Kälteschäden: Wie Sie richtig reagieren

Wer zu lange niedrigen Temperaturen ausgesetzt ist, riskiert eine Erfrierung oder Unterkühlung. Typische Ursachen, was Sie im Ernstfall tun sollten, wie Sie vorbeugen
von Dr. Martina Melzer, aktualisiert am 24.03.2016

Be eisigen Temperaturen müssen Sie sich gut einpacken. Sonst kann es beispielsweise an der Nase zu Erfrierungen kommen

F1online/Naturbild/RYF

Bergsteiger, die die höchsten Berge der Welt erklommen haben, kehren öfter mit Erfrierungen heim. Doch Finger, Fußzehen und Nasenspitze erfrieren nicht erst bei Temperaturen von minus 30 Grad Celsius. Schon bei Temperaturen um den Gefrierpunkt können Kälteschäden auftreten – wenn die passenden Faktoren zusammenkommen.

Definition: Was ist eine Erfrierung, was eine allgemeine Unterkühlung?

Eine Erfrierung (Congelatio) ist ein örtlicher Kälteschaden, der eng begrenzt ist. Am häufigsten treten Erfrierungen an den Fingern, den Zehen, den Ohren und der Nase auf. Von einer allgemeinen Unterkühlung (Hypothermie) sprechen Ärzte, wenn der ganze Organismus betroffen ist. Die Körpertemperatur kann dabei auf deutlich unter 35 Grad Celsius absinken. Normalerweise liegt sie bei zirka 37 Grad Celsius.


Wie kommt es dazu? Wird der Körper der Kälte ausgesetzt und kühlt aus, versucht er dem entgegenzuwirken. Er drosselt die Wärmeabgabe und erhöht die Wärmebildung. Mehr Wärme erzeugt der Organismus, indem er die Muskeln arbeiten lässt – wir zittern.

Die Wärmeabgabe steuert er hauptsächlich über den Blutfluss in der Haut. Die Blutgefäße in den Extremitäten – also in Armen und Beinen – verengen sich, wodurch dort die Durchblutung abnimmt. Dadurch verliert der Körper weniger Wärme und lenkt zugleich mehr Blut in Richtung Körperstamm – ein überlebenswichtiger Vorgang. So werden Organe wie Gehirn, Herz und Lunge ausreichend mit Blut versorgt und warm gehalten. Je mehr jedoch der Blutfluss in den Extremitäten abnimmt, desto eher leiden sie unter der Kälte. Es kann zu lokalen Erfrierungen an Fingern und Fußzehen kommen. Verliert der ganze Organismus mehr Wärme als er bilden kann, sinkt die Körpertemperatur und es kommt zur allgemeinen Unterkühlung.

Ursachen: Welche typischen Auslöser gibt es? Wer ist häufiger betroffen?

Besonders schnell kühlt der Körper aus, wenn Sie ins kalte Wasser fallen. Dies kann zum Beispiel beim Schlittschuhlaufen auf einem vermeintlich zugefrorenen See passieren. Auch wenn ein Skifahrer von einer Lawine verschüttet wird oder ein Bergsteiger in eine Gletscherspalte stürzt, kann er stark auskühlen. Neben Feuchtigkeit setzt vor allem Wind dem Organismus zu und ist ein gefährlicher Risikofaktor. Der Wind bläst die schützende warme Luftschicht um den Körper beziehungsweise aus der Kleidung weg. Dadurch liegt die gefühlte Hauttemperatur deutlich unter der gemessenen Lufttemperatur ("Wind-Chill-Effekt") und die Wärmeverluste steigen. Sind dann Hände, Gesicht oder Füße nicht ausreichend vor der Kälte geschützt, kann es besonders leicht zu Erfrierungen kommen. Zu enge oder feuchte Kleidungsstücke beziehungsweise Schuhe begünstigen dies ebenfalls.

Es gibt Faktoren, die das Risiko für eine Erfrierung und / oder Unterkühlung erhöhen. So sind kleine Kinder und alte Menschen häufiger davon betroffen. Auch Rauchen, Durchblutungsstörungen, Diabetes, bestimmte Medikamente, Unterernährung oder Erschöpfung wirken sich negativ aus. Alkohol ruft zwar zunächst ein wärmendes Gefühl im Körper hervor. Da durch das Getränk aber die Gefäße weitgestellt werden, verliert der Organismus letztendlich noch mehr Wärme. Außerdem nimmt man unter Alkoholeinfluss die Kälte nicht so wahr. Deshalb im Freien keinen Schnaps trinken und dann im Kalten stehen! Ob Piercings aus Metall zu Erfrierungen führen können, ist umstritten und hängt wohl vom Ort und der Größe des Piercings ab. Wer bei eisigen Temperaturen mit ungeschützten Händen zum Beispiel an ein Metallgeländer fasst, kann allerdings einen Kälteschäden davontragen. Die Haut kann manchmal sogar am Metall anfrieren beziehungsweise festkleben.


