Nur wenige Studien geben Hinweise darauf, dass Bio-Lebensmittel gesünder sind. Sicher ist aber, dass der ökologische Anbau der Umwelt gut tut
Wurmstichige Äpfel gibt es auch im Naturkostgeschäft nicht. Äußerlich unterscheiden sich Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau nicht von herkömmlich hergestellter Ware. Was auffällt, ist der Preisunterschied: So ist ein Bio-Apfel etwa ein Drittel teurer, Bio-Kopfsalat kann sogar das Doppelte kosten. Viele Menschen möchten deshalb wissen: Was unterscheidet Bio-Lebensmittel von konventionellen Produkten? Lohnt sich der Mehrpreis, weil sie gesünder sind? Die Apotheken Umschau hat nachgeforscht.
In Bio steckt mehr drin
Streng wissenschaftlich lässt sich nicht eindeutig beweisen, dass Menschen gesünder leben, die nur Produkte aus Bio-Anbau essen. Dafür wären aufwendige Langzeitstudien mit vielen Teilnehmern notwendig. Doch es gibt Hinweise darauf, dass sich der Griff zu „Öko-Lebensmitteln“ auszahlt: Wenn beispielsweise Tiere die Wahl haben, entscheiden sie sich für Obst und Gemüse aus ökologischem Anbau. Das fanden Wissenschaftler vom Ludwig- Boltzmann-Institut für Ökolandbau in Wien heraus, indem sie Ratten, Hühnern und Kaninchen Bio-Produkte und herkömmlich erzeugte anboten. Die Tiere bevorzugten instinktiv das Futter, das weder Spritzmittel noch Kunstdünger enthielt. Warum, das ist den Forschern bislang unklar. Es könnte am Geschmack liegen, denn schließlich greifen auch die Feinschmecker unter den Menschen häufig zu Bio-Kost. Vielleicht nehmen die Tiere auch winzige Reste von Pflanzenschutzmitteln wahr und verschmähen deshalb die normale Kost. Langzeit- Beobachtungen erbrachten eine weitere Überraschung: Versuchstiere, die ausschließlich Bio-Gemüse fressen, haben weniger kranke und missgebildete Nachkommen.
Die „Klosterstudie“ sollte klären, ob die Umstellung der Nahrung auf Bioprodukte tatsächlich Auswirkungen hat und wenn ja, in welchem Maß. Der Koch des Franziskanerinnen- Klosters Heiligenbronn im Schwarzwald bereitete während der achtwöchigen Studienphase das Essen für 22 Nonnen nach dem üblichen Speiseplan zu. In vier der acht Wochen verwendete er biodynamisch erzeugte Lebensmittel. Die Ernährungsforscher Dr. Karin Huber und Nikolai Fuchs sammelten in jeder Phase des Experiments Daten, analysierten Blut- und Stuhlproben. Außerdem wurden die Teilnehmer alle 14 Tage nach der Häufigkeit körperlicher Beschwerden befragt. Das eindeutige Ergebnis: In der Phase der reinen Bio-Ernährung gingen die körperlichen Probleme deutlich zurück. Bei Befragungen vier Wochen nach dem Experiment war deren Häufigkeit allerdings wieder gestiegen. Darüber hinaus fanden sich im Blut der Versuchspersonen wesentlich mehr natürliche Killerzellen, die zur körpereigenen Abwehr von Viren und Bakterien beitragen.
Pestizide in Monokulturen
Auch in puncto Umwelt verbucht der ökologische Anbau eindeutig Pluspunkte: Aufgrund des Verzichts auf chemisch-synthetische Pflanzenschutz- Mittel und leicht lösliche Dünger weisen Bio-Äcker eine höhere Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren auf. Die Bewirtschaftung schützt das Grundwasser vor chemischen Belastungen und den Boden vor Erosionen. Und noch ein Aspekt spricht für Bio. Stichprobenartige Untersuchungen von Greenpeace und der Zeitschrift Ökotest ergaben, dass die in Monokulturen angebauten Früherdbeeren aus südlichen Ländern hohe Mengen an Pestiziden enthalten. Eine Untersuchung der Europäischen Union (EU) zeigte ebenfalls, dass eingesetzte Pestizide nicht immer spurlos verschwinden: Jede fünfte verkaufte Paprikaschote zum Beispiel ist über die Höchstgrenze hinaus damit belastet.
Pestizide dienen in der Landwirtschaft dazu, Pflanzen vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Fungizide etwa bewahren bei langen Transporten vor Pilzbefall, Insektizide sollen Schädlinge abtöten. Welche Auswirkungen die verwendeten Substanzen und andere Schadstoffe auf die Gesundheit haben, ist noch nicht bekannt. Die Weltgesundheits- Organisation (WHO) stuft jedoch eine Reihe von Pestiziden als möglicherweise oder wahrscheinlich krebserregend ein. Wissenschaftler haben zudem nachgewiesen, dass Pestizide das zentrale Nervensystem schädigen, das Erbgut verändern und wie Hormone wirken können.
