Dicht an dicht sprießen die winzigen Algenkeimlinge auf speziellen Leinen in den Wasserbecken der Sylter Algenfarm. Sobald die bräunlich schimmernden Pflänzchen etwa einen Millimeter groß sind, setzt Klaus Lüning sie in mit Meerwasser gefüllte Tanks aus, wo sie weiterwachsen können.
Im Juni, wenn sie etwa einen halben bis einen Meter lang sind, erntet der frühere Professor für Meeresbotanik die Wasserpflanzen. Sein Ertrag liegt bei etwa einer Tonne pro Saison – Rotalgen für Kosmetikprodukte und Zuckertang zum Verzehr.
Die essbaren Algen liefert Lüning, der seit seiner Pensionierung eine Algenfarm betreibt, tiefgekühlt an Restaurants und Feinkostgeschäfte auf Sylt und dem Festland. „Die Leute mögen den dezent salzigen Geschmack nach Meer.“ Das Meeresgemüse ist zudem reich an Eiweißen, Vitaminen, Mineralstoffen, essenziellen Fettsäuren und Spurenelementen.
In Asien und europäischen Küstenregionen wird es deshalb seit Jahrtausenden frisch oder getrocknet verspeist. Was für Küstenanrainer ein kulinarischer Genuss ist, kann allerdings für empfindliche Personen gesundheitliche Risiken bergen. Bewohner küstenferner Regionen und Menschen mit Schilddrüsenproblemen sollten deshalb keine Algen mit hohem Jodgehalt verzehren.
Aus diesem Grund lässt Klaus Lüning seine Jungalgen nur ein halbes Jahr wachsen, bevor er sie erntet. „Der Jodgehalt ist dadurch deutlich reduziert.“ Dennoch sollten auch diese Algen nur in geringen Mengen gegessen werden. „3 Gramm Frischalgen oder 7,5 Gramm Tiefkühlalgen pro Tag sind genug“, rät Klaus Lüning. Dies entspreche einer Algenfläche von 8 mal 8 beziehungsweise 13 mal 13 Zentimetern.
Nicht nur als Frischgemüse, auch bei der industriellen Produktion von Nahrungsmitteln spielen Algen eine wichtige Rolle. Unter der Bezeichnung E 407 werden Bestandteile der Glibberpflanzen Lebensmitteln zugesetzt. Carrageen aus Rotalgen etwa verdickt Sahne und Salatsoßen, Pudding und Joghurt. Alginat (E 400) und Agar-Agar (E 406) dienen als Geliermittel und geben Süßspeisen und Gummibärchen Form.
Die nützlichen Stoffe bestehen aus langkettigen Kohlenhydraten, sogenannten Polysacchariden, welche die Zellwände bestimmter Algenarten stabilisieren. Diese Substanzen finden deshalb auch bei der feuchten Wundbehandlung Anwendung, zum Beispiel in Gelpflastern und -auflagen.
Bei Hautpflegepräparaten mit Algenextrakten wird ebenfalls auf die feuchtigkeitsanreichernde Wirkung der Meerespflanzen gesetzt. In einzelnen Studien deutet sich an, dass einige Rot- und Braunalgenarten sogar antibakterielle und antivirale Effekte haben können.
Aber auch der Markt der Nahrungsergänzungsmittel aus der Blaualge Spirulina und der Grünalge Chlorella boomt. Sie sollen den Organismus „entgiften“ und das Immunsystem stärken. Allerdings gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über einen gesundheitlichen Nutzen der Präparate. „Die Anbieter werben mit nebulösen Vitalstoffen, ohne konkrete Substanzen nennen zu können“, kritisiert Professor Peter Kroth, Vorstand der Sektion Phykologie in der Deutschen Botanischen Gesellschaft.
Präparate aus Mikroalgen, die in ihrem natürlichen Lebensraum wachsen und dort geerntet werden, könnten zudem Toxine von Blaualgen (= Cyanobakterien) enthalten. „Diese sogenannten Mikrocystine verursachen Leber- und Nervenschäden“, warnt der Algen-Experte.
Im Ökosystem der Ozeane, aber auch in Flüssen und Seen übernehmen die fast 400.000 Algenarten wichtige Funktionen. Sie filtern beispielsweise Phosphate und andere Mineralsalze aus dem Wasser, sind Grundnahrungsmittel für Fische, Krebse und andere Meeresbewohner.
„Manche Algenarten bilden riesige Unterwasserwälder, die Schutzzone, Rückzugsgebiet und Kinderstube für eine Reihe von Tierarten sind“, erläutert Professor Christian Wiencke, Leiter der Abteilung Makroalgen- Biologie am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.
Indem sie wie Pflanzen Photosynthese betreiben, sind Algen auch für ein stabiles Klima unverzichtbar. „Sie binden Kohlenstoffdioxid aus der Luft und stellen daraus Sauerstoff sowie Zucker und andere energiereiche Substanzen her“, erklärt Peter Kroth.
Wegen ihres hohen Fettgehalts könnten Arten wie die Mikroalge Botryococcus braunii bald eine ergiebige Quelle für Biokraftstoffe sein. Erste Experimente mit Algen, die in speziellen Bioreaktoren gezüchtet werden, sind vielversprechend. „Es wird allerdings noch 10 bis 20 Jahre dauern, bis die Ausbeute an Algensprit den energetischen Aufwand für die Kultivierung und Ernte der Algen übertrifft“, prognostiziert Kroth.
Einen anderen Ansatz verfolgt das Team um Professor Dieter Hanelt von der Universität Hamburg. Die Wissenschaftler züchten in einem Großversuch Mikroalgen in den Abgasen von Kraftwerken. Das Kohlendioxid, das in diesen Anlagen durch Verbrennung entsteht, lässt die Algen in den Bioreaktoren kräftig wachsen.
Ute Essig / Apotheken Umschau;
10.02.2012
Bildnachweis: Superbild/BSIP, Wildlife/J.Freund
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