Anmelden | Registrieren
Drucken

Wenn die Depression auf´s Herz geht

Eine Depression kann Folge einer Herzerkrankung sein – oder umgekehrt. Die Medizin nimmt diesen Zusammenhang neuerdings stärker ins Visier


Gefährliche Kombination: Aufgrund ihres schweren Leidens können Herzkranke eine Depression entwickeln. Daraus kann sich wiederum ein Herzinfarkt ergeben

Die Bilder haben sich Thomas Jung (Name von der Redaktion geändert) fest in das Gehirn gebrannt: wie Rieke, seine Frau, den Notarzt ruft, wie die Sanitäter ihn auf einer Trage in den Wagen hieven und wie er verkabelt auf der Intensivstation den fremden Geräuschen lauscht. Völlig überraschend erlitt der 58-Jährige aus Düsseldorf einen Herzinfarkt – und überlebte ihn. Doch die ängstigende Erinnerung an die lebensgefährliche Situation hat ihn seit dem Vorfall im Jahr 2008 nicht verlassen.

Noch vor einigen Jahren beschäftigten sich Kardiologen kaum damit, inwieweit psychische Faktoren nach einem Infarkt oder einer anderen Herzerkrankung eine Rolle beim Gesundwerden spielen könnten. Inzwischen hat sich das geändert, und es gibt sogar eine spezielle Weiterbildung in „Psychokardiologie“ für Ärzte und Psychologen. „Die Konfrontation mit der lebensbedrohlichen Erkrankung erschüttert das Selbstbild und die soziale Rolle des Patienten, löst bei ihm Angst aus und stellt eine erhebliche Belastung für ihn dar“, erklärt Privatdozent Dr. Christian Albus, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Köln.


Mit der Erkrankung wird das eigene Leben von einem Moment auf den anderen infrage gestellt. Das kann weitreichende Folgen haben. Manche Menschen macht es niedergeschlagen, freud- und hoffnungslos. Sie fühlen sich der neuen Situation hilflos ausgeliefert. Hält diese seelische Verstimmung länger als zwei Wochen an, kann sie in eine Depression münden. „Bis zu 20 Prozent aller Patienten entwickeln nach einem Herzinfarkt eine Depression“, stellt Professor Christoph Herrmann-Lingen fest, der Leiter der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik Göttingen.

Nicht jede depressive Störung erkennt der Arzt. Schließlich können die verschiedenen körperlichen Symptome wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit und fehlende Lust auf Sex gleichermaßen auf eine Herzinsuffizienz wie auf eine Schwermut hindeuten. „Irrtümlicherweise stufen einige Mediziner depressive Verstimmung bei Herzpatienten immer noch als normale und harmlose Begleiterscheinung ein, die keinen eigenen Krankheitswert hat und nicht behandelt werden muss“, bedauert Herrmann-Lingen.

Studien belegen das Gegenteil – beispielsweise „Heart-and-Soul“, eine internationale Untersuchung mit mehr als tausend Frauen und Männern von durchschnittlich 65 Jahren, bei denen eine koronare Herzerkrankung bekannt war, etwa verengte Kranzgefäße. Bei knapp einem Fünftel der Teilnehmer stellten die Forscher eine Depression fest. Das Ergebnis der Studie nach fünf Jahren: Die psychisch kranken Probanden hatten ein um rund 50 Prozent höheres Infarktrisiko als die Herzkranken mit ausgeglichener Stimmung.

Bei der Auswertung zeigte sich weiter, dass die depressiven Erkrankten zum einen häufiger rauchten, zum anderen kaum körperlich aktiv waren. Vor allem Letzteres bewerten die Studieninitiatoren als herausragenden Risikofaktor für einen schlechteren Verlauf der Herzerkrankung. Das Fazit der Wissenschaftler: Patienten mit einer Herz-Kreislauf-Krankheit müssen viel Eigeninitiative entwickeln, damit ihre Herzprobleme nicht fortschreiten.

Doch genau das schafft ein seelisch kranker Mensch nur sehr schwer. „Die Antriebsstörung ist typisch für eine Depression“, sagt Albus. Sie verhindert, dass der Herzkranke morgens energiegeladen aufsteht, allein Sport treibt oder dafür in eine spezielle Herzsportgruppe geht. Schon Gesunden fällt es nicht leicht, ihre Ernährung so umzustellen, wie es ihnen empfohlen wird, oder das Rauchen aufzugeben. Für den, der an Schwermut leidet, scheinen solche Versuche fast aussichtslos.

Auch bei der Einnahme der Medikamente sehen Ärzte wie Christian Albus schwerwiegende Defizite, wenn eine Depression vorliegt: „Die beste Tablette hilft nicht, wenn sie nicht eingenommen wird.“



  1. 1
  2. 2

Christine Wolfrum / Apotheken Umschau; 25.05.2010, aktualisiert am 02.01.2012
Bildnachweis: istock/northlightimages

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit
BABY und Familie mit Themen rund um Schwangerschaft, Geburt, Vorsorge, Kinderkrankheiten, Homöopathie und Erziehung