Ergotherapie: Üben für den Alltag

Die Ergotherapie fördert die Handlungsfähigkeit kranker oder verletzter Menschen. Sie soll den Patienten helfen, bei alltäglichen Tätigkeiten zurechtzukommen
von Dr. med. Dagmar Schneck, aktualisiert am 23.12.2016

Zur Ergotherapie gehört auch das Trainieren der Feinmotorik, zum Beispiel nach einem Schlaganfall

Your Photo Today/CHASSENET/BSIP

Ergotherapeuten begleiten Menschen jeden Alters, die durch Krankheit, Behinderung oder Alter Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben haben. Die Ergotherapie soll die Selbständigkeit der betroffenen Menschen erhöhen, so dass sie ihren Alltag in Beruf, Schule und Familie wieder so unabhängig wie möglich bewältigen können.

Im Rahmen der Rehabilitation, also der Wiedereingliederung nach Erkrankungen und Unfällen, gehört die Ergotherapie gemeinsam mit der Physiotherapie und Logopädie zu den wichtigsten Heilmitteln. Heilmittel sind laut der Definition des Sozialgesetzbuches äußerliche Behandlungsmethoden, die ein Arzt zur Behandlung bestimmter Erkrankungen verordnen kann.

Auch Kinder mit Konzentrationsstörungen können von einer Ergotherapie profitieren

W&B/Forster und Martin

Welche Krankheitsbilder machen eine Ergotherapie nötig?

Zahlreiche Krankheitsbilder führen dazu, dass Fähigkeiten verloren gehen oder sich bei Kindern nur unzureichend ausbilden. Eine starke Einschränkung der Handlungsfähigkeit können zum Beispiel Schlaganfälle mit einer halbseitigen Lähmung oder Unfälle mit dem Verlust von Extremitäten oder einer Querschnittslähmung verursachen. Auch rheumatische Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder verschiedene neurologische und psychiatrische Erkrankungen können die Betroffenen erheblich einschränken. Weitere Zielgruppen für ergotherapeutische Ansätze sind Menschen mit Demenzerkrankungen und Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten. Zunehmend setzt man die Ergotherapie auch in der Primärprävention ein, also der Gesundheitsförderung und dem Vorbeugen von Krankheit und Funktionsverlust.

Wo findet eine Ergotherapie statt?

Ergotherapie wird zum Beispiel in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken angewandt. Oft findet sie auch ambulant in einer Praxis für Ergotherapie statt. Ein Arzt muss die Ergotherapie als Heilmittel verordnen. Für welche Erkrankungen und in welchem Umfang er eine ambulante Behandlung verordnen kann, regelt der Heilmittelkatalog der gesetzlichen Krankenkassen.

Wie sieht eine ergotherapeutische Behandlung aus?

Am Beginn einer Ergotherapie steht die ergotherapeutische Diagnostik. Für seinen Befund befragt der Ergotherapeut den Patienten und/oder seine Angehörigen zu den vorhandenen Einschränkungen. Zusätzlich verwendet er standardisierte Fragebögen. Weitere Informationen erhält er, indem er den Patienten beobachtet, eventuell körperlich untersucht und mit ihm standardisierte Tests durchführt.

Die Behandlung ist an die Bedürfnisse des jeweiligen Menschen angepasst und die Zielsetzung wird gemeinsam mit dem Patienten festgelegt. Sie kann in einer Gruppe stattfinden oder als Einzeltherapie. Eine große Rolle spielt auch die Einbeziehung der Angehörigen. Nachfolgend einige Beispiele:

Die Ergotherapeutin macht Besteck mit Hilfe von Schaumgummi griffiger

F1online/Imagebroker

Ergotherapie bei Einschränkungen des Bewegungsapparates

Der Ergotherapeut unterstützt zum Beispiel Menschen, die Gliedmaßen verloren haben oder sie aufgrund einer Erkrankung nicht mehr benutzen können. Mit verschiedenen Maßnahmen versucht er, die verlorenen Fähigkeiten des Patienten auszugleichen beziehungsweise zu ersetzen. Dazu gehört zum Beispiel das Umlernen des Bewegungsverhaltens, ohne dass der Patient dabei eine krankhafte Fehlbelastung entwickelt. Teil der Therapie ist oft das gezielte Einüben von Aktivitäten des täglichen Lebens. Dazu gehören zum Beispiel Anziehen, Essen und Körperpflege. Auch die Umgebung eines Menschen beeinflusst seine Handlungsfähigkeit wesentlich. Daher unterstützt der Ergotherapeut den Patienten nicht nur dabei, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu verbessern. Er gibt außerdem Hilfestellungen und Anregungen, wie die Umgebung an die Bedürfnisse des Betroffenen angepasst werden kann. Der Patient erlernt mit der Hilfe des Egotherapeuten auch den richtigen Umgang mit Hilfsmitteln, zum Beispiel mit dem Rollstuhl, mit Prothesen, Schreibhilfen und Toilettengriffen.

