Darmkrebsvorsorge: Warum sie wichtig ist

Kaum eine Früherkennungsmaßnahme ist so erfolgreich wie die Darmspiegelung. Weshalb jeder die Chance nutzen sollte – Männer sogar früher als Frauen
von Dr. Achim G. Schneider, 02.05.2017

Die Darmkrebsvorsorge sollte einen festen Platz im Terminkalender haben

W&B/Philipp Nemenz

Darmkrebs ist das zweithäufigste Tumorleiden in Deutschland. Erfreulicherweise sinkt aber inzwischen die Zahl der Menschen, die erkranken – und auch derjenigen, die daran sterben. Dieser Trend hat vor allem einen Grund: Seit Ok­tober 2002 hat jeder gesetzlich Versicherte ab dem ­Alter von 55 Anspruch auf eine vorsorgliche Darmspiegelung (Koloskopie). Gastroenterologen spüren dabei gutartige Polypen auf und entfernen sie, bevor diese zu bösartigen Tumoren werden.

In zehn Jahren hat diese Untersuchung rund 180 000 Menschen vor Darmkrebs bewahrt. Bei weiteren 40 000 Personen wurden Tumore in so frühen Stadien entdeckt und beseitigt, dass für die Behandelten noch ausgezeichnete Chancen auf Heilung bestehen. So das Ergebnis einer Analyse des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, veröffentlicht 2015 in der Fachzeitschrift Clinical Gastroenterology and Hepatology.

Kaum Komplikationen durch Darmspiegelungen

"Es gibt kaum Vorsorgemaßnahmen im deutschen Gesundheitssystem, die einen derartig guten Schutz für die Bevölkerung bieten", urteilt Professor Wolff Schmiegel, ärztlicher Direktor am Uniklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum und bis vor wenigen Monaten Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft.

Die Heidelberger Analyse habe auch gezeigt, dass die Methode sicher ist, erklärt der Experte. So kam es bei Spiegelungen nur selten zu Komplikationen wie Nachblutungen oder Verletzungen der Darmwand. "Die Ergebnisse in Deutschland können sich mit denen der besten Zentren in den USA messen lassen", freut sich Schmiegel. Hier­zulande führen die rund 1700 nieder­gelassenen Gastroenterologen fast alle Vorsorge-Kolo­skopien durch.

Experte: 50.000 Darmkrebsfälle wären pro Jahr vermeidbar

Krebsspezialist Schmiegel gibt sich mit dem Erreichten jedoch nicht zufrieden. Noch immer erkranken in Deutschland jährlich rund 62 000 Menschen an Darmkrebs, so die jüngsten Zahlen. "Dabei ließen sich rund 50 000 weitere Fälle vermeiden, wenn alle das Ko­lo­skopie-Angebot nutzen würden." Bislang geht allerdings nur jeder Fünfte zur Vorsorgeuntersuchung.

Das soll sich nun ändern. Ein verbessertes Screening-Programm ist bereits beschlossen, schon in den kommenden Monaten soll es in Kraft treten. Experten hoffen, damit mehr Menschen für Kolo­skopien zu gewinnen. Unter anderem mit einem besonderen Geburtstagsgruß: Bald werden alle Versicherten Post von ihrer Krankenkasse bekommen, wenn sie 50 Jahre alt werden – mit einer Einladung zum Darmkrebs-Screening und einer Informationsbroschüre. "Die persönliche Ansprache kann ein wichtiger Schlüsselreiz zum Handeln sein", sagt Professorin Monika Sieverding vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Das könne insbesondere Menschen zur Teilnahme motivieren, die nur selten zum Arzt gehen und sich bislang kaum mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen – oft, weil es ihnen gut geht.

Gibt es bei mir eine Veranlagung zu Darmkrebs?

Es lohnt sich nachzuforschen, ob ein naher Verwandter an Darmkrebs erkrankte und in welchem Alter. Denn dann muss die Vorsorge früher beginnen.

  • Sporadisch auftretender Darmkrebs
    Die meisten Menschen zählen zu dieser Risikogruppe. Für sie beginnt die Vorsorge künftig bereits mit dem 50. Lebensjahr.
  • Familiär gehäufter Darmkrebs
    Menschen mit mindestens einem Angehörigen ersten Grades, der an Darmkrebs erkrankte, tragen ein erhöhtes Risiko, dass es sie ebenfalls trifft. Ihre erste Spie­gelung sollte zehn Jahre vor dem Alter stattfinden, in dem der Angehörige seine Diagnose erhielt. Spätestens jedoch mit 45 Jahren sollte eine Koloskopie erfolgen.
  • Erblicher Darmkrebs
    Davon gibt es viele Formen. Betroffene erkranken oft in jungen Jahren. Gentests verraten, ob jemand die Ver­an­lagung dafür hat, etwa für erblichen nichtpolypösen Darmkrebs. Genträger erhalten bereits in jungen ­Jahren eine inten­sivierte Krebs­vorsorge.