Eine Erfrierung dritten Grades äußert sich unter anderem durch blauschwarze Verfärbungen der Haut

Getty Images/Creative/National Geographic

Symptome: Woran erkennen Sie eine Erfrierung, woran eine Unterkühlung?

Jede Erfrierung äußert sich anfangs wie eine Erfrierung ersten Grades:

  • Erfrierung Grad 1: Die betroffene Hautstelle sieht blass aus, teilweise ist sie auch grau-weiß oder gelb-weiß verfärbt. Die Haut ist hart, kalt und ohne Gefühl. Erwärmt sich die Haut wieder, rötet sie sich und schmerzt heftig.
  • Erfrierung Grad 2: Es bilden sich (zum Teil blutgefüllte) Blasen und die erfrorene Stelle wird rot-bläulich.
  • Erfrierung Grad 3: Schwere Erfrierungen äußern sich – allerdings erst spät – durch eine blauschwarze Verfärbung der Haut. Auch das darunter gelegene Gewebe stirbt ab (Nekrose). Die derart geschädigten Stellen heilen nicht mehr und der betroffene Körperteil muss unter Umständen amputiert werden. Wie schlimm eine Erfrierung ist, lässt sich teilweise erst nach einigen Tagen beurteilen.

Auch bei einer allgemeinen Unterkühlung unterscheiden Ärzte verschiedene Stadien:

  • Unterkühlung Stadium 1: Es beginnt mit Muskelzittern, der Betroffene atmet tief und der Puls ist erhöht (Körpertemperatur: 35 bis 32 °C).
  • Unterkühlung Stadium 2: Sinkt die Temperatur im Körper weiter ab, wird die Funktion des Gehirns beeinträchtigt. Die Muskeln sind steif, der Betroffene ist schläfrig und kaum noch ansprechbar (Körpertemperatur: 32 bis 28 °C).
  • Unterkühlung Stadium 3: Es besteht Lebensgefahr. Der Patient ist bewusstlos, der Puls lässt sich kaum ertasten. Bei einer Körpertemperatur von unter 24 Grad Celsius kommt es zum Atem- und Kreislaufstillstand.

Bei einer schweren Unterkühlung mit Atem- und Kreislaufstillstand tritt der Hirntod jedoch deutlich später ein, als in anderen Fällen von Kreislaufversagen. Der Grund: Vereinfacht gesagt kann das Gehirn bei niedrigen Temperaturen länger überleben, weil der Stoffwechsel bei der extremen Unterkühlung verlangsamt abläuft. Experten warnen darum: Manche Betroffene wirken wie (schein-)tot, können aber mit einem minimalen Kreislauf – wie beim Winterschlaf der Tiere – immer noch am Leben sein. Deshalb im Zweifel immer Wiederbelebungsmaßnahmen vornehmen und dabei versuchen, die Arme und Beine des Verletzten nur wenig zu bewegen!

Erste Hilfe: Die richtigen Maßnahmen bei Erfrierung und allgemeiner Unterkühlung

Wichtig: Da Sie als Laie womöglich nicht erkennen können, wie schlimm eine Erfrierung ist oder ob der Betroffene auch unterkühlt ist, sollten Sie als erstes den Notruf 112 tätigen.

Erfrierung: Ist der Betroffene normal ansprechbar, zittert und hat vermutlich erfrorene Finger oder Fußzehen, dann sollten Sie ihn zuerst an einen warmen Ort bringen – zum Beispiel in eine Berghütte oder ins beheizte Auto. Anschließend behutsam Schmuck und nasse Kleidung ausziehen und die erfrorenen Körperteile vorsichtig erwärmen. Hierzu eignet sich am besten ein Wasserbad mit körperwarmem, nicht zu heißem Wasser. Gießen Sie ständig warme Flüssigkeit nach – insgesamt  maximal eine halbe Stunde. Tauen dabei Finger oder Fußzehen wieder auf, kann dies sehr weh tun und erfordert gegebenenfalls sogar die Einnahme von Schmerzmitteln. Zuletzt die betroffenen Hautbereiche mit einem sterilen lockeren Verband einwickeln – jeden Finger und jede Zehe einzeln. Steht kein warmes Wasser zur Verfügung, kann es helfen, die kalten Finger in die Achselhöhlen zu stecken oder warme Hände auf erfrorene Stellen im Gesicht zu legen.

Vorsicht: Erfrorene Körperteile nicht mit Schnee einreiben. Keine Blasen öffnen, dies kann zu Infektionen führen. Der Betroffene sollte nicht rauchen, da dies die Blutgefäße verengt. Betreffende Stellen vorsichtshalber nicht massieren, da dies bei schwereren Erfrierungen schaden kann. Die Haut nicht mit trockener oder zu starker Hitze erwärmen – also zum Beispiel durch einen Fön, ein Heizkissen, Lagerfeuer oder an der Heizung. Da die erfrorene Haut ohne Gefühl ist, kann es zu Verbrennungen kommen. Befindet sich der Verletzte im Freien und muss dort bis zur Rettung bleiben, dann besser nicht versuchen, die erfrorenen Gliedmaßen zu erwärmen. Denn: Friert das Gewebe erneut ein, kann es schwer beschädigt werden. Eine wärmende Decke und trockene Kleider empfehlen sich aber in jedem Fall.

