Orthorexie: Ab wann gesundes Essen krank macht

Sie wollen gesund essen, doch das wird zum Problem: Orthorexie-Patienten sind zwanghaft auf ihre Ernährung fixiert, viele magern ab. Wie man die Abwärtsspirale aufhält

von Xenia Schleuning, aktualisiert am 23.03.2016

Was darf auf den Teller? Orthorexie-Patienten folgen fanatisch ihren Essensregeln

Fotolia/Jenko Ataman

Sie war Leistungssportlerin im Rudern und stand kurz vor Olympia. Dann schlich sich die Krankheit in das Leben von Julia Baumgartner (Name von der Redaktion geändert): "Um meine Leistung noch zu steigern, sollte ich mehr auf meine Ernährung achten und vielleicht ein paar Kilo abnehmen", berichtet die heute 30-Jährige. Die junge Frau nahm sich den Rat ihres Trainers zu Herzen. Mehr noch: Sie wandelte ihn ins Extreme, schließlich hatte sie diese Haltung im Sport bis dahin weit gebracht. Doch bald konnte sie an nichts anderes mehr denken als an "die richtige Ernährung".

Anfangs strich Baumgartner Süßigkeiten und Fast Food von ihrem Speiseplan. Wenig später aß sie nur noch Fleisch ohne Saucen, rohes Gemüse und Salat. Die Sportlerin erkrankte an Orthorexie: Sie verbot sich sogar Nahrung, die für ihren trainierten Körper wichtig gewesen wäre. Zeitweise verlor sie die Kontrolle über ihr Essverhalten so sehr, dass sie sogar magersüchtig wurde. Erst zehn Jahre später führt sie wieder ein normales, gesundes Leben.


Einstieg in massive Essstörungen

Baumgartners Geschichte spiegelt einen sehr schwerwiegenden Fall von Orthorexie – aber einen mit sehr typischem Verlauf. Nach ersten Schätzungen aus einer Studie der Universität Düsseldorf sind circa ein bis zwei Prozent der Menschen in Deutschland geradezu besessen vom Bestreben, sich gesund zu ernähren. Das Problem ist in Deutschland ähnlich verbreitet wie Magersucht. Eine Fixierung, die ins Ungesunde gekippt ist.

Orthorexie, auch Orthorexia nervosa genannt, ist eine relativ neues Problem. Ob es sich bei ihr um eine eigenständige Krankheit handelt, ist umstritten. Der Begriff wurde 1997 von dem US-amerikanischen Alternativmediziner Steven Bratman geprägt und leitet sich ab aus dem griechischen "orthos" für richtig, "orexia" für Appetit und "nervosa" für "nervlich bedingt". Anderes als bei der Magersucht beschäftigen sich die Betroffenen nicht vor allem mit einer möglichst geringen Essensmenge, sondern konzentrieren sich fanatisch auf die Qualität ihrer Nahrung. Nur – in ihrer Vorstellung – gesunde und reine Produkte finden Platz auf dem Teller.

Fließende Grenze zwischen gesunder Ernährung und Orthorexie

Was das Thema Orthorexie so schwierig macht: Die Grenze zwischen bewusster Ernährung und Krankheit ist fließend. Selbst Experten können oft schwer einschätzen, ob bei einem dogmatischen Esser die Gefahr einer Orthorexie besteht. Sicher ist: Bei einer beachtlichen Zahl von Menschen markiert die Dauerbeschäftigung mit dem gesunden Essen den Beginn einer schwierig verlaufenden und therapiebedürftigen Essstörung.

"Sobald der Mensch einem Leidensdruck unterliegt, ist diese Lebensweise problematisch", erklärt Professor Ulrich Voderholzer. Er ist ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck, in der unter anderem viele Patienten mit Essstörungen behandelt werden. "Je weiter die Orthorexie voranschreitet, umso größer ist die Gefahr einer Abwärtsspirale mit vielfältigen gesundheitlichen und sozialen Beeinträchtigungen", sagt der Experte.

Mit missionarischem Eifer dabei

Zum Beispiel erheben einige betroffene Menschen ihre Ernährungsweise zu einer Art Religionsersatz und versuchen Familie und Freunde fast missionarisch von ihr zu überzeugen. Um sicher zu gehen, dass sie ihrem System stets treu bleiben können, bringen sie in die Arbeit oder zu Einladungen gerne ihre eigenen Speisen mit. Solche Situationen belasten alle Beteiligten. Sie können dazu führen, dass Umfeld und Betroffene sich voneinander abwenden – soziale Isolation der Extremesser kann die Konsequenz sein.

Essensplanung braucht unverhältnismäßig viel Zeit

Am Anfang einer solchen Entwicklung steht manchmal die Idee einer gewaltfreien – das bedeutet rein pflanzlichen – Bio-Ernährung, ohne jegliche chemische Zusatzstoffe. "Wenn die Idee allerdings zur Ideologie wird, ist die Grenze oft schon überschritten", sagt Voderholzer. Betroffene leben nach einem starren Regelsystem. Sie verbieten sich alle Lebensmittel, die nicht in ihr ausgeklügeltes Schema passen – aus Angst, sie seien schädlich für ihren Körper. Als Folge dieser gedanklichen Fixierung verbringen betroffenen Menschen einen unverhältnismäßig großen Teil des Tages mit der Planung des Essens. Auch woher die Produkte stammen und welche Inhaltsstoffe sie enthalten, recherchieren sie teilweise penibel, um potenzielle Spuren von verbotenen Stoffen, wie Gluten oder Kohlenhydrate, zu vermeiden.

Wie bei Julia Baumgartner. Zwei Jahre nach Beginn der Krankheit war sie an ihrem Tiefpunkt angelangt. Sie vermied selbst Kinobesuche mit Freunden – aus Angst vor dem Popcorn. Für den Sport war ihr Körper schon lange nicht mehr kräftig genug. Und so war sie meist allein mit ihren Gedanken, die ihr weitere Verbote auferlegten; bis sie sich nur noch Obst mit wenig Kohlenhydraten zugestand. Sie wurde depressiv und entwickelte zusätzlich Symptome von Magersucht und Bulimie.

Behandlung durch Psychotherapie und Ernährungsberatung

Voderholzer sieht die Orthorexie nicht selten im Vorfeld zu anderen Essstörungen. "Körperliche Mangelerscheinungen kommen dann noch zu den starken psychischen Belastung hinzu und spätestens zu diesem Zeitpunkt ist die Orthorexie gesundheitsgefährdend und behandlungsbedürftig." In gemeinsamer Arbeit mit Therapeuten müssen die Betroffene sich dann wieder an ein gesundes und normales Essverhalten herantasten. Dabei kommt eine Kombination aus Psychotherapie und Ernährungsberatung zum Einsatz.

Baumgartner erzählt, dass sie von Grund auf neu lernen musste zu essen. Sie nahm das Gefühl von Sättigung oder Hunger einfach nicht mehr wahr und musste sich langsam erneut heran tasten. Erst zehn Jahre später, in denen sie Klinikaufenthalte und betreutes Wohnen hinter sich hat, fühlt sie sich wieder richtig gesund. Zwar kommen die Gedanken, die ihr das Essen vorschreiben, immer wieder. Aber besonders durch die Psychotherapie kann sie diese heute anders einordnen und behält die Oberhand über sie.


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