Blutgerinnung

Zusammenfassung:
Eine wesentliche Eigenschaft des Blutes ist die Fähigkeit, bei Bedarf zu gerinnen. Das heißt, innerhalb oder außerhalb des Blutgefäß-Systems vom flüssigen in einen festen Zustand überzugehen.



Wie funktioniert die Blutgerinnung?

Die Blutgerinnung ist lebensnotwendig, wenn es durch Verletzungen von Organen, Muskeln, Bändern, Knochen oder Gelenken zu inneren Blutungen oder Blutergüssen kommt, oder wenn z. B. durch Stich- oder Schnittwunden äußere Blutungen entstehen. Um diese Blutungen zu stillen, bilden sich so genannte Blutgerinnsel (medizinisch: Thromben), das heißt, an der Stelle der Verletzung entsteht ein fester Blutpfropfen.
An diesem Vorgang sind das Gefäßsystem (die Innenwand der Blutgefäße), die Blutplättchen (medizinisch: Thrombozyten) und die so genannten Gerinnungsfaktoren beteiligt (die einzelnen Gerinnungsfaktoren werden mit römischen Zahlen, F I - XIII, bezeichnet). Im Rahmen der nachfolgenden Wundheilung wird das Blutgerinnsel wieder aufgelöst, und die Inhaltsstoffe werden durch Fresszellen abtransportiert.
Nach einer Verletzung setzt in 2 bis 5 Minuten eine vorläufige Blutstillung durch Bildung eines Blutplättchengerinnsels (medizinisch: Plättchenthrombus) ein. Die Verfestigung dieses Thrombus ist ein sehr komplizierter Vorgang, bei dem ebenso wie an der Bildung des Plättchenthrombus selbst die Gerinnungsfaktoren eine entscheidende Rolle spielen. Er dauert etwa 30 Minuten.
Durch die Verfestigung bildet sich der so genannte rote Fibrinthrombus. Dieser besteht aus Blutplättchen, roten und weißen Blutkörperchen und Fibrin, einem Eiweißstoff (medizinisch: Protein). Eine große Zahl von Gerinnungsfaktoren wirkt im Sinne einer Kaskade mit aufeinander folgender Verstärkung so zusammen, dass aus löslichen Eiweißstoffen schlussendlich ein netzartiges Geflecht aus Eiweißfäden entsteht. Dieses ist die Basis des Gerinnsels, in das dann noch Blutplättchen und rote Blutkörperchen als "Füllmaterial" eingeschlossen werden. Durch Zusammenziehen des Fibrinnetzes verkleinert sich die Wunde. Zur Verhinderung einer dauernden Aktivierung der Gerinnung, das ein übermäßiges Thrombuswachstum zur Folge hätte, werden überschüssige aktivierte Gerinnungsfaktoren anschließend wieder inaktiviert. Danach wandern die Vorstufen der Bindegewebszellen (medizinisch: Fibroblasten) ein und verschließen die Wunde endgültig. Man unterscheidet noch einen "inneren" und einen "äußeren" Teil des Gerinnungssystems. Das "äußere" Gerinnungssystem wird aktiv bei der Öffnung von Blutgefäßen, sei es durch Verletzungen oder durch Operationen.
Das "innere" Gerinnungssystem wird aktiv bei Erkrankungen der Blutgefäße selbst. In den Venen kann es durch Stauung des Blutes (z. B.: Krampfadern) zur Aktivierung des Gerinnungssystems kommen, es entsteht ein Blutgerinnsel (medizinisch: Thrombose). In den Arterien kann es durch Gefäßverkalkung (medizinisch: Arteriosklerose) zur Schädigung der Gefäßinnenwand kommen. An den geschädigten Stellen kann sich ebenfalls ein Blutgerinnsel anlagern und manchmal das Gefäß ganz verstopfen. Dieser Mechanismus liegt zum Beispiel dem Entstehen eines Herzinfarktes oder eines Raucherbeines (Durchblutungsstörungen der Extremitäten) zugrunde.
Durch die Fähigkeit des Körpers, Blutgerinnsel auch wieder aufzulösen, können Blutgerinnsel vom Ort ihrer Entstehung abgelöst und mit dem Blutstrom verschleppt werden. Dadurch ist es möglich, dass auch Gefäße in entfernt liegenden Organen verstopfen. Dieser Vorgang wird medizinisch als Embolie bezeichnet. Gerinnsel aus den Beinvenen verursachen die oft lebensgefährlichen Embolien in den Lungengefäßen (Lungenembolie), Gerinnsel von den Herzklappen oder aus der Hauptschlagader können schwerwiegende Embolien in den Gefäßen, zum Beispiel von Gehirn oder Nieren, verursachen.