Allgemeine Unterkühlung: Wer leicht unterkühlt ist, also unter anderem zittert, aber normal ansprechbar ist, der sollte sofort vor der Kälte geschützt werden. Die allgemeine Unterkühlung ist viel gefährlicher als eine lokale Erfrierung und muss deshalb zuerst und effektiv behandelt werden. Rufen Sie die 112 an. Bringen Sie den Verletzten dann – wenn möglich – an einen warmen Ort. Ist die Kleidung nass, ziehen Sie diese dort aus. Packen Sie den Betroffenen in Decken ein, ziehen Sie ihm eine Mütze über den Kopf. Warme gezuckerte Getränke (ohne Alkohol!) helfen, den Körper wieder aufzuwärmen. Können Sie den Verletzten nicht ins Warme bringen, dann schützen Sie ihn vor Wind und dem kalten Untergrund (zum Beispiel durch eine Rettungsfolie oder Decke). Ist der Patient schläfrig oder verwirrt, dann decken Sie ihn zu, bewegen ihn möglichst wenig und warten Sie auf den Rettungsdienst. Hat der Betroffene das Bewusstsein verloren und atmet nicht, dann nehmen Sie eine Herzdruckmassage vor. Wie das geht, sehen Sie in unserem Video: Erste Hilfe bei Herzstillstand.

Vorsicht: Ist der Patient kaum noch bei Bewusstsein und zittert nicht mehr, dann versuchen Sie nicht, ihn aufzuwärmen. Also weder massieren noch auf andere Weise Wärme zuführen. Ist der Körper bereits zu sehr unterkühlt, kann es dadurch zum sogenannten Bergungstod kommen. Kaltes Blut aus den Gliedmaßen kann sich mit warmem Blut aus dem Körperstamm vermischen und zum Kreislaufschock führen. Allerdings gilt auch hier: eine warme Decke hilft ebenso wie das Wechseln nasser Kleidung.

Vorbeugen: Wie können Sie eine Erfrierung oder Unterkühlung vermeiden?

Ziehen Sie sich warm genug an, wenn Sie länger in der Kälte unterwegs sind! Tragen Sie mehrere Schichten aus Funktionskleidung ("Zwiebelprinzip"), die wärmt und schnell trocknet, wenn Sie Sport treiben. Wechseln Sie rechtzeitig feuchte Shirts oder Pullis gegen trockene Wäsche. Fäustlinge halten die Hände bei kalten Temperaturen besser warm als Fingerhandschuhe. Vergessen Sie nicht die Mütze – über den Kopf verliert der Körper besonders viel Wärme. Die Schuhe dürfen nicht zu eng sein, da sonst die Durchblutung der Füße behindert wird. Kaufen Sie Winterstiefel deshalb lieber eine Nummer größer und ziehen dicke Socken an.

Stehen Sie nicht für längere Zeit im kalten Wind, ohne sich zu bewegen. Nehmen Sie auf Bergtouren eine Thermoskanne mit Tee mit oder kehren Sie beim Skifahren in eine Berghütte ein, um sich aufzuwärmen. Wenn Sie an Durchblutungsstörungen wie dem Raynaud-Syndrom leiden oder an anderen Krankheiten, die mit eingeschränkter Durchblutung oder herabgesetztem Schmerzempfinden einhergehen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt, bevor Sie eine längere Tour in die Kälte planen.


Was sind Frostbeulen?

Frostbeulen sind keine Erfrierung, obwohl sie ähnlich aussehen und auch durch Kälteeinwirkung entstehen. Unter Frostbeulen (Perniones) versteht man juckende bis schmerzhafte Schwellungen unter der Haut, die durch wiederholte Einwirkung von Kälte und Feuchtigkeit entstehen. Sie führen anfangs zu blau-roten Hautverfärbungen, später schwillt die Haut an und kann Blasen bilden. Frostbeulen treten häufig bei mäßig kalten Temperaturen auf, wie sie im Herbst herrschen. Ursache ist vermutlich eine gestörte Funktion von Blutgefäßen. Meist heilen sie innerhalb von wenigen Wochen von alleine ab.


W&B/Privat

Unsere Experten:

Dr. Walter Treibel, Sportmediziner und Spezialist für Bergmedizin aus München


W&B/Wolf Heider-Sawall

 

Dr. Walter Russ, Betriebsmediziner in Vilsheim


Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.


Quellen:

Online-Informationen des NIH (US-National Institutes of Health)

Online-Informationen des Deutschen Roten Kreuzes

Online-Informationen des US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention



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