Ergotherapie bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten

Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten können in einer Ergotherapie erlernen, sich selbst besser zu organisieren. Dabei setzt der Therapeut beispielsweise verhaltenstherapeutische Ansätze, Konzentrationsübungen oder Verfahren zum Training der Sozialkompetenz ein.

Ergotherapie bei Menschen mit Demenzerkrankungen

Ganz andere Bedürfnisse haben Menschen mit Demenzerkrankungen. Bei ihnen sollen die Maßnahmen die vorhandenen Fähigkeiten so lange wie möglich erhalten und die Auswirkungen der Krankheit möglichst lange hinauszögern. Dazu gehört oft eine Anpassung der Umgebung zu Hause. Außerdem sollten die Betroffenen Strategien erlernen, wie sie mit dem Nachlassen des Gedächtnisses umgehen können. Wichtig ist es auch, die Angehörigen in die Behandlung einzubeziehen. In einem fortgeschritteneren Stadium übt der Therapeut mit dem Patienten bestimmte Bewegungen ein oder stimuliert bewusst die Sinneswahrnehmungen, um den geistigen und körperlichen Abbauprozess zu verlangsamen.

Dieses Schraubenspiel dient zur Verbesserung der Koordination der Handbewegungen

Fotolia/Fontanis

Ergotherapie zur Wiedereingliederung ins Berufsleben

Eine Aufgabe der Ergotherapie besteht auch darin, Menschen mit Einschränkungen wieder in das Berufsleben einzugliedern. Dazu beurteilt der Ergotherapeut anhand eines festgelegten Verfahrens, welche Fähigkeiten ein Mensch besitzt. Anschließend vergleicht er das Ergebnis mit dem Profil an Anforderungen an einem bestimmten Arbeitsplatz (Klassifizierung nach MELBA: Merkmalsprofile zur Eingliederung Leistungsgewandelter und Behinderter in Arbeit). Anhand dieser Profile kann der Therapeut entscheiden, ob ein bestimmter Arbeitsplatz für eine Person geeignet ist oder nicht.

Mit diesen und weiteren Methoden können Ergotherapeuten ihren Patienten und oft auch deren Angehörigen helfen, körperliche oder geistige Einschränkungen auszugleichen. Damit ist es ihnen möglich, weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und ihre Lebenssituation bestmöglich zu meistern.

Wie sieht die Ausbildung zum Ergotherapeuten aus?

Ergotherapeuten benötigen in besonderem Maße Einfühlungsvermögen, Geduld und Verantwortungsbewusstsein. Außerdem müssen Ergotherapeuten auch physisch und psychisch gut belastbar sein. Ihre Ausbildung umfasst medizinische Grundlagen, sowie Kenntnisse in Psychologie und Pädagogik. Sie müssen die in der Ergotherapie üblichen Verfahren erlernen. Teil der Ausbildung sind auch mehrere praktische Abschnitte in der Ergotherapie. Neben der Ausbildung an Berufsfachschulen ist auch ein Studium möglich, zudem gibt es auch ausbildungsbegleitende Studiengänge. Die meisten Ergotherapeuten spezialisieren sich im Anschluss an ihre Ausbildung auf bestimmte Gebiete.

Arnd Longrée, Ergotherapeut

W&B/Privat

Beratender Experte: Arnd Longrée, Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e. V. (DVE) und u.a. Sprecher des Fachbeirates des länderübergreifenden elektronischen Gesundheitsberuferegisters (eGBR). Gemeinsam mit seiner Ehefrau Christel Longrée führt er eine Praxis für Ergotherapie in Wuppertal-Elberfeld.

Quellen:
1. Webseite des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten. Online: https://dve.info/ (Abgerufen am 10.11.2016)
2. Ergotherapie - Was bietet sie heute und in Zukunft? Online: www.dachs.it/de/kap-1.php (Abgerufen am 10.11.2016)
3. Deutsche Therapeutenauskunft: Was ist Ergotherapie? Online: www.deutsche-therapeutenauskunft.de/therapeuten/ergotherapie/was-ist-ergotherapie (Abgerufen am 10.11.2016)
4. Verein für kongnitive Rehabilitation, Information für Patienten. Online: www.perfetti-konzept.com/download/vfcr_flyer_patienteninfo_2012.pdf (Abgerufen am 10.11.2016)
5. Gutenbrunner C, Glaesener J: Rehabiltation, Physikalische Medizin und Naturheilverfahren, Heidelberg Springer Medizin Verlag 2007
6. Alles über die Ausbildung zum staatliche anerkannten Ergotherapeuten. Online: www.ergotherapie-ausbildung.de/Ergotherapie-Schule/frage/regelung-ausbildung-ergotherapie (Abgerufen am 10.11.2016)


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



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