Labormedizinische Untersuchungen

Es werden routinemäßig vier verschiedene Untersuchungen durchgeführt:

Zählung der Blutplättchen (Thrombozytenzählung)
Prothrombinzeit (PTZ)
Aktivierte Partielle Thromboplastinzeit (aPTT)
Fibrinogen

Um im Labor diese Untersuchung durchführen zu können, darf das vom Patienten abgenommene Blut im Blutröhrchen nicht gerinnen. Dies erreicht man durch die irreversible Deaktivierung des freien Kalziums im Blut. Dieses ist nämlich für den Ablauf der Blutgerinnung unbedingt erforderlich. Im Blutabnahmeröhrchen befindet sich deshalb eine dafür geeignete chemische Substanz. Das so vorbereitete Blut wird im Labor in der Zentrifuge in Zellen und überstehendes Plasma getrennt. Aus dem Plasma werden die Prothrombinzeit (PTZ), die aktivierte Partielle Thromboplastinzeit (aPTT) und das Fibrinogen bestimmt.

Neben den vier hier vorgestellten Analysen gibt es auch noch andere "Gerinnungstests", die aber hauptsächlich für ganz spezielle klinische Fragestellungen benutzt werden.

Thrombozytenzählung
Referenzbereich: 150.000 - 400.000 / mm3
Die zuverlässigste Art der Zählung der Blutplättchen ist die sogenannte Kammerzählung mit einem speziellen Mikroskop (dem Phasenkontrastmikroskop). Meist wird zuerst eine automatische, elektronische Zählung mit einem Zählgerät durchgeführt. Bei Werten unter 50 000 Thrombozyten liefern diese Geräte jedoch ungenaue Befunde, so dass in diesen Fällen eine Kammerzählung angeschlossen wird. 
Bei Werten unter 30.000 / mm3 ist die Blutgerinnung so weit gestört, dass es zur Blutungsneigung insbesondere im Bereich der Haut und Schleimhäute kommen kann.

Prothrombinzeit (PTZ, Quick-Wert)
Referenzbereich: 70 - 130 Prozent (errechnet von der durchschnittlichen Gerinnungszeit aus einer größeren Anzahl von gesunden Erwachsenen).
Sie berücksichtigt hauptsächlich den "äußeren" Schenkel der Gerinnung und wird als Suchtest bei Verdacht auf Störungen eines Gerinnungsfaktors und zur Überwachung der Wirkung von blutgerinnungshemmenden Tabletten (medizinisch: orale Antikoagulation) verwendet. Vorgangsweise:
Durch den Zusatz von geeigneten Chemikalien wird im Labor die Gerinnung künstlich ausgelöst, und die dazu notwendige Zeit gemessen. Verlängerte Gerinnungszeiten werden durch niedrigere Prozentzahlen (= niedrigere Aktivität der Gerinnung) ausgedrückt.
In den letzten Jahren wird zunehmend anstatt des Quick-Werts der sogenannte INR (international normalized ratio) als Maß für die Antikoagulation verwendet, da Quick-Werte im Gegensatz zu den INR-Werten nicht miteinander vergleichbar sind, weil verschiedene Labors unterschiedliche Reagenzien verwenden. Der INR berechnet sich aus dem Quotienten der Prothrombinzeit des Patientenplasmas dividiert durch die Prothrombinzeit eines Normalplasmapools.
Angestrebt wird ein wirksamer Bereich, je nach Art der vorliegenden Erkrankung, von 2,0 bis 3,5 INR.
In Österreich ist eine speziell für die Überwachung von blutgerinnungshemmenden Tabletten eingerichtete Sonderform der Prothrombinzeit eingeführt worden, der so genannte "Thrombotest®". Die Gerinnungsaktivität soll auf 5 bis 15 Prozent der Norm eingestellt werden. Über diesem Wert ist der Behandlungserfolg nicht sicher, darunter ist die Gefahr von Blutungen akut gegeben. Die Dosierung der Tabletten ist relativ heikel, daher muss der Erfolg kurzfristig kontrolliert werden

