Brauchen wir eine Zuckersteuer?

Deutschland verfettet und Krankheiten wie Typ-2-Diabetes breiten sich aus. Ärzte fordern eine Steuer auf Fette und Zucker. Ob diese das Problem tatsächlich lösen könnte, ist aber unklar

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 17.09.2015

Unbestreitbar lecker: Rund 90 Gramm Zucker nimmt jeder Deutsche täglich zu sich

istock/Yelena Yemchuck

Es ist gar nicht so lange her, da gab es in Deutschland eine Steuer auf Zucker – genauer gesagt auf Zuckerrüben. Die Abgabe wurde 1841 in Preußen eingeführt. Die bis dato steuerfreie heimische Rübe gewann damals gegenüber den zollpflichtigen Importwaren immer mehr an Bedeutung und machte Zuckerkonsum für die breite Masse der Bevölkerung erschwinglich. Daran änderte auch die neue Steuer nichts, die erst im Jahr 1993 bundesweit wieder abgeschafft wurde.

Heute konsumieren die Deutschen mehr Zucker denn je. Parallel steigt die Zahl der stark Übergewichtigen. Etwa ein Viertel der Erwachsenen leidet in Deutschland unter Fettleibigkeit (Adipositas), hat also einen Body-Mass-Index von 30 oder mehr. Als normal gilt ein BMI von bis zu 25. So viel Übergewicht kann krank machen und unter anderem die Entstehung von Typ-2-Diabetes oder Herzleiden fördern. Eine Teilschuld sehen Ärzte hier beim hohen Zuckerkonsum. Experten diskutieren aus genau diesem Grund erneut über eine Steuer auf die süße Leidenschaft.


Zucker und Fette sollen teurer werden

Ein Zusammenschluss von verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften fordert in einem gemeinsamen Strategiepapier deshalb die Einführung einer Steuer auf Lebensmittel mit einem besonders hohen Anteil an Zucker, Fetten und Salz.

Die Befürworter solcher Steuern hoffen, dass höhere Preise die Verbraucher dazu verleiten, seltener bei kalorienreichen Produkten zuzugreifen und sich stattdessen öfter an der Obst- und Gemüsetheke zu bedienen. Die Ärztegesellschaften fordern, die Kosten für gesunde Lebensmittel gleichzeitig zu senken. "Preise haben eine Lenkungswirkung", sagt Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft und einer der Mitverfasser des Aufrufs. Auch in Großbritannien fordern Ärzte, zuckerhaltige Getränke stärker zu besteuern.

Prinzip der Eigenverantwortlichkeit

Nicht jeder befürwortet diesen staatlichen Eingriff in das Verbraucherverhalten – allen voran die zuständigen Behörden. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft spricht sich auf Anfrage von apotheken-umschau.de klar gegen den Vorschlag aus, schreibt von einer "Strafsteuer", die nichts am Verhalten der Menschen ändern würde: "Übergewicht und Adipositas haben bekanntlich viele Ursachen und wir können diese Probleme nicht mit Gesetzen und Verboten lösen", heißt es. Stattdessen will die Behörde von Bundesernährungsminister Christian Schmidt im Kampf gegen Fettleibigkeit vor allem auf Aufklärung setzen.

Für Garlichs reicht dieser Ansatz nicht aus. "Der Appell an die Vernunft des Einzelnen ist gescheitert", sagt er. "Das haben wir jahrzehntelang versucht." Aufklärer und Lebensmittelindustrie würden mit ungleichen Waffen kämpfen. Die Hersteller bewerben ihre Produkte zur besten Sendezeit im Fernsehen und richten sich dabei oft gezielt an Kinder. "Ernährungsgewohnheiten, die sich in der Kindheit herausgebildet haben, lassen sich später nur schwer ändern", sagt Garlichs. Mit Aufklärungskampagnen allein lasse sich da wenig bewirken, wie auch die trotz aller Bemühungen steigenden Adipositas-Zahlen zeigten.

Weltgesundheitsorganisation rät zu weniger Zucker

Wenig überraschend hält auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft, wenig von der Steuer. "Sondersteuern auf einzelne Nährstoffe zu erheben entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage, denn einzelne Nährstoffe sind nicht für Übergewicht verantwortlich", heißt es auf Nachfrage.

Das ist sicherlich richtig. Zucker und Fette müssen nicht per se schädlich sein. Das Problem ist, dass die Deutschen viel zu viel von diesen energiereichen Nährstoffen zu sich nehmen. Etwa 90 Gramm Zucker verzehrt der durchschnittliche Bundesbürger am Tag. Das macht rund 18 Prozent des Energiebedarfs eines Erwachsenen aus, der 2000 Kilokalorien am Tag benötigt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät, nicht mehr als zehn, besser fünf Prozent der Kalorien mit freien Zuckern abzudecken. Als "freie Zucker" gelten dabei Zucker, die künstlich bei der Lebensmittelherstellung zugesetzt werden, sowie natürlicher Zucker in Honig, Sirup und Fruchtsäften.

Versuch der Verhaltenssteuerung

Unklar ist, ob eine solche Steuer überhaupt den erwünschten Effekt zeigen würde. "Versuche, das Verhalten allein mit Preiserhöhungen zu beeinflussen, bringen oft wenig", sagt Dr. Bernard Braun vom Zentrum für Sozialpolitik in Bremen. Der Experte für Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik hält die Forderung nach einer Zuckersteuer deshalb für eine "zwiespältige Sache". Auf der anderen Seite gebe es auch Positiv-Beispiele: Dass zunehmend weniger Jugendliche und Erwachsene rauchen, ist laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum vor allem Erhöhungen der Tabaksteuer zu verdanken.