Gefährliche „Cocktail-Wirkung“
Wie viel Pestizide in Obst und Gemüse enthalten sein dürfen, regelt die so genannte Rückstands- Höchstmengen- Verordnung. Basis für die Festlegung der Höchstwerte ist der ADI-Wert (acceptable daily intake – hinnehmbare tägliche Aufnahme). Er gibt die Menge eines Stoffes an, die (nach heutigem Wissen) ein Leben lang täglich aufgenommen werden kann, ohne dass ein Gesundheitsrisiko entsteht. Das Problem: Eine lückenlose Kontrolle gibt es nicht. Die Lebensmittelüberwachung kann immer nur Stichproben entnehmen. Und wenn dabei Ware gefunden wird, die wegen überschrittener Grenzwerte nicht verkauft werden dürfte, ist es meist schon zu spät. Zudem ist es zulässig, bis zu zehn verschiedene Pestizide einzusetzen, solange die einzelnen unter ihren jeweiligen Grenzwerten bleiben. Experten warnen vor einer „Cocktail-Wirkung“, die wissenschaftlich noch nicht untersucht wurde.
Ökologisch angebautes Obst und Gemüse enthält dagegen so gut wie keine Pflanzenschutzmittel. In 95 Prozent der Stichproben ließen sich keinerlei Rückstände nachweisen. Das ergab das aktuelle Sonderprogramm Öko-Monitoring, das seit 2002 im Rahmen der amtlichen Lebensmittel- Überwachung in Baden- Württemberg läuft.
Öko-Käufer leben sparsamer
In Deutschland wird bereits seit 1960 ökologischer Obstbau betrieben. Die Erträge sind deutlich niedriger, der Arbeitsaufwand ungleich höher. Die meiste Arbeit machen Ernte und Sortierung, Handausdünnung, Schnitt und Handhacke zur Unkrautbekämpfung zwischen den Stämmen. Dieser hohe Arbeitsaufwand hat seinen Preis: Die umweltfreundlich erzeugte Öko-Ware ist deutlich teurer.
Experten wissen: Gäbe es neben den klassischen Verkaufsstätten (etwa Supermarkt, Naturkostladen und Reformhäuser) neue Einkaufsmöglichkeiten wie
zum Beispiel Bio-Supermärkte, würden sich mehr Menschen für Bio-Produkte entscheiden. Wachsende Absatzmengen ließen dann die Preise sinken. Interessant ist, dass Haushalte, die auf Bio setzen, in der Summe doch nicht so viel Geld für das Essen ausgeben wie Haushalte, die herkömmlich hergestellte Lebensmittel kaufen. Das liegt daran, dass „Bio-Käufer“ insgesamt weniger Fleisch essen und weniger Süßigkeiten wie Chips oder Schokolade knabbern. Auch halten sie sich bei den meist teuren alkoholischen Getränken und bei Zigaretten zurück.
Wo Bio draufsteht, ist Bio drin
Damit sich nicht jeder Landwirt „Öko- Bauer“ nennen kann, gibt es Kontrollstellen, die ähnlich wie der TÜV arbeiten. Sie nehmen Öko-Produkte stichprobenartig unter die Lupe: von der Erzeugung über Vermarktung und Verpackung bis zur Etikettierung. Damit wird unter anderem vermieden, dass sich konventionelle mit Öko-Ware mischt. Bundesweit 22 Kontrollstellen sind sowohl im öffentlichen als auch im Auftrag der Anbauverbände (zum Beispiel Demeter, Bioland, Naturland, Ökosiegel und Biopark) unterwegs.
Die EG-Ökoverordnung schreibt vor, dass die Betriebe mindestens einmal jährlich kontrolliert werden. Dabei legt der Landwirt sämtliche Dokumente vor. „Der Öko-Bauer muss über Saatgut, Anbau- und Aufzuchtmittel Auskunft geben“, sagt Andreas Löber vom Kontrollverein ökologischer Landbau e.V. in Karlsruhe.
Anschließend sieht sich der Kontrolleur die Anbauflächen an. „Untypische Wuchsformen von Unkraut sind beispielsweise ein Hinweis, dass unerlaubte Düngemittel eingesetzt wurden“, erklärt Martin Rombach, Leiter der Karlsruher Prüfstelle. „Im Verdachtsfall entnimmt der Inspektor Proben, die anschließend im Labor untersucht werden. Bei Verstößen droht dem Öko-Bauern im schlimmsten Fall die Schließung seines Betriebs.“ Damit der Eigentümer und seine Unterlagen bei der Prüfung auch vor Ort sind, wird der Termin angekündigt. Es gibt daneben aber auch unangekündigte Besuche. Ist ein Landwirt zugleich Mitglied eines Anbauverbandes, überprüft der Kontrolleur zusätzlich die Einhaltung der jeweiligen Richtlinien. Die Anbauverbände verbieten zum Beispiel den Einsatz tropischer Hölzer zum Stützen von Bäumen. Die Vorschriften der Verbände sind also strenger als die EG-Verordnung.
Bio für Einsteiger
Sie möchten Bio-Lebensmittel einmal ausprobieren? Dann kaufen Sie zum Beispiel Ihr Frühstücksmüsli in Öko-Qualität. Dafür müssen Sie nicht extra zum Naturkostladen fahren. Bio-Lebensmittel wie Getreide, Obst, Gemüse, Milchprodukte, Kaffee oder Schokolade erhalten Sie mittlerweile auch in vielen Supermärkten. Je nach Angebot und Jahreszeit können Sie dann weitere Gemüse- oder Obstsorten in Ihren Speiseplan aufnehmen. Bio gibt es sicher auch in Ihrer Nähe: In einem Hofladen, der einem Bio-Hof angeschlossen ist, auf dem Wochenmarkt, in einem Naturkostladen oder im Reformhaus. Wer nicht selber einkaufen gehen kann oder möchte, kann sich von einem Lieferservice (Abo-Kiste) frisches Obst und Gemüse ins Haus bringen lassen.
Apotheken Umschau