigen Pestizid-Regeln, belasten die Umwelt nicht durch weite Transportwege. Man kann sie frisch kaufen, muss also nicht auf Pulver und Trockenfrüchte zurückgreifen. Und schließlich braucht auch niemand lange zu überlegen, wie die Namen "Apfel", "Paprika" und "Leinsamen" richtig ausgesprochen werden.



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