Ohne Beschwerden zum Arzt gehen

Doch für seinen Darm kann man eben genau dann am meisten tun, solange das Verdauungsorgan noch intakt ist. Denn wenn der Bauch erst schmerzt oder Blut im Stuhl gefunden wird und die Kolo­skopie tatsächlich eine Krebsdiagnose liefert, haben sich oft bereits Tochtergeschwülste gebildet. Die Chancen auf Heilung sind dann eher mäßig bis schlecht. Bei frühen Darmkrebsstadien hingegen bestehen ausgezeichnete Aussichten, wieder gesund zu werden. Diese Tumore bereiten aber keine Beschwerden und können daher nur durch Früh­erkennungs-Untersuchungen entdeckt werden.

Männer sollen in naher Zukunft bereits ab 50 Anspruch auf dieses Angebot haben. Bereits ab dann bekommen sie die Screening-Leistung von ihrer Krankenkasse bezahlt – fünf Jahre eher als bisher und fünf Jahre eher als Frauen. Professor Thomas Seufferlein, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere ­Medizin I am Uniklinikum Ulm, erklärt den Grund dafür: "Es hat sich herausgestellt, dass Männer häufig schon in jüngeren Jahren Polypen oder Tumore haben."

Männer erkranken früher und häufiger

Auch das generelle Risiko, im Lauf des Lebens irgendwann an Darmkrebs zu erkranken, liegt bei Männern mit 7,5 Prozent höher als bei Frauen (6,1 Prozent). Indem man die Altersgrenze für Männer bei 50 Jahren ansetzt, schafft man also für beide Geschlechter gleich gute Möglichkeiten der Vorsorge und Früherkennung.

Doch Koloskopien sind aufwendig und invasiv. Gastroenterologen schieben dabei einen rund 1,5 Meter langen Schlauch durch den Darm. Diesen müssen die Patienten vorher mithilfe von Abführmitteln leeren.

Stuhluntersuchungen als Alternative zur Spiegelung?

All jenen, die das für sich nicht akzeptieren, raten Experten dringend zumindest zu Stuhl-Untersuchungen. Diese Tests machen verborgenes Blut im Stuhl sichtbar – ein mög­liches Anzeichen für Polypen oder ­Tumore. Solche Tests gibt es seit Langem, doch am 1. April 2017 werden die bisherigen durch bessere ersetzt. Diese sind deutlich empfindlicher, weniger störanfällig und messen zudem, wie viel Blut sich im Stuhl befindet. Die Analyse erfolgt im Labor, daher müssen die Patienten ein paar Tage auf ihr Ergebnis warten.

"Doch auch die neuen immunologischen Tests sind der Koloskopie nicht ebenbürtig", betont Seufferlein. Denn nicht alle Tumore bluten, und manche tun es nur zeitweise. So erkennt ein Stuhltest Krebs nur mit einer Verlässlichkeit von 70 Prozent. Bei großen Polypen beträgt die Quote lediglich 25 Prozent. Zum Vergleich: Eine Spiegelung erreicht jeweils mindestens 90 Prozent.

Stuhltests wiederholen

Bei einem einzelnen Stuhltest bleiben krankhafte Veränderungen also oft unentdeckt. Wer sich für diese Vorsorge-Strategie entscheidet, sollte sich deshalb wiederholt testen lassen. Diese Empfehlung gilt auch für das neue, bessere Nachweisverfahren.

Findet der Test allerdings Blut im Stuhl, ist anschließend ohnehin fast immer eine Darmspiegelung nötig, um die Ursachen abzuklären. Denn außer Polypen und Tumoren kommen auch andere  Gründe infrage, zum Beispiel eine akute Entzündung. Männern und Frauen werden Stuhltests vom 50. bis zum 54. Lebensjahr einmal jährlich von ihrer Krankenkasse bezahlt, ab dem 55. Lebensjahr dann einmal alle zwei Jahre.

Krebsrisiko durch den Lebensstil verringern

Jeder von uns kann allerdings noch sehr viel mehr für seine Darmgesundheit tun – und auch sehr viel früher. Wissenschaftler haben fünf Faktoren ausgemacht, die für die Darmkrebsprävention wichtig sind.

Wer aufs Rauchen verzichtet, Alkohol allenfalls in moderaten Mengen trinkt, sich in ausreichendem Maß bewegt, normal viel wiegt und sich ausgewogen ernährt, hat ein um rund 40 Prozent niedrigeres Darmkrebsrisiko im Vergleich zu jemandem, der einen sehr ungesunden Lebensstil pflegt. Das ergab eine Analyse des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam, veröffentlicht 2014 in der Fachzeitschrift BMC Medicine.

Männer biologisch im Nachteil

Diese Analyse zeigt außerdem einmal mehr, dass Männer häufiger als Frauen zu viel Alkohol trinken, rauchen und zu viele Pfunde auf die Waage bringen – alles Mitursachen dafür, dass sie auch öfter an Darmkrebs erkranken.

Doch offenbar haben Frauen zusätzlich einen biologischen Vorteil bezüglich der Tumorerkrankung. Mediziner Schmiegel: "Ihre natürlichen Östrogene haben wahrscheinlich einen gewissen Schutzeffekt." All das zusammen erklärt, warum Darmkrebs Frauen im Schnitt ein paar Jahre später trifft – und warum es sinnvoll ist, dass Männer demnächst bereits mit 50 Jahren Anspruch auf eine Koloskopie haben.


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