Ist Glyphosat wirklich so gefährlich?

Das Pestizid Glyphosat ist heftig umstritten. WHO-Experten stufen es als wahrscheinlich nicht krebserregend ein und kommen damit zu einem anderen Ergebnis als eine frühere WHO-Untersuchung

von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 29.06.2016

Landwirtschaft: Der Unkrautvernichter Glyphosat im Einsatz

dpa Picture-Alliance / Dave Reed

Seit Jahren zieht sich die Diskussion um mögliche Risiken des Pflanzengifts Glyphosat hin. Politiker streiten über Pro und Contra des Mittels. Die Zulassung in der Europäischen Union gilt momentan bis Ende 2017. Bis dahin soll die europäische Chemikalienagentur Echa Glyphosat bewerten. Bereits Mitte Mai 2016 haben Experten der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Welternährungsorganisation FAO eine neue Einschätzung zum Krebsrisiko durch Glyphosat veröffentlicht.

WHO-Experten kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen

Löst Glyphosat Krankheiten aus oder nicht? Diese Frage beschäftigt international Experten und Behörden. Im März 2015 stufte die WHO mit Berufung auf die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Der Grund: Unter anderem in Mäusestudien waren bei hohen Glyphosatdosen öfter Krebserkrankungen aufgetreten.

Mitte Mai 2016 tagten Pestizid-Experten der WHO und FAO in Genf (Schweiz). Sie sichteten die aktuelle Studienlage zu dem Unkrautvernichtungsmittel und überprüften den Report der IARC. Das Expertengremium kam in Genf zu dem Schluss: "Es ist unwahrscheinlich, dass Glyphosat ein Krebsrisiko für den Menschen darstellt, wenn es über die Nahrung aufgenommen wird." Denn die Mehrheit der Studien hätte gezeigt, dass das Mittel in für den Menschen relevanten Dosen zu keinen genetischen Zellveränderungen führt. Das Gremium sagte weiter, dass keine krebserregenden Effekte in Ratten nachzuweisen seien, es sich aber nicht ausschließen lasse, dass Glyphosat bei Mäusen in sehr hohen Dosen Krebs auslöst.

Woran liegt es, dass die WHO-Experten zu verschiedenen Ergebnissen gekommen sind? Unter anderem daran, dass sich der Fokus der Untersuchungen unterschieden hat, die Studien zu Glyphosat anders gewichtet wurden und unterschiedliche Studien in die Beurteilung einbezogen wurden.


Die Europäische Lebensmittelbehörde Efsa kam – wie nun auch die neue WHO-Bewertung – aufgrund weiterer Untersuchungen zu dem Schluss, Glyphosat sei "wahrscheinlich nicht krebserregend". Allerdings empfiehlt die Behörde einen Grenzwert für die duldbare tägliche Aufnahme von 0,5 Milligramm Glyphosat pro Kilogramm Körpergewicht. Entsprechend setzt sie maximale Rückstandsmengen in bestimmten Lebensmitteln fest.

Der Nutzen von Glyphosat

Glyphosat ist weltweit einer der am häufigsten eingesetzte Wirkstoffe von Unkrautvernichtungsmitteln. Pflanzen nehmen es über die Blätter auf und sterben dann ab, weil Glyphosat ein Enzym hemmt, das fürs Pflanzenwachstum nötig ist. Deutsche Landwirte versprühen Glyphosat bevorzugt im Zeitraum der Aussaat. Es vernichtet dann das Unkraut auf den Feldern und schafft Platz für die Nutzpflanzen.

In anderen Ländern setzen Bauern zusätzlich genetisch veränderte Nutzpflanzen ein, die gegen Glyphosat resistent sind. Das ermöglicht es, auch während der Wachstumsphase der Nutzpflanzen große Mengen Glyphosat zu spritzen. Das ist zum Beispiel in Südamerika beim Anbau von Soja als Futtermittel für Nutztiere eine gängige Praxis. In Argentinien fanden sich vermehrt Missbildungen bei Neugeborenen aus Dörfern, die an gespritzte Sojafelder grenzen. Außerdem erkrankten dem Pflanzengift ausgesetzte Personen häufiger an Lymphdrüsenkrebs. Allerdings scheiden sich die Geister bei der Frage, ob das am Glyphosat, an anderen verwendeten Pestiziden oder unbekannten weiteren Faktoren liegt.

Umstrittene Spätanwendung

Hierzulande stark eingeschränkt ist die Verwendung von Glyphosat kurz vor der Ernte. Da es dann die Nutzpflanzen abtötet, kann diese sogenannte Sikkation die Getreideernte bei ungünstigem Wetter retten: Das Getreide ist dann trockener und besser zu verarbeiten. Allerings kann spät eingesetztes Glyphosat zum Zeitpunkt der Ernte noch in der Pflanze sein. Zur Aussaat früh ausgebrachtes Pflanzenschutzmittel ist dagegen bei der Ernte kaum noch vorhanden. "Ob diese Sikkation für die Erntebeschleunigung zur guten fachlichen Praxis gehört, ist sehr umstritten", sagt Tomas Brückmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND).