Auf der anderen Seite stoßen Steuererhöhungen in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe. Das Gefühl, einen erwünschten Lebenswandel aufgezwungen zu bekommen, könnte dazu führen, dass die Bürger Aufklärungskampagnen für eine bessere Ernährung insgesamt ablehnend gegenüber stehen. Braun lehnt die Idee, Zucker- und Fetthaltiges stärker zu besteuern, nicht völlig ab. "Es sollte aber gut umgesetzt und klug kommuniziert werden." Deshalb befürwortet er den Ansatz, die Preise für gesunde Lebensmittel gleichzeitig zu senken – um zu verdeutlichen, dass der Staat sich mit der Steuer nicht bereichern möchte. Außerdem schlägt er vor, gleichzeitig gesetzliche Höchstmengen für Zucker in Lebensmitteln einzuführen.

Dänemark: Fettsteuer nach einem Jahr abgesetzt

In anderen Ländern gab es bereits Versuche mit einer Steuer auf Zucker und Fette. Mit unterschiedlichen Erfolgen. Dänemark führte 2011 eine Sonderabgabe auf Lebensmittel mit einem hohem Anteil an gesättigten Fetten ein, schaffte sie ein Jahr später aber bereits wieder ab. Offiziell, weil sie nicht die erwünschte Wirkung zeigt. "Sie wurde aus politischen Gründen zurückgezogen, weil sie der Bildung einer neuen Regierungskoalition im Wege stand", sagt DDG-Geschäftsführer Garlichs.

Eine Studie kam sogar zu dem Schluss, dass als Folge der Steuer die Verkaufszahlen von Butter und Margarine in Dänemark innerhalb eines Jahres um zehn Prozent einbrachen. In diesem Sinne war sie also durchaus ein Erfolg – falls die Dänen für Butterkäufe nicht scharenweise ins nahegelegene Schleswig-Holstein ausgewichen sind.

Mexiko erließ 2013 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke, Fast-Food und Süßigkeiten. Das Land ächzt besonders unter den Folgen des ungesunden Lebenswandels seiner Bewohner, jeder Dritte gilt als fettleibig. In dem mittelamerikanischen Staat sank nach der Einführung der Steuer der Umsatz mit Softdrink-Verkäufen deutlich. In Frankreich besteht eine Steuer auf künstlich gesüßte Getränke seit 2012. In New York wurde das Verbot von XXL-Trinkbechern noch vor dem Start von einem Gericht einkassiert.

Die eingeführten Steuern auf Zucker und Fette bestehen noch nicht lange genug, um Aussagen über ihre Langzeitwirkung treffen zu können. So ist unklar, ob der Rückgang bei Butter- und Softdrink-Käufen wirklich auf die höheren Preise zurückzuführen sind oder darauf, dass die Bevölkerung sich infolge der Diskussion gesünder ernährte.

Gesundheitsökonom Braun ist sich nicht sicher, ob eine höhere Besteuerung auch wirklich beim Verbraucher ankommt. Die Industrie könnte Wege finden, den Preis stabil zu halten, indem sie etwa bei der Herstellung ihrer Produkte anderweitig Kosten einspart oder den Inhalt bei gleicher Verpackungsgröße verringert. Der Effekt der Steuer würde damit verpuffen.

Zahl der Fettleibigen steigt weiter

Braun glaubt, dass das Adipositas-Problem am besten mit einem Mix aus verschiedenen Maßnahmen in den Griff zu kriegen ist. In den USA setzen Politiker zum Beispiel auf ein Verbot von gezuckerten Getränken in Schulen sowie auf Zuschüsse für gesunde Lebensmittel in Problemvierteln. Und erzielten damit lokal durchaus erste Erfolge. Ein weiteres denkbares Mittel im Kampf gegen Fettleibigkeit wäre eine deutliche Kennzeichnung von Lebensmitteln, die sogenannte "Ampel". Gesunde Lebensmittel wären dann grün markiert, ungesunde mit rot. Aber auch dieses Modell findet in der Politik bislang keine Zustimmung.

Gesundheitsökonom Braun glaubt nicht, dass eine Steuer auf Zucker und Fette in naher Zukunft verabschiedet wird. Dafür sei das Projekt zu umstritten und genieße bei allen Parteien zu wenig Priorität. "Vielleicht in 15 Jahren, wenn die durch die Folgen von Adipositas verursachten Kosten zu groß werden", vermutet er. DDG-Geschäftsführer Garlichs ist dagegen optimistisch, dass es schon in der nächsten Legislaturperiode soweit sein könnte, also nach der Bundestagswahl 2017. Seinem Eindruck nach nehme die Zahl der Befürworter im Gesundheitsausschuss in allen Fraktionen zu.

Die Zeit zum Handeln wäre gekommen. Das Adipositas-Problem wird nicht von selbst verschwinden. Im Gegenteil: Laut einer Studie im Journal Obesity Facts könnte die Zahl der Menschen mit Fettleibigkeit in Deutschland bis 2030 noch einmal deutlich ansteigen.



Bildnachweis: istock/Yelena Yemchuck

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