Ein Kürbiscremesüppchen vorab. Es folgt der dicke Braten mit Kartoffeln. Und am Schluss noch richtig Hunger auf eine Crème brûlée? So ganz kann das nicht stimmen. Denn nach diesem Vor- und Hauptgang sollte das körperliche Nahrungsbedürfnis befriedigt sein. Was übrig bleibt, ist Appetit.
"Hunger ist ein biologisches Anzeichen des Körpers für Nahrungs- oder Energiemangel", erklärt Professor Susanne Klaus, Biologin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DifE). Appetit ist ein spezifisches Gelüst nach einem bestimmten Geschmack. Allerdings können Hunger und Appetit ineinander übergehen oder auch gleichzeitig auftreten.
Hunger ist ein angeborener Schutz vor Unterernährung. Aber auch Appetit ist teilweise angeboren. "Schon Babys bevorzugen süße Speisen, gibt man ihnen etwas Bitteres, dann weinen sie", so Klaus. Auch die Präferenz für fette Speisen ist uns Menschen (leider) in die Wiege gelegt. Ob wir nun aber besonders gerne Lakritz essen oder Schmorgurken, das entscheidet sich erst im Laufe des Lebens.
Auch die pränatale Prägung spielt eine Rolle, auf was wir Appetit bekommen. "Lebensmittel, die die Mutter in der Schwangerschaft isst, mag später auch oft das Kind. Der Geschmack ist vertraut", so die Ernährungsexpertin. Wenn Eltern ihre Kinder mit einem Stück Schokolade trösten oder loben, dann wird die Süßigkeit immer einen positiven Beigeschmack behalten. Dann isst man auch im Erwachsenenalter öfter Schokolade, um sich wieder besser zu fühlen. Das hat nichts mit Hunger zu tun.
Anschaulich wird die erlernte Komponente des Geschmacks auch bei kulturellen Ernährungsgewohnheiten. Vielen Deutschen schmeckt morgens ein Marmeladenbrot. Der Appetit auf eine Nudelsuppe ist in der Regel gering. Genau das brauchen aber die Asiaten für ihren gelungenen Start in den Tag. Das ist dann eine Mischung von Appetit und Hunger. Denn wenn ein Düsseldorfer drei Tage lang nicht gegessen hat, dann freut er sich auch über Nudelsuppe am Morgen.
"Echten Hunger kennt man in unserer westlichen Welt heutzutage eigentlich gar nicht mehr", so Klaus. Damit meint die Ernährungsexpertin Hunger aus andauernder Unterernährung. Die Symptome sind sehr unangenehm. Man ist sehr schwach, fühlt sich schlecht und es können sogar Depressionen auftreten.
Einen spontanen Heißhunger kennt man aber auch hierzulande. "Das ist dann meistens eine akute Unterzuckerung", weiß Klaus. Es zieht im Bauch, manchen wird schwindelig, einige Menschen haben sogar einen leichten Tremor und oft kommt schlechte Laune dazu. Dieser Hunger vergeht laut Klaus wieder, wenn man zirka eine viertel Stunde lang wartet. Denn nach dieser Zeit setzt die Leber wieder Zucker ins Blut frei und behebt die Unterzuckerung. Das ist selbstverständlich keine Dauerlösung, irgendwann muss man doch etwas essen. Tauchen die Beschwerden sehr häufig auf oder sind sie sehr ausgeprägt, sollten sie vorsichtshalber vom Arzt abgeklärt werden. Und: Diabetiker müssen bei Unterzucker natürlich sofort reagieren.
Wenn man sich nun fragt, ob man Hunger hat oder nur Appetit, dann sollte die erste Überlegung sein: Wann habe ich das letzte Mal etwas Richtiges gegessen. "Drei bis vier Stunden nach einer Mahlzeit sollte eigentlich kein Hunger auftreten", erklärt Klaus. Das Stück Kuchen als Nachspeise treibt also der Appetit rein und nicht Hunger.
Appetit wird sehr oft von optischen Reizen ausgelöst. Zum Beispiel durch das Schälchen Süßigkeiten auf dem Schreibtisch. Hätte man die bunten Naschsachen gar nicht gesehen, hätten sie einem auch nicht gefehlt. Auch Fernsehwerbung ist verführerisch: Ein Spot und plötzlich sitzt der schier unstillbare Chips-Appetit mit auf der Couch.
Am besten sollten Sie nur bei Hunger essen. Appetit muss man nicht unbedingt befriedigen. Solange aber alles in Maßen bleibt, ist auch Naschen erlaubt. "Wenn auf der Geburtstagsfeier alle ein Stück Kuchen essen, dann ist das auch ein soziales Ereignis", erklärt Susanne Klaus. Bei einem normalen Kompensationsbedürfnis essen Menschen dann zum Abendessen sowieso ein bisschen weniger. Kommen wir aber jedem Appetit-Gelüst nach, darf es nicht wundern, wenn die Figur irgendwann gar nicht mehr so appetitlich aussieht.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
10.11.2011, aktualisiert am 29.02.2012
Bildnachweis: iStock/Grenouille Films
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