Protestmarsch in Berlin am 16. Januar 2016

Corbis

Die Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer untersuchen regelmäßig Nahrungsmittel, die Glyphosatrückstände enthalten könnten. Im Jahr 2013 waren es insgesamt 1425 Proben. In 18 Proben fanden sie Rückstände, in zwei Proben lag der Wert über dem zulässigen Rückstandshöchstgehalt. Laut dem Pressesprecher Andreas Tief vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wählen die Behörden bei den Proben speziell Esswaren aus, bei denen sie einen Verdacht haben: "In der Vergangenheit auffällige Lebensmittel werden häufiger untersucht. Deshalb geben die positiven Proben keinen Rückschluss auf die allgemeine Belastungssituation. Diese dürfte in der Regel niedriger sein."

Glyphosat in Getreide und Hülsenfrüchten

"Vor allem Getreide und getrocknete Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen enthielten Glyphosatrückstände", sagt Tief. Außerdem wurde ein Abbauprodukt von Glyphosat auch in Kulturpilzen gefunden. In Obst und Gemüse können Spuren des Herbizids vorkommen.

Weder Abwaschen der Lebensmittel noch Erhitzen zerstört Glyphosat. Selbst Backprodukte können die Substanz folglich noch enthalten. Das erklärt die Ergebnisse von Öko-Test aus dem Jahr 2013, die in acht von zehn getesteten Brötchen das Herbizid nachwiesen. Außerdem waren auch Mehl und Haferflocken betroffen.

Auch in Bier lässt sich laut dem Umweltinstitut München e.V. Glyphosat finden. Dort wurden laut Angaben des Instituts die "14 meistgetrunkenen Biere der beliebtesten Biermarken Deutschlands" untersucht. Glyphosat war in allen Biersorten nachweisbar. Die höchsten gemessenen Werte überschritten den gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser stark, teilweise fast um das 300-fache. Für Bier selbst gibt es bisher keine festgelegten Grenzwerte. Das Bundesinstitut für Risikobewertung sieht die Werte trotzdem als unbedenklich an und hält dagegen, dass ein Mensch 1000 Liter Bier am Tag trinken müsste, um allein durch den Gerstensaft die duldbare tägliche Aufnahmemenge zu überschreiten.


Glyphosat öfter im Urin nachweisbar

Dass Glyphosat im Alltag tatsächlich in den menschlichen Körper gelangt und wieder ausgeschieden wird, zeigte eine kleine Studie von der internationalen Umweltschutzorganisation Friends of the earth. Sie untersuchte Urinproben von 182 Stadtbewohnern aus 18 europäischen Ländern. In Deutschland fand sich in 70 Prozent der Proben Glyphosat. Im Studiendurchschnitt betraf der Pestizidnachweis fast jeden zweiten Teilnehmer. Messungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) bestätigten ebenfalls Rückstände im Urin. Allerdings schätzt das BfR die gefundenen Konzentrationen bisher als unproblematisch ein.

Uneinigkeit gibt es bei der Frage nach möglichen Rückständen in der Muttermilch: Bündnis 90/Die Grünen legten Ergebnisse eines Labors vor, das in 16 Muttermilchproben Glyphosat entdeckt hatte. Das BfR bezweifelt die Zuverlässigkeit der Ergebnisse. Denn das Amt fand selbst keine Hinweise auf eine Ausscheidung in der Muttermilch.

Biolebensmittel enthalten kaum Glyphosat

Wer für sich persönlich die Aufnahme von Glyphosat verringern möchte, kann auf Lebensmittel aus ökologischem Anbau ausweichen. Biogetreide enthält höchstens dann minimale Herbizidrückstände, wenn das Mittel durch den Wind vom Nachbarfeld herübergeweht wurde. Und auch in Bioobst und -gemüse fand die baden-württembergische Lebensmittelüberwachung hundertmal weniger Rückstände von Pflanzenschutzmitteln als bei konventionellem Anbau.

Tierische Lebensmittel sind nach Aussage des Verbraucherschutzbundesamtssprechers Tief unproblematisch. Allenfalls in der Niere könnten geringe Rückstände auftreten, weil Glyphosat über den Urin ausgeschieden wird. "Fütterungsstudien mit Nutztieren haben gezeigt, dass Glyphosat nicht in Milch, Eier und Fleisch übergeht." Leitungswasser ist ebenfalls unbedenklich. "Bei Trinkwasser gibt es extrem hohe Anforderungen", erklärt BUND-Experte Brückmann. "Zwar werden diverse Stoffe im Rohwasser gefunden, aber vor der Verwendung als Trinkwasser wird es aufbereitet."



Bildnachweis: dpa Picture-Alliance / Dave Reed, Corbis

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