Aktivierte Partielle Thromboplastinzeit (aPTT)
Referenzbereich: 26 - 36 Sekunden
Sie berücksichtigt hauptsächlich den "inneren" Schenkel der Gerinnung und wird für die Abklärung eines Blutungsrisikos bei Operationen, zum Ausschluß einer Bluterkrankheit (medizinisch: Hämophilie) und zur Überwachung künstlicher Blutverflüssigung durch injizierte Medikamente (medizinisch: Heparine) verwendet. Vorgangsweise:
Durch geeignete Chemikalien und Aktivatoren wird die Gerinnung des Plasmas gemessen. Eine verringerte Gerinnungsaktivität zeigt sich in verlängerter Gerinnungszeit.

Fibrinogen
Referenzbereich: 180 - 350 mg/dl
Als Fibrinogen wird ein löslicher Eiweißkörper bezeichnet, der am Ende des Gerinnungsvorganges zu unlöslichen Fäden wird und aus dem schlussendlich das Blutgerinnsel aufgebaut ist. Die Menge an Fibrinogen im Plasma ist in zweierlei Hinsicht wichtig: Erniedrigte Werte können verzögerte Blutgerinnung zur Folge haben; erhöhte Werte finden sich hauptsächlich bei akuten und chronischen Entzündungen, sie wurden als bedeutender Risikofaktor für Arterienverkalkung (Arteriosklerose) erkannt.

Faktor V "Leiden"

Faktor V ("fünf") bewirkt eine Beschleunigung der Gerinnungsvorgänge in dem komplexen Geschehen der Blutgerinnung. Durch eine genetische Mutation dieses Gerinnungsfaktors (erstmals beschrieben an der Universität zu Leiden, Holland, daher der Name!) wird die Inaktivierung des Faktor V verzögert, wodurch die Gerinnungsvorgänge insgesamt verstärkt werden. Träger dieser Mutation haben ein deutlich gesteigertes Risiko, spontan oder im Rahmen anderer Erkrankungen Thrombosen zu entwickeln. Diese Mutation kommt fast ausschließlich bei der weißen, europäischen Bevölkerung vor, und ist relativ weit verbreitet.
Besonders gefährdet sind Patienten mit der reinerbigen (homozygoten) Form.

Faktor II-Variante (Prothrombin 20210)

Faktor II ("zwei") oder Prothrombin ist ein wesentlicher Bestandteil der Blutgerinnung.
Durch eine Mutation im Gen, das dieses Eiweiß produziert, wird die Konzentration von Faktor II im Blut erhöht. Dies führt zu einer erhöhten Neigung zu Thrombosen, ähnlich wie bei Faktor V "Leiden" beschrieben. Die Häufigkeit in der Bevölkerung ist allerdings geringer.
 
Letzte Aktualisierung:
01.03.2007 (Patricia Herzberger)
Autor:
Prof. Dr. med. Kurt Bauer
Experten für diese Seite:
Prof. Dr. med. Kurt Bauer (Labormedizin)
Dr. med. Michael Heins (Labormedizin)

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