Der Wecker klingelt, es ist dunkel. Der Arbeitstag ist geschafft, der Himmel ist schwarz. Die Herbstmode ist braun. Wir essen lila Blaukraut und dunkle Maronen. Der Blumenhändler verkauft blutrote Astern und schwarzgrüne Tannen. Hat der Herbst eigentlich auch irgendetwas Helles?
Die aufgezählten Dinge verursachen natürlich keine Depression. Aber der Herbst ist eine düstere Jahreszeit. Und wenn bei all dieser Schwere auch die bunten Gedanken das Weite suchen, dann ist es eigentlich nicht besonders verwunderlich. So kommt es, dass viele Menschen tatsächlich unter einer Herbstdepression leiden. "Nur rund zehn Prozent der US-Amerikaner geben an, dass ihnen die dunklen Jahreszeit überhaupt nichts ausmacht", erzählt der Münchner Psychologe Fritz Propach. Diese Zahlen gelten laut Propach auch für Deutschland.
Nicht jedes Stimmungstief, das mit dem Ende des Sommers einsetzt, muss gleich eine Herbstdepression sein. Es gibt unterschiedliche Intensitäten und Varianten von Niedergeschlagenheit. Wenn die dunklen Gedanken aber gar nicht mehr verschwinden wollen, dann sollten sich Betroffene lieber an einen Fachmann wenden. "Die meisten Menschen leiden zehn Jahre, bis ihre Herbstdepression erkannt und behandelt wird", so Propach.
Die Symptome eines jahreszeitabhängigen Stimmungstiefs sind sehr ähnlich wie bei einer ganz normalen Depression. Dazu zählen eine gedrückte Stimmung und Antriebslosigkeit. Oft finden die Betroffenen keine Freude mehr an Tätigkeiten, die sie sonst immer sehr gerne gemacht haben. Manche Patienten fühlen sich auch wertlos oder haben unerklärliche Schuldgefühle.
Hinzu kommen zwei Umstände, die bei einer klassischen Depression eher untypisch sind. Das sind zum einen ein erhöhtes Schlafbedürfnis und zum anderen verstärkte Hungergefühle. "Klassische Depressionspatienten hingegen leiden eher unter Schlaf- und Appetitlosigkeit", so Propach. Herbstdepressive gelüstet es oft vor allem nach kohlenhydratreichen Nahrungsmitteln wie Süßigkeiten und Pasta.
Als Auslöser der Herbstdepression gilt vor allem Lichtmangel. Das erklärt auch, weshalb beispielsweise die Finnen, bei denen es sehr früh und lange dunkel ist, öfter betroffen sind als wir Deutschen. Die Italiener wiederum leiden viel seltener unter Herbstdepressionen. Sie sehen die Sonne auch im Herbst und Winter noch oft genug. Der endgültige Mechanismus ist aber noch nicht geklärt. Mit großer Sicherheit spielen der Serotonin- und Melatonin-Haushalt Sicherheit eine wichtige Rolle.
Als erstes Mittel gegen Herbstdepressionen nennt Propach "Licht, Licht, Licht". Zum einen ganz klassisch getankt, mit einem Spaziergang an der frischen Luft. Wenn dabei die Lichtintensität nicht hoch genug ist, dann kann ein Arzt Helligkeit auch medizinisch einsetzen. In Form von einer Lichttherapie. Hierbei wird der Patient mit sehr hellen Lampen bestrahlt.
Um Nebenwirkungen zu vermeiden, muss eine solche Behandlung immer unter fachkundiger Aufsicht erfolgen. Die besonders starken Geräte stehen sicherheitshalber in Kliniken oder Praxen, aber es gibt auch etwas schwächere Modelle für zu Hause. Am besten soll die Therapie übrigens anschlagen, wenn die Betroffenen ihre Lichtdusche in den frühen Morgenstunden nehmen. Aber auch später kann eine Wirkung erzielt werden.
Was kann man sonst noch machen? Auch bei dieser Spezialform einer Depression ist Bewegung immer ein Mittel der ersten Wahl. Sport kann sowohl physische als auch psychische Beschwerden lindern. Des weiteren ist eine vitaminreiche Ernährung ratsam. Wer den gesteigerten Appetit mit Obst, Gemüse und anderen gesunden Nahrungsmitteln stillt, der bekommt im Nachhinein auch nicht – zusätzliche zum Winter-Blues – noch schlechte Laune wegen der Figursünde. Ab und zu darf es aber auch mal ein Stückchen Schokolade sein. "Der süße Genuss setzt Glücksgefühle frei", weiß Propach.
Was kann man tun, wenn die Herbstdepression schon da ist? Normalerweise sollte sich das Tief mit dem Frühling von selber verkrümeln. In der Zwischenzeit können die gerade genannten Tipps Linderung verschaffen. Auch ein Urlaub in der Sonne kann Wunder wirken. "Mit zwei Wochen Ägypten im November können auch Berufstätige ihre Lichtspeicher für die dunkle Zeit füllen", rät Propach.
Wenn die Gedanken zu düster werden und der Leidensdruck zu stark, dann kann auch eine Psychotherapie helfen. Eventuell mit medikamentöser Unterstützung. Das muss aber ein Arzt oder Psychologe entscheiden. Laut unserem Experten leiden übrigens drei Prozent der Bundesbürger unter einer echten klinischen Herbstdepression. Die etwas schwächere, subsyndromale Ausprägung betrifft immerhin schon 20 Prozent. Der Frauenanteil ist dreimal so hoch wie der betroffener Männer.
Sophie Kelm / www.apotheken-umschau.de;
21.10.2010, aktualisiert am 02.01.2012
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera
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