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Mit Essen spielt man nicht

Die Spanier schmeißen mit Tomaten, US-Amerikaner schnitzen Butterskulpturen, die Deutschen formen Hackigel. Ernährungsberaterin Sophie Kelm findet das bedenklich


Gesichtsbrötchen? Nicht witzig, findet unsere Autorin Sophie Kelm

Mit Essen spielt man nicht – das bekommt doch schon jeder als Kind eingebläut. Nachhaltig wirkt das nicht, denn viele Erwachsene haben diese Erziehungsmaßnahme schnell vergessen. Warum nur? Weil es Spaß macht? Oder liegt es vielleicht an den vielen schlechten Vorbildern, denen wir täglich begegnen? Ich habe mal ein paar Beispiele zusammengetragen.

Beginnen wir im eigenen Land: In der Fußgängerzone oder im Verkaufsfernsehen zaubert der Gemüsehobelfachverkäufer aus Lebensmitteln ziselierte Radieschen- oder Mohrrüben-Mäuse. Ist das tatsächlich notwendig für den Verzehr? Das gleiche gilt für den Sechziger-Jahre-Hackigel. Sieht lustig aus, aber eine seriöse Lebensmittelpräsentation stelle ich mir anders vor.


Die Meister der Molekularküche gehen noch weiter: Hier freut sich der neugierige Speiser beispielsweise auf den Geschmack edlen Kaviars. Auf der Zunge zerfällt die schwarze Delikatesse aber plötzlich zu Karamellmatsch. Wenn das keine Spielerei ist, dann sollte man Topfschlagen zum Beruf ernennen.

Im ganz großen Stil kann man das Spiel mit dem Essen auch in Spanien erleben. Hierfür muss man am Mittwoch der letzten Augustwoche in das kleine Dorf Buñol, im Osten des Landes fahren. An diesem Tag feiern die Einheimischen die Tomatina. Ein Fest, an dem sich das komplette Dorf sowie alle angereisten Touristen, gegenseitig mit Tomaten beschmeißen. Nicht aus Hunger, aus Heiligenhuldigung oder politischen Gründen – sie machen das ausschließlich zum Spaß. Für mich ein fragliches Vergnügen.

Auch Amerika macht Jux mit Essen: Im Bundesstaat Iowa, auf der Iowa State Fair – einer Ausstellung für Landwirtschaftsprodukte – können Besucher eine lebensgroße Butterkuh bestaunen. Der eigens für diese Aufgabe ausgebildete Butter-Schnitz-Künstler verarbeitet durchschnittlich 250 Kilogramm Butter pro Kunstwerk. Wer denkt, hier handelt es sich um einen einmaligen Gag: Das hochkalorische Rindvieh feierte letztes Jahr seinen 100. Geburtstag. Die mittlerweile insgesamt rund 25.000 Kilo verarbeitetes Milchfett hätten eine sinnvollere Verwendung verdient.

Bei all diesen Beispielen des Ess-Spieles, wie soll da ein kleines Kind verstehen, weshalb es keine Kartoffelbrei-Erbsenmatsch-Bällchen formen darf? Bloß auf dem Teller, nicht einmal zum Werfen? Vielleicht werde ich zu diesem Punkt einmal den Gemüsehobelfachverkäufer aus der Fußgängerzone zu Rate ziehen.



Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de; 14.02.2012
Bildnachweis: W&B/Burkhardt Röper, Fotolia/Tom Bayer

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